Beleuchtet von zwei Stehlampen und als einziges Werk der Ausstellung auf dem Boden liegend, fällt der Blick beim Betreten von Aufblühende Attacken! – so der Titel der Gruppenausstellung – schnell auf Julia Martis Installation mit MDF-Platten. Darauf hat die Zürcher Illustratorin und Künstlerin mit etwas Abstand und unter Verwendung von feinen Nägeln farbige Kartonformen angebracht. Die vierteilige Arbeit hat sie so im Raum arrangiert, dass je zwei hochformatige Platten näher beieinander liegen und gewissermassen eine Doppelseite verkörpern.
A fleur de peau lautet der Titel von Martis Installation und geht auf einen Comic von ihr zurück, den sie für die Ausstellung in die Form eines Reliefs übertragen hat, wobei sie auf Schriftelemente verzichtete. Lesen im herkömmlichen Sinne lässt sich der «Steckcomic» somit nicht – aber die Interpretationen einander vielleicht erzählen?
Vanja Hutter
Aus bestickten weissen Handschuhen und 27 auf einem schmalen Tablar liegenden Couverts besteht der Beitrag der St. Galler Künstlerin Vanja Hutter. Gerichtet sind sie an ungewöhnliche Adressatinnen und Adressaten: «An die Fragende» ebenso wie die Gerissene, den Schutzlosen oder den Talentierten. In den Umschlägen stecken wortreiche Zeichnungen Hutters, die von neugierigen oder angesprochenen Besuchern mit den Handschuhen herausgenommen werden (oder umgekehrt bewusst geschlossen bleiben dürfen). Der Effekt ist mehrstufig: Auf das Lesen der Umschläge folgen unsere Assoziationen, die wiederum wohl nur in seltenen Fällen mit dem darin Steckenden korrespondieren. Die 27 Versuche zu betreffen regen an zur Auseinandersetzung mit eigenen Erwartungen und überzeugen durch ihre Mehrschichtigkeit.
Kai Pfeiffer
Räumliche Leerstellen und strichgewaltige Papierarbeiten fallen in der Präsentation von Kai Pfeiffer auf. Der Berliner Künstler und Dozent für Comic und Illustration zeigt eine Vielzahl an kleinformatigen Tuschelandschaften, die mitunter ineinander überfliessen: Die Strichführung und Komposition einzelner Zeichnungen deuten an, dass sie – über den Weissraum der Wand hinweg – zusammengehören. Ein direkt auf Wand und Decke des Nextex aufgetragener, goldener Tropfberg hält dabei die einzelnen, gänzlich schriftlosen Arbeiten zusätzlich zusammen.
Hannah Raschle
Den spielerischsten und Comic-nächsten Beitrag gibt es im abgetrennten Raum beim Eingang zu entdecken: Hannah Raschle überzog die Wände flächendeckend mit einer Tapete, der 37 Skizzen von Hotelrezeptionen zugrunde liegen. Die Tapete wird teilweise überlagert von einem Katzen-Comic sowie Plakaten Raschles. Entstanden sind die Arbeiten mehrheitlich in Rom, wo Raschle das vergangene halbe Jahr im Rahmen des Atelierstipendiums des Kantons St. Gallen gelebt hat.
In ihrer Feinheit und Zurückhaltung passen die Werke der vier Kunstschaffenden im Nextex-Ausstellung gut zusammen; was hingegen weniger überzeugt, ist der kuratorische Überbau der Ausstellung: Aufblühende Attacken! ist als Titel zu brachial für die ruhigen und feinen Arbeiten. Auch handelt es sich bei den Exponaten weniger um «Auswüchse der 9. Kunst» – sprich des Comics –, wie der Untertitel lautet, sondern um Zeichnungen.
Hier gälte es, Begrifflichkeiten wie Comic und Zeichnung sowie ihre Grenzen und Übergänge zu klären – etwa im Saaltext, der deutlich mehr in die Tiefe gehen könnte. So würde, was auf visueller Ebene erfreut und überzeugt, auch als Konzept funktionieren.
Bilder: Nina Keel und Nextex
Nextex St.Gallen, Di 13-16 Uhr und Do 13-16/19-22 Uhr
Die Ausstellung dauert bis zum 28. April und ist während des Wortlaut Festivals zusätzlich geöffnet: Sa, 2. April, 12-20 Uhr, So, 3. April, 13-16 Uhr
Begleitveranstaltung: Do, 31. März, 19 Uhr: Gespräch mit den Kunstschaffenden und Anette Gehrig, Kuratorin am Cartoonmuseum Basel
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann