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Basteln am Abgrund

Manuel Stahlberger zeichnet und singt sein neues Programm in der St.Galler Kellerbühne. Am Montag war Premiere von «Eigener Schatten» – ein traurig-lustiger Trip durch Kindheitsmelancholie und Erwachsenendepression.
Von  Peter Surber , 
Manuel Stahlberger in der Show, «wo mer alles recht mache mue». (Bild: Michael Schoch)

Pumpenvolle Kellerbühne, sieben Vorstellungen sind angesagt, danach drei Dutzend Tourneetermine, die Premiere längst ausverkauft, und es wird wieder, wie stets bei Manuel Stahlberger, jede und jeder das eigene Lieblingslied, die liebste Zeichnung, den liebsten Abgrund finden im neuen Programm. Mein Favorit ist das Lied vom ersten Fussballmatch, bei dem der Bub mitdarf.

März 1983, GC kommt ins Espenmoos, auf dem Weg die Heiligkreuzstrasse hinunter die pickelharte Prognose des Vaters: 3:1 für GC. St.Gallen trägt Leibchen mit «Fido»-Werbung, kein gutes Omen zum Gewinnen. Doch dann trifft Friberg für St.Gallen zum 1:0, GC gleicht aus, St.Gallen trifft wieder, 2:1, der Bub steht auf einer Holzkiste, sieht die «Securitässler» ihre Runden drehen, sie reimen sich auf ihn, den «Zweitklässler», das 3:1 fällt, das 4:1, man glaubt den nassen Rasen zu riechen, am Ende steht es 5:1 für uns, und «da isch s’erscht Mol, dass min Vatter nöd recht gha hätt».

Als einem, der an der selben Heiligkreuzstrasse aufgewachsen ist und eine Generation früher an der damals noch gitterlosen Bande mitgefiebert hat, geht mir das Lied nah und nicht mehr aus dem Kopf.

Unheile Welt im Diktat

Manuel Stahlbergers neues Programm Eigener Schatten fängt allerdings anders an: glamourös. Blitzlichtgewitter, Posen, ein Tänzchen zum Einpeitschen, «so mues mers mache», sagt er und bricht schon mit dem ersten Song, der Geschichte seiner Geburt in einer «Gwitternacht», aus der Show namens Leben aus, «wo mer alles recht mache mue».

Ein Fingerschnippen, und statt im Hallenstadion sind wir in der Schulstube, wo der Viertklässler in sauberer Schnürlischrift Diktate absolviert, Mammut und Pfahlbauer und Helvetier und das Velo und das Zeichnen aus der Vogelperspektive lernt; genau so sahen sie aus, die Bilder, so tönten sie, die Diktate: «folge», alles recht machen, Hände waschen, und beim Zmittag fehlt der Vater, so wie immer der Vater fehlt.

Stahlbergers Programm, sein dritter Soloabend nach Innerorts und Neues aus dem Kopf, lebt von solcher Nähe, vom Anklingen eigener Erinnerungen, von den melancholischen «Genauso war es»-Effekten. Er treibt sie bis zur Perfektion, holt Schulhefte hervor, zeichnet einen Adventskalender, bastelt mit WC-Rollen und backt Brote, so wie in früheren Programmen Jasskarten und Wappen und Lego seine kabarettistische Passion waren. Das Reservoir an kindheitsprägenden Banalitäten scheint bei Stahlberger unerschöpflich – bis es kippt.

Es kippt ständig. Es kippt beim Zeichnen aus der Vogelperspektive – die eben noch wohl aufgeräumte Kreuzung wird von einem Orkan erfasst und die Diktatsätze wirbeln wild durcheinander. Es kippt, wenn die Helvetier nicht mehr nur Häuser, sondern Velos anzünden, wenn im Adventskalender-Einfamilienhaus Frau Meier plötzlich Herrn Müller im Keller küsst, während nebenan Kellers wohnen, der Hund aufs Dach gerät und sich am Ende statt Zeitungen Trampoline zur Müllabfuhr stapeln. Es kippt und purzelt und kugelt sich, wenn Stahlberger sich Kinderbuch-Bestseller zur Brust nimmt, der Regenbogenfisch synchronschwimmen lernt, abstürzt und Globi auf Papa Moll trifft.

Öberall scho gsii

Wenn Stahlberger zeichnet, ist es lustig. Wenn er singt, bricht die ganze Traurigkeit über ihn und uns herab, die im Kern auch schon in seinen Zeichnungen steckt, in der Melancholie des Erinnerns, in der Enge des Schulstoffs, im Grau der kleinbürgerlich geordneten Kinderwelt. In den Liedern aber wächst sich die Kindheitsmelancholie zur veritablen Depression aus.

Eigener Schatten: bis 29. Februar, Kellerbühne St.Gallen, danach Tournee

kellerbuehne.ch

Da singt er von einem, der «alls scho gmacht hätt» und «öberall scho gsi isch» – auch in Trömmlige und Wüetige und allerhand anderen bislang unbekannten Schweizer Dörfern, wie sie Franz Hohler nicht treffender hätte erfinden können. Er singt von einer, die sich an einem Regenmorgen in ein anderes Leben, einen anderen Mann, in ein Glück im Konjunktiv hineinträumt. Ein Weihnachtsabend gerät aus den Fugen, eine Scheidungsfamilie sucht vergeblich Risse zu kitten, ein Mann verliert sich im Nachbasteln seiner Kindheit, und dann greift der Sänger zur Gitarre und besingt die zerbrochene Liebe zwischen ihm, dem hoffnungsvollen Studenten und ihr: der Miss Häggenschwil. Es ist, wie immer bei Stahlberger, ein Lied ohne Ende, es fehlt wie so oft die letzte Strophe, das Leben hat keine Antworten, nur offene Rechnungen.

Wer also «öber de eige Schatte springe», «positiv tenke», «sich mit Salzteig öppis getraue», kurzum: «ganz sich selber werde» will, der wird bei Stahlberger nicht fündig. Alle andern aber werden ihr Lieblingslied und ihre Lieblingszeichnung finden, ziemlich sicher sogar mehrere. Abgründe inklusive.

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Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

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Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

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Ma­gen­brot bis zu­letzt

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Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

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