, 13. März 2016
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«Slam ist mehr als Schenkelklopfer» (I)

SlamGallen und die «etablierte» Literatur: Mag man sich? Hasst man sich? Teil I des Saiten-Gesprächs mit Slammaster Lukas Hofstetter, Literaturvermittler Richi Küttel und Autorin Rebecca C.Schnyder – im Vorfeld der Slam-Meisterschaften und des Festivals Wortlaut in St.Gallen.

Säg recht: Wortlaut 2014 (Bild: Pierre Lippuner)

Slammer nennen sich Poeten, Schriftsteller Autoren. Ist das bloss kurios – oder steckt dahinter ein anderes Selbstverständnis?

Richi Küttel: Vermutlich ist die Bezeichnung einfach aus dem Begriff des Poetry Slam abgeleitet: Ich mache Poetry, also bin ich ein Poet. Entscheidend für mich ist die Mündlichkeit. Ich betrachte mich als Redner, nicht als Autor. Es gibt ja immer wieder Versuche, Slam zu veröffentlichen. Das geht dann in die Richtung von Kurzgeschichten, von Storytelling. Der klassische Slam lebt aber von der Mündlichkeit.

Rebecca C. Schnyder: Hinter der unterschiedlichen «Berufsbezeichnung» stecken doch auch Gattungsunterschiede. «Autorin» lässt alle Gattungen zu, während Slams nah an der Lyrik sind, mit ihrer Knappheit, mit den Reimen, mit der Betonung des Sprachrhythmus’.

Lukas Hofstetter: Das stimmt nicht ganz. Slam bezeichnet genau genommen nur die Veranstaltung. Diese hat ein paar einfache Regeln: Du musst einen eigenen Text haben, du hast eine Zeitlimite und du hast keine Hilfsmittel. Innerhalb dieser Form ist aber alles möglich, vom Storytelling über Rap und Lyrik bis zu Comedy, Freestyle, Beatboxen. Den Unterschied zu Wasserglaslesungen sehe ich in erster Linie darin, dass Slam auf der Bühne, vor Publikum funktionieren muss.

Wasserglaslesungen?

Rebecca: Das ist das, was ich und andere «ernsthaften» Autoren in den Augen der Slammer machen: Man hat ein Wasserglas vor sich und liest langweilig vor…

Rebecca C. Schnyder

Lukas: …das klassische Bild der Autorenlesung, wie es früher gegolten hat…

Rebecca: …und leider gibt es diese Art Autorin oder Autor immer noch. Aber die meisten haben selber gemerkt, dass es wichtig ist, einen Text so hinüberzubringen, dass er das Publikum erreicht.

Richi: Das ist zum Teil sicher das Verdienst der Spoken Poetry.

Lukas: Als wir vor 15 Jahren mit Slams angefangen haben, waren das noch Welten. Mittlerweile ist allen klar, dass man mit dem Publikum agieren muss.

Wenn man als junger Mensch schreiben will: Warum entscheidet sich einer dafür, Slammer zu sein – und eine andere dafür, Lyrik oder Theatertexte zu schreiben? Wie passiert die «Sozialisierung»?

Rebecca: Entscheidend ist, womit man in Berührung kommt. Ich hatte in meinen Schreibanfängen keinerlei Kontakt zur Slamszene. Zudem ist es wohl auch eine Typenfrage. Slam bedeutet, auf die Bühne zu wollen, sich den direkten Reaktionen auszusetzen. Ich würde mich nicht trauen.

Richi: Man muss ein Stück weit das Talent zur «Rampensau» haben. Andrerseits ist es einfacher, auf die Slambühne zu stehen als ein Buch zu schreiben. Ich habe fünf Minuten Zeit, ich muss nicht 200 Seiten füllen. Wenn ein Text nicht funktioniert, ist er nach fünf Minuten vorbei. Da hängt dich keiner auf. Unter dieser Tatsache leidet vielleicht wiederum die Ernsthaftigkeit bei den Slammern.

Lukas: Das Tolle ist: Du bekommst direktes Feedback, anders als mit einem Buch. Dadurch ist Slam ein ideales Podium, Tryouts zu machen, zum Beispiel für Comedy. Entsprechend fliessend sind dann die Übergänge. Einen Pedro Lenz sieht man heute nicht mehr auf Slams. Ein Christoph Simon hingegen hat als Autor angefangen und macht heute auch Slam und Kabarett. Gabriel Vetter ist Slammer, Kolumnist und war Hausautor am Theater Basel.

