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Preisgekrönte Stiefkinder

Roman Riklin (Mitte) mit Laudator Hans Bärtsch (links) und Stiftungsratspräsident Thomas Birri. (Bild: Ladina Thöny) 

Roman Riklin (Mitte) mit Laudator Hans Bärtsch (links) und Stiftungsratspräsident Thomas Birri. (Bild: Ladina Thöny) 

Musiker Roman Riklin und die Kulturkosmonauten haben am Donnerstag den Kunst- und den Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung bekommen. Und klargemacht, was die Welt dringend bräuchte: Empathie.

Im Preis­se­gen der Kul­tur­stif­tung ist der Kunst­preis die Num­mer zwei und der An­er­ken­nungs­preis die Num­mer drei. Num­mer eins, der Gros­se Kul­tur­preis, wird al­le vier Jah­re ver­lie­hen, da­ne­ben exis­tie­ren jähr­lich ver­ge­be­ne För­der­prei­se. 

Seit der Grün­dung 1985 ha­be die Stif­tung 226 Prei­se ver­lie­hen, rech­ne­te Stif­tungs­rats­prä­si­dent Tho­mas Bir­ri nach. Und ver­glich die Aus­wahl der Preis­trä­ger:in­nen mit dem Stern- und Punk­te­se­gen in der Gas­tro­no­mie, die neun Mit­glie­der des Stif­tungs­rats als kul­tu­rel­le «Test­esser:in­nen». Ih­re Haupt­kri­te­ri­en, ge­mäss Stif­tungs­re­gle­ment, ha­ben es in sich: «Mut, Dring­lich­keit und Lei­den­schaft».

Für das dies­jäh­ri­ge Preis­me­nü, mu­si­ka­lisch um­rahmt von Ga­by Krapf, stan­den nicht die Tra­di­ti­ons­spar­ten der Hoch­kul­tur im Zen­trum. Son­dern zum ei­nen, wie es Ro­man Rik­lin, der Trä­ger des Kunst­prei­ses, nann­te, die «Stief­kin­der» der Küns­te. In sei­nem Fall: Mu­si­cal und Co­me­dy. Der An­er­ken­nungs­preis der Stif­tung, zum an­dern, geht an ein Ver­mitt­lungs­pro­jekt, das in ei­nem ra­di­ka­len Sinn Kul­tur für al­le und mit al­len macht: mit Ju­gend­li­chen, Mi­grant:in­nen, Straf­tä­tern, Lehr­lin­gen und an­de­ren.

Par­ti­zi­pa­tiv, spie­le­risch, flu­id

Die Kul­tur­kos­mo­nau­ten, vor acht Jah­ren ge­grün­det und mit in­zwi­schen hun­der­ten von Work­shops so­wie dem Mon­tags­trai­ning aus St.Gal­len nicht mehr weg­zu­den­ken, be­kom­men den An­er­ken­nungs­preis der Stif­tung «für ihr mu­ti­ges Er­schaf­fen ei­nes viel­fäl­ti­gen Kul­tur­uni­ver­sums». Stif­tungs­rä­tin Chris­ti­ne Enz hob die Qua­li­tä­ten der kos­mo­nau­ti­schen Ar­beit her­vor: par­ti­zi­pa­tiv, nie­der­schwel­lig, spie­le­risch, flu­id. In ih­ren Work­shops und Thea­ter­pro­jek­ten ge­be es kei­ne Zu­schau­en­den, nur Mit­wir­ken­de. 

Das er­leb­te man dann gleich live, in ei­ner Be­we­gungs­per­for­mance aus dem Mon­tags­trai­ning. Der Be­gleit­text, von ei­ner Mit­spie­le­rin ge­spro­chen, lob­te das Trai­ning als ei­nen Raum, wo je­de und je­der sich sel­ber sein kön­ne, wo «kei­ner fragt, wo­her ich kom­me». «Mon­tags», so ihr Fa­zit mit faus­ti­schem Pa­thos, «bin ich Mensch, hier darf ich sein.» Pa­me­la Dürr, die künst­le­ri­sche Lei­te­rin der Kos­mo­nau­ten, be­ton­te die Dring­lich­keit der Skills, die hier trai­niert wer­den, und be­dank­te sich mit ei­nem Toast «auf die Zu­kunft». 

