«Integration ist keine Einbahnstrasse. Drum ist auch der Begriff der kulturellen Teilhabe falsch – als wäre die Gesellschaft ein Kuchen, von dem man grosszügig ein Stück abgibt. Teilsein wäre der bessere Ausdruck.» Wir sind mitten im Thema, ihrem Leidenschaftsthema, und Pamela Dürr kommt ins Feuer. Inzwischen, lacht sie, sei es sogar gelungen, die Schweizer Mitwirkenden zu integrieren. «Die sind die härteste Knacknuss. Es dauerte lange, bis sich auch Schweizerinnen und Schweizer ins Montagstraining getraut haben.»
Das Montagstraining in der St.Galler Talhof-Turnhalle ist herausgewachsen aus der Arbeit mit den Kulturkosmonauten. 2016 hat Pamela Dürr das Projekt entwickelt und in einer Pilotphase erprobt: In zehntägigen Workshops setzen sich Jugendliche, geleitet von Profis aus unterschiedlichen Sparten, künstlerisch mit einem Thema, einem Text, einem Stück auseinander. Das Ergebnis wird am neunten Tag präsentiert und am letzten Tag reflektiert.
Die Mehrzahl der Teilnehmenden hat einen migrantischen Hintergrund, es wimmelt von Sprachen und Kulturen, willkommen sind alle, auch ohne Geld, ohne Deutschkenntnisse, ohne Theatererfahrung. Niederschwelligkeit und Offenheit für alle Schichten, worum sich andere Kulturinstitutionen vergeblich bemühten, sei hier selbstverständlich. «Die Diversität kommt zu uns», sagt Pamela Dürr.
Kultur braucht Verbündete
Wir treffen uns in ihrem Atelier in St.Georgen, mit Weitblick über die halbe Stadt St.Gallen. Pamela Dürr, Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und Mutter zweier Kinder im Jugendalter, ist als künstlerische Leiterin Kopf und Herz des Projekts. Aber sie relativiert gleich: «Was wäre man ohne seine Verbündeten?».
Nach der Pilotphase wurde ein Verein als Träger gegründet, die Geschäftsstelle durch Ann Katrin Cooper als Geschäftsführerin erweitert und ein Netzwerk mit 30 Künstlerinnen und Künstlern gebildet. Seit 2016 haben 68 solcher Workshops stattgefunden, finanziert von der Drosos-Stiftung, der öffentlichen Hand und Partnerorganisationen wie dem Berufsvorbereitungsjahr und den Integrationsklassen der Berufsschule GBS St.Gallen, der PHSG oder der auf Deutschkurse spezialisierten Arge Bilang. Neu trägt das vom Bund finanzierte Programm «Neues Wir» das Projekt mit, und mit Ninian Green (Geschäftsführung) und Ariana Ismaili (Administration) ist auch die Geschäftsstelle erweitert worden.
Zwei Wochen Workshop mit Laien – ist das nachhaltig genug? Die Länge sei ideal, «weil man von Anfang an die Idee von Perfektion aufgeben muss», sagt sie. Loslegen, machen, herausfinden, was den Jugendlichen unter den Nägeln brennt, gemeinsam eine Sprache finden oder vielmehr viele Sprachen: Darum gehe es. Die Theater-, Tanz- oder Musikprofis, die die Kurse zu zweit leiten, brächten zwar Ideen, Erfahrung, ihre Skills mit – «aber die Jugendlichen merken rasch, dass es ohne sie nicht geht. Manche sind von Anfang an voll dabei, andere machen erst mit der Zeit ihren Knopf auf.»
Und das Schönste seien die Pannen – etwas geht schief, und einer rettet die Aufführung, der bis dahin vielleicht ganz still mitgemacht hat. «Ich liebe es, wenn Wunder passieren. Die Kulturkosmonauten sind für mich das Projekt mit der grössten Wunderdichte, das ich kenne.»
Besonders viel Wunderglauben brauchte das Team in der Pandemie. Plötzlich war Schluss mit gemeinsamem Entwickeln, alle sassen im eigenen Kämmerchen, nur noch Kleingruppen waren möglich – die Kulturkosmonauten fanden trotzdem immer irgendwie statt, draussen in der Winterkälte, mit Videoformaten statt Liveaufführungen, Ideen mussten über den Haufen geworfen und neu gefunden werden.
Das Resultat, mehrere Kurzfilme, war kürzlich im St.Galler Kinok zu sehen, und eine der Mitwirkenden sagte darin einen Satz, der programmatisch ist für die Erfahrungen im gemeinsamen kreativen Tun: «Es bruucht di».
Ein Freiraum namens Schreiben
Was es sonst braucht? «Post-it, Gaffatape und Kabelbinder», lacht Pamela Dürr. Diese drei für Theaterpraktiker:innen unentbehrlichen Dinge hätte sie am liebsten selber erfunden. An der Wand in ihrem Atelier kleben Dutzende von Post-its mit Stichworten zu ihren aktuellen Projekten. Daneben Prospekte und Flyer ihrer Arbeiten. Am Opernhaus Zürich hat sie den Text für eine Odyssee für Kinder geschrieben, die Science-Fiction-Oper humanoid ist inzwischen in Bern, Winterthur und Hannover aufgeführt worden. Mit Radio SRF produziert sie Hörspiele für Kinder. 2021 hat sie ein Hörspiel zum St.Galler Klosterplan herausgebracht, Bocksfuess und Rabeflügel. Trotz Sparübungen beim Radio ist sie überzeugt: «Das Hörspiel wird nicht untergehen.»
