Zwei abstrakte Formen, mit breitem Pinsel gemalt, sind auf dem Büttenpapier zu erkennen. Der Farbauftrag ist mehrheitlich schwarz, doch nicht homogen, da und dort schimmert es silbern. Die Formen – sie erinnern an eine umgedrehte, sanfte Hügellandschaft und eine Lasche – berühren sich um einen Hauch nicht.
Untitled 1, 2020, 10 x 15 cm, Pigmente mit Acryl auf Büttenpapier
Das Bild verströmt gleichzeitig Geborgenheit und Spannung. Untitled 1, so der Titel, gehört zu einer 5-teiligen Acryl-Serie, die Pelagia Dalduris ab dem 13. November im Projektraum 4 1/2 zeigt.
Vom Papier zur Gaze
Den Entscheid zu einer Ausstellung hat die in St.Gallen aufgewachsene Künstlerin erst Ende September gefasst. Mitgespielt hat das Bedürfnis nach Austausch, nach den Monaten mit Pandemie im isolierten Daheim, und ein im Mai gewonnener Kunstpreis, den die ZhdK zusammen mit der Niarchos Foundation vergibt.
Dalduris ist gelernte Grafikerin und studiert seit 2019 an der ZHdK freie Kunst. Das Studium gibt ihr eine neue Dimension an Zeit und Raum, um zu experimentieren und in ihrer künstlerischen Praxis neue Wege zu gehen. So ist ihr Schaffen im vergangenen Jahr installativer geworden, es drängt weg vom Papier und mehr in den Raum vor. Techniken und Materialien, die sie in den Werkstätten der ZHdK ausprobieren kann, sind dazugekommen – etwa Keramik oder Kupferdrucken, wo sie mit Wischgaze in Kontakt kam.
Wiping gauze composition (Detail), 2020, 200 x 250 cm, Pigmente mit Acryl auf Wischgaze
Wischgaze ist ein transparenter, grobmaschiger und steifer Stoff aus Baumwolle. Damit wird im schmalen Gang des 4 1/2 eine Rauminstallation entstehen. Vor Ort wird sie mehrere Gaze-Stücke in ein Bad geben. Die Wischgaze verliert dadurch ihre Steifheit. In einem nächsten Schritt wird sie mit verschiedenen Pigmenten gefärbt und noch in nassem Zustand im Raum drapiert.
Die Gaze stellt für Dalduris eine Schnittstelle zwischen Objekt und Malerei dar, ihre Transparenz gibt den Blick frei auf mehrerer Schichten hintereinander, manchmal mit immenser Tiefenwirkung. Die Künstlerin liebäugelt damit, den Ausstellungsbesucher*innen eine ungewohnte Perspektive auf das raumgreifende Werk anzubieten – overcome the rules sozusagen.
Grenzerkundungen mit Pigmenten
Regeln und vor allem deren Hinterfragen und schliesslich ihre Überwindung sind zentrale Themen der Künstlerin: Künstlerisch tätig zu sein, bringt ihr eine Befreiung von Vorgaben, die sie im Alltag als Grafikerin nicht in dem Masse hatte. Für sie ist Kunst ein Spielfeld ohne Konsequenzen. Geht im Prozess der Werkentstehung etwas schief, so regt dies ihre Neugierde an.
In ihren Arbeiten erkundet sie die Grenzen von Materialien, häufig von Pigmenten. Ihre Farben bindet sie selbst und bevorzugt es, wenn die Struktur nicht perfekt ist.
«Follow the Rules» ist auf Anmeldung vom 13. bis 21. November im Projektraum 4 1/2, Lämmlisbrunnenstrasse 4, St.Gallen zu sehen. Infos und Anmeldelink hier.
viereinhalb.ch
pelagiadalduris.com
In Bezug auf Pigmente gibt es in der Fachliteratur eine ganze Reihe an Regeln. Indigo zum Beispiel, das wie Graphit-Schwarzpuder in der 5-teiligen Acryl-Serie vorkommt, löst sich nicht in Wasser und nicht in Alkohol. Dalduris verwendet es dennoch, denn zusammen mit dem Binder hält es schliesslich auf dem Papier. Wo genau es sich absetzt, kann sie aber nicht steuern.
Indigo oder Graphit-Schwarzpuder sind daher nicht gleichmässig verteilt, sondern es ergibt sich ein Rinnsal oder ein Tanz der Pigmente auf dem Büttenpapier. Eine zarte Spannung stellt sich ein zwischen den einprägsamen, oft klar begrenzten Formen, dem unterschiedlich dichten, wolkigen Farbauftrag und dem Eigenleben des Büttenpapiers.
Untitled 3 (Pigment-Series), 2020, 14.8 x 21 cm, Pigmente mit Acryl auf Papier
Pelagia Dalduris zieht die Bewegung dem Statischen vor, den Zufall der vordefinierten Idee, die Suche dem endgültigen Fund. Gefragt nach der Inspiration für ihre abstrakten Formenwelten, entgegnet die Künstlerin, dass es gerade die Formensuche sei, die sie umtreibe. Das Beobachten von Schattenspielen, Farbkombinationen an Fassaden, der Faltenwurf eines Kleidungsstücks, auch ein unerwartetes Formenspiel in der Küche – der Verlauf des Kürbiskernöls in einer Schüssel mit Suppe: All das kann Eingang finden in ihre Malerei.
Dort bleibt die eindeutige Narration aus, die Reduktion aus Grafik-Zeiten schwingt mit und sorgt für Ruhe, zeitweilig zuckt es anregend.
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann