Acht Kunstschaffende, darunter die Performancekünstlerin Katja Schenker und die amerikanische Konzeptkünstlerin Helen Mirra, wurden 2013 zum Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das neue Naturmuseum eingeladen. Erwartet wurde eine künstlerische Reflexion des Naturmuseum als Ort der Vermittlung. Erwünscht waren dabei auch mehrteilige, konzeptionelle oder temporäre Interventionen.
Von den abgegebenen Dossiers hat ein Grossteil den Stadtraum thematisiert, so auch das Siegerprojekt von Starling, der sich in seinem Schaffen häufig mit ökologischen und ökonomischen Systemen auseinandersetzt.
Originale und Body Doubles
In seiner Arbeit für das Naturmuseum greift er die Geschichte des Broderbrunnens auf, der 1896 zur Feier der erstmaligen Versorgung der Stadt St.Gallen mit Bodenseewasser errichtet wurde. Im Lauf der Jahre erodierten die Brunnenfiguren stark und wurden Ende der 90er-Jahre in der Kunstgiesserei St.Gallen durch Neugüsse ersetzt, wobei die Originale seither im Historischen Museum aufbewahrt werden.
Neuguss der Schildkröten-Kind-Figur aus der Kunstgiesserei St.Gallen aus dem Jahr 2000 (Bilder: Kunstgiesserei)
Die drei wasserspeienden Tier-Kind-Hybride vom unteren Teil des Brunnens möchte Starling nun verteilt auf drei Orte – im Stadtpark, beim neuen Naturmuseum sowie am Bodensee – im Aussenraum zeigen.
In eigens dafür angefertigten Vitrinen will er nicht nur die Originale, sondern auch sogenannte Body Doubles permanent ausstellen. Dabei handelt es sich um gespiegelte Kopien von Fisch, Schwan und Schildkröte in drei unterschiedlichen wasserabsorbierenden Materialien. Die Überlegung dahinter ist, dass die Doubles allfällige Feuchtigkeit aufnehmen und so den weiteren Zerfall der Originale verhindern.
Für die Realisierung seiner Idee hat Starling gemeinsam mit Mitarbeitenden der Kunstgiesserei eine aufwändige Materialrecherche vorgenommen, wobei in einem ersten Schritt Terracotta, Porenbeton, Salz, Aktiv- und Holzkohle sowie Silica-Gel, ein Trocknungsmittel in Form von roten Kügelchen, diskutiert wurden.
Erste Auslage von Materialmustern, darunter Gipskonglomerate, Beton, gebundener Silica-Gel und Aktivkohle
Nach ersten Versuchen konnten einige Materialien mangels Fräsbarkeit, Stabilität oder weil sie den Originalfiguren mehr Schaden zufügen würden, als sie zu retten –, wie das bei einem Double aus Salz der Fall wäre – ausgeschieden werden. Ebenso wurde festgelegt, dass die Originale im seit 2008 bestehenden 3D-Studio der Kunstgiesserei gescannt werden, um digitale Daten der drei Figuren zu erhalten. Ausgehend davon werden in den nächsten Monaten die feuchtigkeitsabsorbierenden Doubles aus Holzkohle, einer Gipsmischung und Silica-Gel hergestellt – je nach Material gefräst respektive mit dem 3D-Drucker geprintet.
Der verköhlerte Monsterfisch
Das Double des Fisch-Kinds möchte Starling in schwarzem Material realisieren; er hat sich dabei für Holzkohle entschieden. Mit einer fünfachsigen Fräse wird dafür ausgehend von digitalen Daten aus einem Holzblock das Fisch-Kind herausgeschnitten. Dieser wird anschliessend verköhlert, das heisst unter Ausschluss von Sauerstoff verbrannt, wobei bis zu einem Drittel des ursprünglichen Volumens schwindet.
Auf gescannten Daten basierende 3D-Darstellung des Schwan-Kind-Hybrids
Um zu gewährleisten, dass Original und Double die gleiche Grösse aufweisen, wird das Holzdouble in der Giesserei vor dem Verköhlerungsprozess entsprechend grösser gefräst.
Ebenfalls in subtraktivem Verfahren wird das Double der Schwan-Figur produziert, das farblich Terracotta ähnlich sehen wird: Ein in der Giesserei entwickeltes, eingefärbtes Gipskonglomerat wird dafür in Rohblöcke gegossen, getrocknet und in Form gefräst.
Die Schildkröte aus dem Printer
Etwas langwieriger sind die Recherchen zu Silica-Gel ausgefallen. Die Schwierigkeit ist, dieses dauerhaft in Schildkröten-Form zu bringen, ohne dass die feuchtigkeitsbindende Wirkung wegfällt. Wie Versuche gezeigt haben, wäre das etwa bei der Bindung von Silica-Kügelchen mit Kunststoff oder Harz nicht derFall.
Eine Anhäufung von rotfarbenen Silica-Gel-Kügelchen
Die nun gefundene Lösung ist eine Kombination aus Anhäufungen von Silica-Kügelchen und einer Hülle aus gebundenem Kunststoffpulver. Die eierschalenfarbige Hülle wird schichtweise im 3D-Drucker aufgebaut und ist von durchlässigem Charakter. Das hohle Innere der Schildkröte wiederum wird mit Silica-Kügelchen gefüllt, die für die Feuchtigkeitsaufnahme verantwortlich sind.
Der Aufbau der drei Doppelvitrinen ist für den Herbst dieses Jahres vorgesehen. Bis dahin können Fisch, Schildkröte und Schwan in der eben eröffneten Einzelausstellung von Simon Starling mit dem Titel Zum Brunnen in der Lokremise im Original betrachtet werden.
Vernissage: 26. Februar, 18.30 Uhr, Lokremise St.Gallen. Die Ausstellung Zum Brunnen dauert bis zum 14. August. 26. April, 18:30 Uhr: Felix Lehner und Konrad Bitterli sprechen über Werkstoffe in der Kunst
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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