Schreiben: Das war die Lösung nach der Geburt ihrer Tochter, 2005. Ursprünglich hatte Pamela Dürr in Bern Schauspiel studiert, war dann nach Deutschland gegangen, spielte von 1997 bis 2002 in Schwerin und Cottbus Theater. «Eine Befreiung» nach dem für sie engen Korsett der Schauspielausbildung: Hier im Osten Deutschlands war Theater relevant, verstand sich als Teil des gesellschaftlichen Diskurses, «machen» war wichtiger als Konzepte. Nach einigen Ensemblejahren ging sie nach Berlin, arbeitete als freie Regisseurin, schuf Koproduktionen mit den Sophiensälen Berlin, der Gessnerallee Zürich, der Kaserne Basel. Nach der Geburt ihrer Tochter sei ihr dann jedoch klar geworden: Freie Regie und Kind, daneben all die anderen Alltagsansprüche, «das bringe ich nicht unter einen Hut.»
Schreibend hingegen liess sich der Tageslauf freier einteilen. Am Schreiben fasziniert sie die Möglichkeit, Fantasieräume aufzutun, das Material Sprache zu kneten, sie in den Körper hineinzunehmen, neue Wörter zu kreieren. In einem ihrer erfolgreichen Stücke, Saffran und Krump, kämpfen zwei Helden auf einem Hügel verbissen gegeneinander und werden «aus Versehen» dabei Freunde. Für die beiden hat sie kurzerhand zwei Sprachen erfunden, «Waldschrattisch» und «Filousisch».
St.Gallen ist immer ganz kurz vor «richtig cool»
Dem Schreiben ist sie treu geblieben nach der Geburt ihres zweiten Kindes und der Rückkehr nach St.Gallen. In der Ostschweiz hatte sie einen Teil ihrer Jugend verbracht, hier leben ihre Eltern, hier ist sie in den letzten zwölf Jahren heimisch geworden. Sie mag die Stadt mit ihrer Lebensqualität und «Fussläufigkeit», und sie hadert zugleich mit ihr. Mit der stockenden Resonanz, der fehlenden Bereitschaft, sich auch mal auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang einzulassen.
Vor Jahren ging ein von der Kirche initiiertes und von ihr entwickeltes Quartier-Projekt schief, weil die Beteiligen die Idee zwar toll fanden, aber einen fixen Text wollten, statt Szenen partizipativ zu entwickeln. «Die Leute warten lieber, bis alles da ist und alles stimmt. Aber das tut es ja nie.» Eigentlich wäre in dieser Stadt alles vorhanden, Ideen, gute Leute, Netzwerke, auch Geld. «St.Gallen ist immer ganz kurz vor richtig cool», hat ein Jugendlicher aus einem ihrer Projekte mal gesagt. Das triffts, findet sie.
Anders die Kulturkosmonauten: Die sind «richtig cool», das finde sogar ihre Tochter, die sonst von Theater wenig wissen wolle, aber eine Zeitlang beim Training mitmachte mit der Begründung: «Das sind ja die Kulturkosmonauten, bei denen passiert wirklich etwas.»
Was da passiert, ist im Programm der Kulturkosmonauten so umschrieben: «Gemeinsam zu einem Thema zu arbeiten, Krisen zu meistern, sich artikulieren zu müssen und dürfen, Widerstand und Wertschätzung zu erfahren, machen eindrückliche, ganz individuelle Schritte der Persönlichkeitsentwicklung möglich. Dabei sind die Kulturkosmonauten das Gegenteil des Prinzips Castingshow: Gewonnen hat man hier, wenn alle im gleichen Boot sitzen, sich in ihrer Verschiedenheit bereichern und gegenseitig unterstützen.»
Die Königsdisziplin
Spielend Dinge zu entwickeln, sei eine Kunstform, die uns nahe ist und nahe geht, ergänzt Pamela Dürr. Jede und jeder kann es, selbst ohne Sprache, ohne Hände oder Füsse findet man immer einen Ausdruck. Beim Spielen ist der Mensch mit seinem Körper und all seinen Sinnen involviert.»
Spielen ist für sie die «Königsdiszplin» – und müsste drum nach ihrer Überzeugung obligatorisches Schulfach sein. All die «future skills», von denen heute in den Ausbildungen wortreich die Rede sei – Improvisation, Kreativität, kritisches Denken, Umgang mit Fehlern, Gemeinschaftssinn, Selbstwirksamkeit –, all das werde im kollektiven künstlerischen Tun von selbst gefördert und zum Tragen gebracht. «Das Problem ist nur, dass man diese Erfahrungen schlecht messen kann. Wenn ich etwas ändern könnte, wäre es ein Paradigmenwechsel in der Bildung und Gesellschaft.» Bildungspolitiker:innen landauf landab: Habt ihrs gehört?
kulturkosmonauten.ch
prepo.ch
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
Surbers Ehrenrunde ist gewidmet Barbara Schlumpf, Urs Graf, Christian Brühwiler, Pamela Dürr und Silke kleine Kalvelage und ihren Wirkungsorten: dem spielfreudigen Linthgebiet, der wunderbaren Druckwerkstatt in Speicher, dem grenzüberschreitenden Konzertzyklus in Romanshorn, der integrierenden Theaterarbeit in St.Gallen und dem nachhaltigen Stadtufer-Aufbruch in Lichtensteig. Gewidmet aber auch allen anderen, die die kulturelle Ostschweiz zum Wachsen und Blühen bringen.
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht