Ödipus am Abgrund
Die antike Ödipus-Tragödie trifft in einer Neuinszenierung am Theater Konstanz auf Klimakrise, Ressourcenknappheit und politische Ohnmacht. So wird aus diesem Stoff ein düsteres Zukunftsszenario.
Ob Gott wirklich hilft die Queen zu retten? (Bild:pd/ Ilja Mess)
Klimakrise, Ressourcenknappheit und politische Spannungen prägen die Gegenwart. Häufig reagieren wir – aus Überforderung, Ermüdung oder Hilflosigkeit – darauf mit einem müden Achselzucken und dem Versuch, unseren Alltag möglichst ungestört weiterzuführen.
In dieser Gegenwart inszeniert der österreichische Autor Thomas Köck seine Version der Ödipus-Tragödie – ein antiker Stoff, hineinkatapultiert in die Dystopie eines beschädigten Planeten. Forecast: Ödipus – living on a damaged planet (τύφλωσις, II) heisst das Stück, das 2023 am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt wurde. Am Theater Konstanz bringt die Regisseurin Maike Bouschen diese Dystopie auf die Bühne und erkundet die Verbindung zwischen antiker Tragödie und aktueller Weltlage.
Das alte Theben ist bei Köck eine futuristische Stadt am Rande des ökologischen Zusammenbruchs. Es herrscht Dürre, die Umweltverschmutzung ist enorm und die Ressourcen sind aufgebraucht. Doch anstatt daraus Konsequenzen zu ziehen und ihr Verhalten zu ändern, hält die Gesellschaft an ihren bisherigen Lebensgewohnheiten fest – frei nach dem Motto: Solange ich das Problem ignoriere, gibt es kein Problem. «Ein Systemwechsel hin zu einer Politik des Verzichts liegt in weiter Ferne», heisst es in der Stückbeschreibung des Theaters. Und näher wird dieser Wechsel vermutlich auch auf der Bühne nicht kommen.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich auch der Konflikt zwischen Ödipus und seinem Schwager Kreon. Zwar geht es, wie im antiken Drama, noch immer um Misstrauen und Machtgier, doch die Figuren diskutieren auch über politische Narrative, darüber, wer die bessere Strategie gegen den Kollaps hat. Es wird gestritten, geschoben, gezweifelt. Die Schuld am Zustand der Welt haben natürlich immer die anderen. Und auch der tragische Held Ödipus findet nicht mehr durch kluges Fragen zur Wahrheit, beziehungsweise er merkt nicht, dass er selbst Teil des Problems ist.
Was Sache ist, wissen eigentlich schon alle: Die Welt steht vor dem Untergang (und Ödipus ist mit seiner Mutter verheiratet). So wirklich wahrhaben will das aber niemand. Einzig die Figur der Pythia, bei Köck die personifizierte Stimme des Orakels, redet von Anfang an Klartext: «Die Party ist vorbei.»
Forecast: Ödipus – living on a damaged planet (τύφλωσις, II): bis 17. Mai, Theater Konstanz.
theaterkonstanz.de
Tanzstück in St.Gallen
Katharsis durch brutale Performance: Die Tanzkompanie St.Gallen feierte letzten Donnerstag Premiere im Grossen Haus mit Aischylos’ Oresteia. Ein zeitgenössischer Balanceakt zwischen archaischer Gewaltspirale und fragilem Neuanfang.
Theater in der Kellerbühne
Ein Amuse-Bouche mit einer Extraportion Komik: Die St.Galler Kellerbühne serviert den französischen Klassiker Der Vorname im Dialekt unter der Regie von Brigitte Schwarz. Die Ego-Kollisionen auf der Bühne zeigen auf: ein Name ist nicht bloss Schall und Rauch.
Theater
Das Theater St.Gallen holt mit Kleists Käthchen von Heilbronn einen Klassiker auf die Bühne und arbeitet sich an den überholten Genderrollen ab – lustvoll, multimedial und mit einem Finale, bei dem es dem Autor die Sprache verschlägt.
Das neue Stück des Komiktheaters lädt ein, sich spielerisch mit Gegensätzen auseinanderzusetzen und die Grenzen zwischen Sichtbarem und Verborgenem zu erkunden.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.