Im Preissegen der Kulturstiftung ist der Kunstpreis die Nummer zwei und der Anerkennungspreis die Nummer drei. Nummer eins, der Grosse Kulturpreis, wird alle vier Jahre verliehen, daneben existieren jährlich vergebene Förderpreise.
Seit der Gründung 1985 habe die Stiftung 226 Preise verliehen, rechnete Stiftungsratspräsident Thomas Birri nach. Und verglich die Auswahl der Preisträger:innen mit dem Stern- und Punktesegen in der Gastronomie, die neun Mitglieder des Stiftungsrats als kulturelle «Testesser:innen». Ihre Hauptkriterien, gemäss Stiftungsreglement, haben es in sich: «Mut, Dringlichkeit und Leidenschaft».
Für das diesjährige Preismenü, musikalisch umrahmt von Gaby Krapf, standen nicht die Traditionssparten der Hochkultur im Zentrum. Sondern zum einen, wie es Roman Riklin, der Träger des Kunstpreises, nannte, die «Stiefkinder» der Künste. In seinem Fall: Musical und Comedy. Der Anerkennungspreis der Stiftung, zum andern, geht an ein Vermittlungsprojekt, das in einem radikalen Sinn Kultur für alle und mit allen macht: mit Jugendlichen, Migrant:innen, Straftätern, Lehrlingen und anderen.
Partizipativ, spielerisch, fluid
Die Kulturkosmonauten, vor acht Jahren gegründet und mit inzwischen hunderten von Workshops sowie dem Montagstraining aus St.Gallen nicht mehr wegzudenken, bekommen den Anerkennungspreis der Stiftung «für ihr mutiges Erschaffen eines vielfältigen Kulturuniversums». Stiftungsrätin Christine Enz hob die Qualitäten der kosmonautischen Arbeit hervor: partizipativ, niederschwellig, spielerisch, fluid. In ihren Workshops und Theaterprojekten gebe es keine Zuschauenden, nur Mitwirkende.
Das erlebte man dann gleich live, in einer Bewegungsperformance aus dem Montagstraining. Der Begleittext, von einer Mitspielerin gesprochen, lobte das Training als einen Raum, wo jede und jeder sich selber sein könne, wo «keiner fragt, woher ich komme». «Montags», so ihr Fazit mit faustischem Pathos, «bin ich Mensch, hier darf ich sein.» Pamela Dürr, die künstlerische Leiterin der Kosmonauten, betonte die Dringlichkeit der Skills, die hier trainiert werden, und bedankte sich mit einem Toast «auf die Zukunft».
Die Kulturkosmonauten bei ihrer Bewegungsperformance in der Kanti am Burggraben. (Bild: David Gadze)
Ihre Erfahrungen mit den Kulturkosmonauten hat auch Regierungsrätin Laura Bucher gemacht. In Workshops mit den Lernenden der Kantonsverwaltung seien unter anderem neue Ämter erfunden worden: ein Amt für Erinnerung, für Geld, für Heilung, für Lösungen, für Chaos, für Musik, für Identität, für Tageszeiten oder für Ratschläge. Die Lernenden hätten sich geradezu verwandelt bei dieser Arbeit, lobte die Kulturministerin in ihrem Grusswort.
«Tausendsassa» ohne Berührungsängste
Kultur für alle oder jedenfalls für viele ist auch Roman Riklins Verdienst. Der Autor, Komponist, Musiker und Saiten-Gründer hat seine Karriere mit der Band Mumpitz einst am Stägefäscht der Kanti am Burggraben St.Gallen begonnen – am Ort, wo jetzt auch die Preisverleihung stattfand und an den er selber nicht die besten Erinnerungen habe: «Die Idee der Anwesenheitspflicht habe ich nie verstanden.»
Sein Ding war vielmehr Kreativität – gepaart mit Genauigkeit. Sprudelnd, überraschend, vielfältig, zuverlässig, akribisch, mit Liebe zum Detail: So charakterisieren Mitstreiter:innen den Künstler Roman Riklin. Laudator Hans Bärtsch zitierte sie und zeichnete den Karriereweg nach: von den Mundartsongs mit Mumpitz, 1992 zur besten Schweizer Nachwuchsband gekrönt, und dem musikpolitischen Engagement in St.Gallen zu den Musical-Erfolgen mit Space Dream, Ewigi Liebi, Ost Side Story oder Mamma Mia, den Comedyprogrammen mit Heinz de Specht und Riklin & Schaub bis zum Secondhand Orchestra und dessen «Mundartshows» mit Hommagen an die Beatles, Freddie Mercury und aktuell Abba.
Der «Geschichtenerzähler» und «Tausendsassa mit Gespür für hochstehende Unterhaltung» (Bärtsch) dankte mit einem fulminanten Plädoyer für eine Kultur, «die die Menschen berührt und bewegt». Grenzziehungen zwischen E- und U-Musik seien «Blödsinn», in allen Sparten gebe es gute und schlechte Arbeiten. Riklin dankte seinen Mit-Macherinnen, namentlich Dominik Flaschka und Daniel Schaub, der Familie, dem Publikum – und am Ende auch den Kulturkosmonaut:innen für ihre Art des Geschichtenerzählens. Sie glaubten wie er selber an die «pubertäre Idee, die Welt wenigstens ein bisschen verändern zu können».
Und sie eröffneten sich und dem Publikum die Chance, andere Perspektiven kennenzulernen. «Perspektivenwechsel sind das beste Empathietraining», sagt Riklin. Vielleicht ein Thema für das von den Lernenden ausgedachte neue Amt für Lösungen beim Kanton St.Gallen.