Vetter hat in einem Beitrag über Slam den Witz gebracht: «Poetry Slam ist genau wie Paralympics. Auch wenn du gewinnst, bist du immer noch behindert.» Und sich gleich für den politisch unkorrekten Kalauer entschuldigt. Aber was er damit anspricht: Innerhalb des Literaturbetriebs sehen viele den Slam immer noch in der Schmuddelecke. Stimmt das?

Rebecca: Aus meiner Sicht: nein. An den wenigen Slams, die ich bisher gehört habe, empfand ich immer auch Bewunderung über die Wortgewandtheit und Sprachvirtuosität. Slam ist für mich gleichwertig mit anderen Gattungen. Die ältere Schriftstellergarde sieht das vermutlich noch etwas anders.

Richi: Was Slammer machen, ist höchst kreativ, da steckt viel Arbeit drin. Schmuddel? Im Anfang haben die Vertreter der etablierten Literatur tatsächlich nicht recht gewusst, worum es da geht. Und kritisiert, es drehe sich alles um den Effekt. Das war auch nicht ganz falsch, Slam war sehr experimentell und höchst selbstironisch, war Rock’n’Roll, man wollte seinen Spass haben ohne die elitäre Ambition, wie sie oftmals im Literaturbetrieb herrscht.

Lukas: Wir haben bewusst auf Show gesetzt, um uns von den anderen abzuheben.

Richi: Inzwischen werden wir aber ernst genommen.

In den Anfängen ist Slam in St.Gallen schlecht bis gar nicht wahrgenommen worden?

Lukas: Bei den ersten Slams vor 15 Jahren haben sich vor allem Selbstdarsteller auf die Bühne gewagt, Musiker, schräge Vögel. Mich hat weniger die Frage nach dem Rebellischen interessiert. Es war das Veranstaltungsformat, das mich fasziniert hat. Von der Stimmung her ist Slam näher am Konzert als an der klassischen Lesung. Entsprechend anders war das Publikum, das wir uns damit erschlossen haben und das so einen Zugang zur Sprache und zu Texten gefunden hat.

hofstetter

Lukas Hofstetter

Richi: Was ich von den Anfängen in Erinnerung habe, ist eine skeptisch oder ratlose Haltung von Seiten der «etablierten» Literatur. Und auch einen gewissen Neid: «Ihr habt Publikum, wir haben keins.» Später, als Slam grösser wurde, ging es dann auch um Unterstützungsgelder, das hat wiederum teils Neid hervorgerufen. Und eben die Skepsis: Das ist gar keine richtige Literatur, das ist Klamauk – was es teils tatsächlich war. Die machen sich lustig über den Literaturbetrieb, über die Wasserglaslesungen…

Rebecca: …sagt einer, der heute selber Wasserglaslesungen organisiert.

Richi: Das eine soll das andere ja nicht ausschliessen.

Rebecca: Ich sehe das genauso: Es macht keinen Sinn, die Positionen gegeneinander auszuspielen. Die geschriebene Literatur hat extrem gewonnen durch die Spoken Poetry.

Lukas: Ich habe mit diesem «Gegeneinander» noch nie etwas anfangen können.

Um auf den Differenzen zu beharren: Slam lebt von der Show und von den Pointen, die Nähe zur Comedy ist grösser als die Nähe zum guten Gedicht. Ohne «elitär» gegen «populär» ausspielen zu wollen: Ein Roman oder Theatersprechtext mit diversen Ebenen und Figuren mit Brüchen ist von einer höheren Komplexität als ein Slamtext.

Lukas: Den Vorwurf höre ich immer wieder: Slam gehe zu stark Richtung Comedy. Ich sehe das anders, aber sicher ist es einfacher, mit einem witzigen Text das Publikum zu holen als mit einem feinen, besinnlichen. Die gibt es dennoch auch, zum Glück, und es gibt weiterhin auch die politischen Statements. Slam ist mehr als Schenkelklopfer – es ist die ganze Bandbreite. Selbst an grossen Slams mit ein paar tausend Leuten funktionieren feine Texte.

Schweizer Meisterschaften 2016: 17. bis 19. März, verschiedene Orte in St.Gallen. Infos: slamgallen.ch

Literaturtage Wortlaut: 31. März bis 3. April, verschiedene Orte in St.Gallen. Infos: wortlaut.ch

Rebecca: Einen Unterschied macht sicher die Zeit. Ich kann im Theater langsam etwas aufbauen, ohne rasche Zuspitzung. Was hingegen analog zum Slam ist: Es geht auch im Theater um Mündlichkeit. Die Sätze müssen gesprochen funktionieren.

Lukas: Aber man hat Dialoge – anders als im Slam.

Richi: Der Slammer spricht seinen eigenen Text, sogar im Team-Slam kommen kaum Dialoge vor.

Slam ist ichbezogen…

Rebecca: Theater fordert eine gewisse Distanz zum eigenen Text, weil eine Figur spricht, nicht ich. Der Slammer spricht selber, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Lukas: Das ist so. Wenn du nicht authentisch bist als Slammer, hast du keinen Erfolg. Für das Publikum ist entscheidend, dass der Text von dir selber geschrieben worden ist. Vielleicht ist deshalb der Slam eine so ideale Plattform. Kabarettwettbewerbe werden zum Teil von Slammern geradezu dominiert. Und viele Slammer haben mittlerweile abendfüllende Programme. Andere publizieren ihre Texte schriftlich.

Irgendwann hat man offenbar genug vom Kurzfutter Slam?

Richi: Irgendwann hat man zumindest genug vom Rumreisen, von Kurzauftritten für Freibier und das Zusammensein mit guten Leuten. Ein Reaktion darauf ist die Lesebühne Tatwort, die einmal im Monat einem Gast ein ausführlicheres Gefäss bietet. Ein Beispiel dafür ist auch Pierre Jarawan, der am Festival Wortlaut auftritt – als Slammer, aber mit seinem Roman.

Das Festival Wortlaut ist ein Indiz dafür, dass Spoken Poetry inzwischen vollständig im Literaturbetrieb angekommen ist. Ist das harmonische Bild richtig, oder gibt es dennoch Reibungsflächen?

Rebecca: Ich kann nur meine subjektive Wahrnehmung nennen: Beides hat Platz, etwa in der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur GdSL. Wir würden gerne auch Spoken Word einbinden.

Lukas: Im klassischen Literaturbetrieb gibt es unzählige Facetten vom Punkautor bis zur Lyrikerin, die man auch nicht gegeneinander ausspielt. Mittlerweile kommt man in St.Gallen um Slam schlicht nicht mehr herum. Wir sind zu stark, was die Zuschauerzahlen und was die Poetendichte anbelangt.

Richi: Wenn die GdSL eine klassische Lesung macht, sind wir froh, wenn 30 Leute kommen. Die Lesebühne in der Baracca hat bis zu 100 Besucherinnen und Besucher, und wenn mich jemand darauf anspricht, sage ich schon fast entschuldigend: «Das ist halt auch Unterhaltung.» Eine «nackte» Lesung allein reicht offenbar nicht mehr, es scheint noch ein Drumherum nötig… Das deprimiert manche Autoren.

kuettel

Richi Küttel

Rebecca: Die Gefahr sehe ich ebenfalls, dass zunehmend weniger Leute bereit sind, einfach dazusitzen und jemandem zuzuhören, der «nur» liest. Ohne Sound. Um das mal polemisch in den Raum zu stellen: Wer mit Slam gross wird, hat mit Mitte 20 dann vielleicht Mühe mit «klassischeren» Formen der Literatur.

Richi: Sehe ich nicht so.

Lukas: Sehe ich anders. Wenn du als Teenie Punk und Rock hörst, heisst das nicht, dass du mit 30 nicht ein Interesse an klassischer Musik entwickeln kannst. Das sind Phasen. Viele Slammer träumen davon, einmal einen Roman zu schreiben, einmal in die Tiefe zu gehen.

Teil II des Gesprächs folgt.

Lukas Hofstetter, 1979, organisiert seit 11 Jahren das Kulturfestival St.Gallen, ist langjähriger Projektleiter diverser Jugendprojekte (Ostschweizer Kurzfilmwettbewerb, Aktion 72h Ostschweiz, Interreg. Jugendprojekt Wettbewerb). Als St.Galler Slammaster gehört er zu den dienstältesten Slam-Veranstaltern im deutschsprachigen Raume und organisiert neben den regelmässigen Slams und Lesebühnen zum zweiten Mal nach 2011 die Poetry Slam Schweizermeisterschaften. 2008 war er Mitveranstalter der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften im Schiffbau mit über 10`000 Zuschauern.

Richi Küttel, 1973, gilt als Slammer der zweiten Stunde, d.h. seit 2002; slammt, moderiert und vermittelt Kultur. Er ist Mitglied der weltbesten St.Galler Lesebühne Tatwort, Vorstandsmitglieder der GdSL und Mitinitiator und Leiter der St.Galler Literaturtage Wortlaut.

Rebecca C. Schnyder (1986) ist seit 2009 freischaffende Autorin (Drama/Prosa) und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur GdSL. Ihr Debütroman Alles ist besser in der Nacht ist unlängst im Dörlemann Verlag Zürich erschienen. Sie liest am Wortlaut Festival am Samstag 2. April um 15 Uhr in der Hauptpost St.Gallen.

 

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