Die Kulturkosmonauten bei ihrer Bewegungsperformance in der Kanti am Burggraben. (Bild: David Gadze)

Die Kulturkosmonauten bei ihrer Bewegungsperformance in der Kanti am Burggraben. (Bild: David Gadze)

Ih­re Er­fah­run­gen mit den Kul­tur­kos­mo­nau­ten hat auch Re­gie­rungs­rä­tin Lau­ra Bucher ge­macht. In Work­shops mit den Ler­nen­den der Kan­tons­ver­wal­tung sei­en un­ter an­de­rem neue Äm­ter er­fun­den wor­den: ein Amt für Er­in­ne­rung, für Geld, für Hei­lung, für Lö­sun­gen, für Cha­os, für Mu­sik, für Iden­ti­tät, für Ta­ges­zei­ten oder für Rat­schlä­ge. Die Ler­nen­den hät­ten sich ge­ra­de­zu ver­wan­delt bei die­ser Ar­beit, lob­te die Kul­tur­mi­nis­te­rin in ih­rem Gruss­wort.

«Tau­send­sas­sa» oh­ne Be­rüh­rungs­ängs­te

Kul­tur für al­le oder je­den­falls für vie­le ist auch Ro­man Rik­lins Ver­dienst. Der Au­tor, Kom­po­nist, Mu­si­ker und Sai­ten-Grün­der hat sei­ne Kar­rie­re mit der Band Mum­pitz einst am Stä­ge­fäscht der Kan­ti am Burg­gra­ben St.Gal­len be­gon­nen – am Ort, wo jetzt auch die Preis­ver­lei­hung statt­fand und an den er sel­ber nicht die bes­ten Er­in­ne­run­gen ha­be: «Die Idee der An­we­sen­heits­pflicht ha­be ich nie ver­stan­den.»

Sein Ding war viel­mehr Krea­ti­vi­tät – ge­paart mit Ge­nau­ig­keit. Spru­delnd, über­ra­schend, viel­fäl­tig, zu­ver­läs­sig, akri­bisch, mit Lie­be zum De­tail: So cha­rak­te­ri­sie­ren Mit­strei­ter:in­nen den Künst­ler Ro­man Rik­lin. Lau­da­tor Hans Bärtsch zi­tier­te sie und zeich­ne­te den Kar­rie­re­weg nach: von den Mund­art­songs mit Mum­pitz, 1992 zur bes­ten Schwei­zer Nach­wuchs­band ge­krönt, und dem mu­sik­po­li­ti­schen En­ga­ge­ment in St.Gal­len zu den Mu­si­cal-Er­fol­gen mit Space Dream, Ewi­gi Lie­bi, Ost Si­de Sto­ry oder Mam­ma Mia, den Co­me­dy­pro­gram­men mit Heinz de Specht und Rik­lin & Schaub bis zum Se­cond­hand Or­ches­tra und des­sen «Mund­art­shows» mit Hom­ma­gen an die Beat­les, Fred­die Mer­cu­ry und ak­tu­ell Ab­ba.

Der «Ge­schich­ten­er­zäh­ler» und «Tau­send­sas­sa mit Ge­spür für hoch­ste­hen­de Un­ter­hal­tung» (Bärtsch) dank­te mit ei­nem ful­mi­nan­ten Plä­doy­er für ei­ne Kul­tur, «die die Men­schen be­rührt und be­wegt». Grenz­zie­hun­gen zwi­schen E- und U-Mu­sik sei­en «Blöd­sinn», in al­len Spar­ten ge­be es gu­te und schlech­te Ar­bei­ten. Rik­lin dank­te sei­nen Mit-Ma­che­rin­nen, na­ment­lich Do­mi­nik Flasch­ka und Da­ni­el Schaub, der Fa­mi­lie, dem Pu­bli­kum – und am En­de auch den Kul­tur­kos­mo­naut:in­nen für ih­re Art des Ge­schich­ten­er­zäh­lens. Sie glaub­ten wie er sel­ber an die «pu­ber­tä­re Idee, die Welt we­nigs­tens ein biss­chen ver­än­dern zu kön­nen». 

Und sie er­öff­ne­ten sich und dem Pu­bli­kum die Chan­ce, an­de­re Per­spek­ti­ven ken­nen­zu­ler­nen. «Per­spek­ti­ven­wech­sel sind das bes­te Em­pa­thie­trai­ning», sagt Rik­lin. Viel­leicht ein The­ma für das von den Ler­nen­den aus­ge­dach­te neue Amt für Lö­sun­gen beim Kan­ton St.Gal­len. 

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