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Grösste Wunderdichte

Surbers Ehrenrunde IV: Pamela Dürr, Autorin und Theaterfrau, leitet das Projekt Kulturkosmonauten für Jugendliche in St.Gallen, schreibt Hörspiele und erfindet Sprachen. Kreatives Tun müsste in allen Schulen obligatorisch sein, findet sie.
Von  Peter Surber , 
Pamela Dürr. (Bilder: Hanes Sturzenegger)

«Integration ist keine Einbahnstrasse. Drum ist auch der Begriff der kulturellen Teilhabe falsch – als wäre die Gesellschaft ein Kuchen, von dem man grosszügig ein Stück abgibt. Teilsein wäre der bessere Ausdruck.» Wir sind mitten im Thema, ihrem Leidenschaftsthema, und Pamela Dürr kommt ins Feuer. Inzwischen, lacht sie, sei es sogar gelungen, die Schweizer Mitwirkenden zu integrieren. «Die sind die härteste Knacknuss. Es dauerte lange, bis sich auch Schweizerinnen und Schweizer ins Montagstraining getraut haben.»

Das Montagstraining in der St.Galler Talhof-Turnhalle ist herausgewachsen aus der Arbeit mit den Kulturkosmonauten. 2016 hat Pamela Dürr das Projekt entwickelt und in einer Pilotphase erprobt: In zehntägigen Workshops setzen sich Jugendliche, geleitet von Profis aus unterschiedlichen Sparten, künstlerisch mit einem Thema, einem Text, einem Stück auseinander. Das Ergebnis wird am neunten Tag präsentiert und am letzten Tag reflektiert.

Die Mehrzahl der Teilnehmenden hat einen migrantischen Hintergrund, es wimmelt von Sprachen und Kulturen, willkommen sind alle, auch ohne Geld, ohne Deutschkenntnisse, ohne Theatererfahrung. Niederschwelligkeit und Offenheit für alle Schichten, worum sich andere Kulturinstitutionen vergeblich bemühten, sei hier selbstverständlich. «Die Diversität kommt zu uns», sagt Pamela Dürr.

Kultur braucht Verbündete

Wir treffen uns in ihrem Atelier in St.Georgen, mit Weitblick über die halbe Stadt St.Gallen. Pamela Dürr, Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Mutter zweier Kinder im Jugendalter, ist als künstlerische Leiterin Kopf und Herz des Projekts. Aber sie relativiert gleich: «Was wäre man ohne seine Verbündeten?».

Nach der Pilotphase wurde ein Verein als Träger gegründet, die Geschäftsstelle durch Ann Katrin Cooper als Geschäftsführerin erweitert und ein Netzwerk mit 30 Künstlerinnen und Künstlern gebildet. Seit 2016 haben 68 solcher Workshops stattgefunden, finanziert von der Drosos-Stiftung, der öffentlichen Hand und Partnerorganisationen wie dem Berufsvorbereitungsjahr und den Integrationsklassen der Berufsschule GBS St.Gallen, der PHSG oder der auf Deutschkurse spezialisierten Arge Bilang. Neu trägt das vom Bund finanzierte Programm «Neues Wir» das Projekt mit, und mit Ninian Green (Geschäftsführung) und Ariana Ismaili (Administration) ist auch die Geschäftsstelle erweitert worden.

Zwei Wochen Workshop mit Laien – ist das nachhaltig genug? Die Länge sei ideal, «weil man von Anfang an die Idee von Perfektion aufgeben muss», sagt sie. Loslegen, machen, herausfinden, was den Jugendlichen unter den Nägeln brennt, gemeinsam eine Sprache finden oder vielmehr viele Sprachen: Darum gehe es. Die Theater-, Tanz- oder Musikprofis, die die Kurse zu zweit leiten, brächten zwar Ideen, Erfahrung, ihre Skills mit – «aber die Jugendlichen merken rasch, dass es ohne sie nicht geht. Manche sind von Anfang an voll dabei, andere machen erst mit der Zeit ihren Knopf auf.»

Und das Schönste seien die Pannen – etwas geht schief, und einer rettet die Aufführung, der bis dahin vielleicht ganz still mitgemacht hat. «Ich liebe es, wenn Wunder passieren. Die Kulturkosmonauten sind für mich das Projekt mit der grössten Wunderdichte, das ich kenne.»

Besonders viel Wunderglauben brauchte das Team in der Pandemie. Plötzlich war Schluss mit gemeinsamem Entwickeln, alle sassen im eigenen Kämmerchen, nur noch Kleingruppen waren möglich – die Kulturkosmonauten fanden trotzdem immer irgendwie statt, draussen in der Winterkälte, mit Videoformaten statt Liveaufführungen, Ideen mussten über den Haufen geworfen und neu gefunden werden.

Das Resultat, mehrere Kurzfilme, war kürzlich im St.Galler Kinok zu sehen, und eine der Mitwirkenden sagte darin einen Satz, der programmatisch ist für die Erfahrungen im gemeinsamen kreativen Tun: «Es bruucht di».

Ein Freiraum namens Schreiben

Was es sonst braucht? «Post-it, Gaffatape und Kabelbinder», lacht Pamela Dürr. Diese drei für Theaterpraktiker:innen unentbehrlichen Dinge hätte sie am liebsten selber erfunden. An der Wand in ihrem Atelier kleben Dutzende von Post-its mit Stichworten zu ihren aktuellen Projekten. Daneben Prospekte und Flyer ihrer Arbeiten. Am Opernhaus Zürich hat sie den Text für eine Odyssee für Kinder geschrieben, die Science-Fiction-Oper humanoid ist inzwischen in Bern, Winterthur und Hannover aufgeführt worden. Mit Radio SRF produziert sie Hörspiele für Kinder. 2021 hat sie ein Hörspiel zum St.Galler Klosterplan herausgebracht, Bocksfuess und Rabeflügel. Trotz Sparübungen beim Radio ist sie überzeugt: «Das Hörspiel wird nicht untergehen.»

Schreiben: Das war die Lösung nach der Geburt ihrer Tochter, 2005. Ursprünglich hatte Pamela Dürr in Bern Schauspiel studiert, war dann nach Deutschland gegangen, spielte von 1997 bis 2002 in Schwerin und Cottbus Theater. «Eine Befreiung» nach dem für sie engen Korsett der Schauspielausbildung: Hier im Osten Deutschlands war Theater relevant, verstand sich als Teil des gesellschaftlichen Diskurses, «machen» war wichtiger als Konzepte. Nach einigen Ensemblejahren ging sie nach Berlin, arbeitete als freie Regisseurin, schuf Koproduktionen mit den Sophiensälen Berlin, der Gessnerallee Zürich, der Kaserne Basel. Nach der Geburt ihrer Tochter sei ihr dann jedoch klar geworden: Freie Regie und Kind, daneben all die anderen Alltagsansprüche, «das bringe ich nicht unter einen Hut.»

Schreibend hingegen liess sich der Tageslauf freier einteilen. Am Schreiben fasziniert sie die Möglichkeit, Fantasieräume aufzutun, das Material Sprache zu kneten, sie in den Körper hineinzunehmen, neue Wörter zu kreieren. In einem ihrer erfolgreichen Stücke, Saffran und Krump, kämpfen zwei Helden auf einem Hügel verbissen gegeneinander und werden «aus Versehen» dabei Freunde. Für die beiden hat sie kurzerhand zwei Sprachen erfunden, «Waldschrattisch» und «Filousisch».

St.Gallen ist immer ganz kurz vor «richtig cool»

Dem Schreiben ist sie treu geblieben nach der Geburt ihres zweiten Kindes und der Rückkehr nach St.Gallen. In der Ostschweiz hatte sie einen Teil ihrer Jugend verbracht, hier leben ihre Eltern, hier ist sie in den letzten zwölf Jahren heimisch geworden. Sie mag die Stadt mit ihrer Lebensqualität und «Fussläufigkeit», und sie hadert zugleich mit ihr. Mit der stockenden Resonanz, der fehlenden Bereitschaft, sich auch mal auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang einzulassen.

Vor Jahren ging ein von der Kirche initiiertes und von ihr entwickeltes Quartier-Projekt schief, weil die Beteiligen die Idee zwar toll fanden, aber einen fixen Text wollten, statt Szenen partizipativ zu entwickeln. «Die Leute warten lieber, bis alles da ist und alles stimmt. Aber das tut es ja nie.» Eigentlich wäre in dieser Stadt alles vorhanden, Ideen, gute Leute, Netzwerke, auch Geld. «St.Gallen ist immer ganz kurz vor richtig cool», hat ein Jugendlicher aus einem ihrer Projekte mal gesagt. Das triffts, findet sie.

Anders die Kulturkosmonauten: Die sind «richtig cool», das finde sogar ihre Tochter, die sonst von Theater wenig wissen wolle, aber eine Zeitlang beim Training mitmachte mit der Begründung: «Das sind ja die Kulturkosmonauten, bei denen passiert wirklich etwas.»

Was da passiert, ist im Programm der Kulturkosmonauten so umschrieben: «Gemeinsam zu einem Thema zu arbeiten, Krisen zu meistern, sich artikulieren zu müssen und dürfen, Widerstand und Wertschätzung zu erfahren, machen eindrückliche, ganz individuelle Schritte der Persönlichkeitsentwicklung möglich. Dabei sind die Kulturkosmonauten das Gegenteil des Prinzips Castingshow: Gewonnen hat man hier, wenn alle im gleichen Boot sitzen, sich in ihrer Verschiedenheit bereichern und gegenseitig unterstützen.»

Die Königsdisziplin

Spielend Dinge zu entwickeln, sei eine Kunstform, die uns nahe ist und nahe geht, ergänzt Pamela Dürr. Jede und jeder kann es, selbst ohne Sprache, ohne Hände oder Füsse findet man immer einen Ausdruck. Beim Spielen ist der Mensch mit seinem Körper und all seinen Sinnen involviert.»

Spielen ist für sie die «Königsdiszplin» – und müsste drum nach ihrer Überzeugung obligatorisches Schulfach sein. All die «future skills», von denen heute in den Ausbildungen wortreich die Rede sei – Improvisation, Kreativität, kritisches Denken, Umgang mit Fehlern, Gemeinschaftssinn, Selbstwirksamkeit –, all das werde im kollektiven künstlerischen Tun von selbst gefördert und zum Tragen gebracht. «Das Problem ist nur, dass man diese Erfahrungen schlecht messen kann. Wenn ich etwas ändern könnte, wäre es ein Paradigmenwechsel in der Bildung und Gesellschaft.» Bildungspolitiker:innen landauf landab: Habt ihrs gehört?

kulturkosmonauten.ch

prepo.ch

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

Surbers Ehrenrunde ist gewidmet Barbara Schlumpf, Urs Graf, Christian Brühwiler, Pamela Dürr und Silke kleine Kalvelage und ihren Wirkungsorten: dem spielfreudigen Linthgebiet, der wunderbaren Druckwerkstatt in Speicher, dem grenzüberschreitenden Konzertzyklus in Romanshorn, der integrierenden Theaterarbeit in St.Gallen und dem nachhaltigen Stadtufer-Aufbruch in Lichtensteig. Gewidmet aber auch allen anderen, die die kulturelle Ostschweiz zum Wachsen und Blühen bringen.

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