Der erste Blick fällt auf die Wand links vom Eingang des Projektsraums 4 ½, wo es funkelt und glänzt. 21 zusammengenähte Tüten aus goldener Notfallfolie schweben an der Wand. Rechts davon hängt ein Stück Baumwollstoff, bestickt und mit Schreibmaschine beschrieben. Dieser gibt Hinweise zu den Objekten, die sich in den Tüten befinden. Was wo steckt, darüber lässt sich allerdings nur spekulieren. Investment lautet der Titel des Werks, er deutet ebenso sehr abstrakte Momente im Handel mit Aktien an wie die mitunter schwer durchschaubaren Mechanismen der Wertzuschreibung auf dem Kunstmarkt.
Beltrames Antwort auf solche nicht-anschaulichen Begebenheiten unserer Gegenwart ist die physische Präsenz. Konsequenterweise ist sie selbst während der Dauer der Ausstellung die ganze Zeit anwesend. In ihrem Schaffen sind Prozesse des physischen Machens, die Einarbeitung von Themen in Materialien zentral. Die goldfarbene Notfallfolie, Fäden und unterschiedlichste Stoffe von Tüll bis Goldleder sind Materialien, welche die im Raum an der Lämmlisbrunnenstrasse präsentierten Arbeiten durchziehen.
Modotti, behaart
So auch Per un pelo, das der Ausstellung zu ihrem Titel verhalf. Es ist als kritischer Kommentar auf das zensierte Plakat der letztjährigen Ausstellung über die Fotografin Tina Modotti im Völkerkundemuseum St. Gallen zu verstehen. Beltrame verwendet die Aktfotografie von Edward Weston als Ausgangspunkt für eine Arbeit auf Tüll, wobei ihre Modotti die Augen geöffnet hat.
An behaarten Körperstellen webte Beltrame alte Perücken- und Krepphaare in den Tüll ein. Die Silhouette stickte sie mit einem roten Seidenfaden nach und nimmt damit Bezug auf Modottis Biografie, die als Mädchen in einer Seidenfabrik in Udine arbeiten musste. Ursprünglich war das Werk für eine andere Ausstellung vorgesehen, die dann aber – um ein Haar – nicht stattfand. In der oft negativ konnotierten Redewendung fand Beltrame einen gemeinsamen Nenner für ihre im 4 ½ ausgestellten Arbeiten und drehte sie damit für sich ins Positive.
Lob des Zwischenmenschlichen
Um Fragen der Lesbarkeit geht es in Intern@tional coffee, bei dem man als kaffeetrinkende Besucherin Teil des Werks wird: Die Künstlerin liest den dabei anfallenden Kaffeesatz, indem sie zeichnerisch darauf reagiert. Im Kaffeesatz sieht sie Ähnlichkeiten zu den Algorithmus-gesteuerten Suchmaschinen im Netz: Beide würden Informationen liefern, die für das Individuum zutreffen können – oder auch knapp nicht. Intern@tional coffee ist aber auch ein Statement für die Wichtigkeit des direkten, nicht-virtuellen Austauschs zwischen den Menschen.
Die Ausstellung im 4 ½ macht deutlich, wie genau Alessandra Beltrame, die lange Zeit beruflich im Theaterbereich tätig war, das Zeitgeschehen beobachtet und künstlerisch kommentiert. Die Bezüge der einzelnen Arbeiten zum übergeordneten Titel Um ein Haar wirken aber mitunter ihrerseits etwas an den Haaren herbeigezogen. Es hätte der Ausstellung gut getan, eine Kuratorin oder einen Kurator beizuziehen, um die Werke aus einer distanzierteren Perspektive zu betrachten und auf einzelne Arbeiten zu verzichten, um eine dichtere Schau mit prägnanter Aussage zu erreichen.
Per un pelo – Um ein Haar: bis Sonntag, 26. April, Projektraum 4 ½, Lämmlisbrunnenstrasse St.Gallen. Weitere Infos: viereinhalb.ch
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann