Kategorie
Autor:innen
Jahr

Verdoppelt

Im Sitterwerk geht es tierisch zu und her: Fisch, Schwan und Schildkröte vom St.Galler Broderbrunnen erhalten einen Zwilling in unterschiedlichen Materialien. Im Herbst wird der Kunst-am-Bau-Beitrag des englischen Künstlers Simon Starling für das neue Naturmuseum fertig sein; jetzt sind die Originale in der Lokremise zu sehen. Ein Werkstattbericht von Nina Keel
Von  Gastbeitrag , 
Visualisierung einer Doppelvitrine von Simon Starling. Rechts das Fisch-Kind-Original, links das Double in Holzkohle. (Bild: Simon Starling)

Acht Kunstschaffende, darunter die Performancekünstlerin Katja Schenker und die amerikanische Konzeptkünstlerin Helen Mirra, wurden 2013 zum Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das neue Naturmuseum eingeladen. Erwartet wurde eine künstlerische Reflexion des Naturmuseum als Ort der Vermittlung. Erwünscht waren dabei auch mehrteilige, konzeptionelle oder temporäre Interventionen.

Von den abgegebenen Dossiers hat ein Grossteil den Stadtraum thematisiert, so auch das Siegerprojekt von Starling, der sich in seinem Schaffen häufig mit ökologischen und ökonomischen Systemen auseinandersetzt.

Originale und Body Doubles

In seiner Arbeit für das Naturmuseum greift er die Geschichte des Broderbrunnens auf, der 1896 zur Feier der erstmaligen Versorgung der Stadt St.Gallen mit Bodenseewasser errichtet wurde. Im Lauf der Jahre erodierten die Brunnenfiguren stark und wurden Ende der 90er-Jahre in der Kunstgiesserei St.Gallen durch Neugüsse ersetzt, wobei die Originale seither im Historischen Museum aufbewahrt werden.

kunstbild2

Neuguss der Schildkröten-Kind-Figur aus der Kunstgiesserei St.Gallen aus dem Jahr 2000 (Bilder: Kunstgiesserei)

Die drei wasserspeienden Tier-Kind-Hybride vom unteren Teil des Brunnens möchte Starling nun verteilt auf drei Orte – im Stadtpark, beim neuen Naturmuseum sowie am Bodensee – im Aussenraum zeigen.

In eigens dafür angefertigten Vitrinen will er nicht nur die Originale, sondern auch sogenannte Body Doubles permanent ausstellen. Dabei handelt es sich um gespiegelte Kopien von Fisch, Schwan und Schildkröte in drei unterschiedlichen wasserabsorbierenden Materialien. Die Überlegung dahinter ist, dass die Doubles allfällige Feuchtigkeit aufnehmen und so den weiteren Zerfall der Originale verhindern.

Für die Realisierung seiner Idee hat Starling gemeinsam mit Mitarbeitenden der Kunstgiesserei eine aufwändige Materialrecherche vorgenommen, wobei in einem ersten Schritt Terracotta, Porenbeton, Salz, Aktiv- und Holzkohle sowie Silica-Gel, ein Trocknungsmittel in Form von roten Kügelchen, diskutiert wurden.

kunstbild3

Erste Auslage von Materialmustern, darunter Gipskonglomerate, Beton, gebundener Silica-Gel und Aktivkohle

Nach ersten Versuchen konnten einige Materialien mangels Fräsbarkeit, Stabilität oder weil sie den Originalfiguren mehr Schaden zufügen würden, als sie zu retten –, wie das bei einem Double aus Salz der Fall wäre – ausgeschieden werden. Ebenso wurde festgelegt, dass die Originale im seit 2008 bestehenden 3D-Studio der Kunstgiesserei gescannt werden, um digitale Daten der drei Figuren zu erhalten. Ausgehend davon werden in den nächsten Monaten die feuchtigkeitsabsorbierenden Doubles aus Holzkohle, einer Gipsmischung und Silica-Gel hergestellt – je nach Material gefräst respektive mit dem 3D-Drucker geprintet.

Der verköhlerte Monsterfisch

Das Double des Fisch-Kinds möchte Starling in schwarzem Material realisieren; er hat sich dabei für Holzkohle entschieden. Mit einer fünfachsigen Fräse wird dafür ausgehend von digitalen Daten aus einem Holzblock das Fisch-Kind herausgeschnitten. Dieser wird anschliessend verköhlert, das heisst unter Ausschluss von Sauerstoff verbrannt, wobei bis zu einem Drittel des ursprünglichen Volumens schwindet.

kunstbild5

Auf gescannten Daten basierende 3D-Darstellung des 
Schwan-Kind-Hybrids

Um zu gewährleisten, dass Original und Double die gleiche Grösse aufweisen, wird das Holzdouble in der Giesserei vor dem Verköhlerungsprozess entsprechend grösser gefräst.

Ebenfalls in subtraktivem Verfahren wird das Double der Schwan-Figur produziert, das farblich Terracotta ähnlich sehen wird: Ein in der Giesserei entwickeltes, eingefärbtes Gipskonglomerat wird dafür in Rohblöcke gegossen, getrocknet und in Form gefräst.

Die Schildkröte aus dem Printer

Etwas langwieriger sind die Recherchen zu Silica-Gel ausgefallen. Die Schwierigkeit ist, dieses dauerhaft in Schildkröten-Form zu bringen, ohne dass die feuchtigkeitsbindende Wirkung wegfällt. Wie Versuche gezeigt haben, wäre das etwa bei der Bindung von Silica-Kügelchen mit Kunststoff oder Harz nicht derFall.

kunstbild4

Eine Anhäufung von rotfarbenen Silica-Gel-Kügelchen

Die nun gefundene Lösung ist eine Kombination aus Anhäufungen von Silica-Kügelchen und einer Hülle aus gebundenem Kunststoffpulver. Die eierschalenfarbige Hülle wird schichtweise im 3D-Drucker aufgebaut und ist von durchlässigem Charakter. Das hohle Innere der Schildkröte wiederum wird mit Silica-Kügelchen gefüllt, die für die Feuchtigkeitsaufnahme verantwortlich sind.

Der Aufbau der drei Doppelvitrinen ist für den Herbst dieses Jahres vorgesehen. Bis dahin können Fisch, Schildkröte und Schwan in der eben eröffneten Einzelausstellung von Simon Starling mit dem Titel Zum Brunnen in der Lokremise im Original betrachtet werden.

 

Vernissage: 26. Februar, 18.30 Uhr, Lokremise St.Gallen. Die Ausstellung Zum Brunnen dauert bis zum 14. August.
26. April, 18:30 Uhr: Felix Lehner und Konrad Bitterli sprechen über Werkstoffe in der Kunst

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

 

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller