Pumpenvolle Kellerbühne, sieben Vorstellungen sind angesagt, danach drei Dutzend Tourneetermine, die Premiere längst ausverkauft, und es wird wieder, wie stets bei Manuel Stahlberger, jede und jeder das eigene Lieblingslied, die liebste Zeichnung, den liebsten Abgrund finden im neuen Programm. Mein Favorit ist das Lied vom ersten Fussballmatch, bei dem der Bub mitdarf.
März 1983, GC kommt ins Espenmoos, auf dem Weg die Heiligkreuzstrasse hinunter die pickelharte Prognose des Vaters: 3:1 für GC. St.Gallen trägt Leibchen mit «Fido»-Werbung, kein gutes Omen zum Gewinnen. Doch dann trifft Friberg für St.Gallen zum 1:0, GC gleicht aus, St.Gallen trifft wieder, 2:1, der Bub steht auf einer Holzkiste, sieht die «Securitässler» ihre Runden drehen, sie reimen sich auf ihn, den «Zweitklässler», das 3:1 fällt, das 4:1, man glaubt den nassen Rasen zu riechen, am Ende steht es 5:1 für uns, und «da isch s’erscht Mol, dass min Vatter nöd recht gha hätt».
Als einem, der an der selben Heiligkreuzstrasse aufgewachsen ist und eine Generation früher an der damals noch gitterlosen Bande mitgefiebert hat, geht mir das Lied nah und nicht mehr aus dem Kopf.
Unheile Welt im Diktat
Manuel Stahlbergers neues Programm Eigener Schatten fängt allerdings anders an: glamourös. Blitzlichtgewitter, Posen, ein Tänzchen zum Einpeitschen, «so mues mers mache», sagt er und bricht schon mit dem ersten Song, der Geschichte seiner Geburt in einer «Gwitternacht», aus der Show namens Leben aus, «wo mer alles recht mache mue».
Ein Fingerschnippen, und statt im Hallenstadion sind wir in der Schulstube, wo der Viertklässler in sauberer Schnürlischrift Diktate absolviert, Mammut und Pfahlbauer und Helvetier und das Velo und das Zeichnen aus der Vogelperspektive lernt; genau so sahen sie aus, die Bilder, so tönten sie, die Diktate: «folge», alles recht machen, Hände waschen, und beim Zmittag fehlt der Vater, so wie immer der Vater fehlt.
Stahlbergers Programm, sein dritter Soloabend nach Innerorts und Neues aus dem Kopf, lebt von solcher Nähe, vom Anklingen eigener Erinnerungen, von den melancholischen «Genauso war es»-Effekten. Er treibt sie bis zur Perfektion, holt Schulhefte hervor, zeichnet einen Adventskalender, bastelt mit WC-Rollen und backt Brote, so wie in früheren Programmen Jasskarten und Wappen und Lego seine kabarettistische Passion waren. Das Reservoir an kindheitsprägenden Banalitäten scheint bei Stahlberger unerschöpflich – bis es kippt.
Es kippt ständig. Es kippt beim Zeichnen aus der Vogelperspektive – die eben noch wohl aufgeräumte Kreuzung wird von einem Orkan erfasst und die Diktatsätze wirbeln wild durcheinander. Es kippt, wenn die Helvetier nicht mehr nur Häuser, sondern Velos anzünden, wenn im Adventskalender-Einfamilienhaus Frau Meier plötzlich Herrn Müller im Keller küsst, während nebenan Kellers wohnen, der Hund aufs Dach gerät und sich am Ende statt Zeitungen Trampoline zur Müllabfuhr stapeln. Es kippt und purzelt und kugelt sich, wenn Stahlberger sich Kinderbuch-Bestseller zur Brust nimmt, der Regenbogenfisch synchronschwimmen lernt, abstürzt und Globi auf Papa Moll trifft.
Öberall scho gsii
Wenn Stahlberger zeichnet, ist es lustig. Wenn er singt, bricht die ganze Traurigkeit über ihn und uns herab, die im Kern auch schon in seinen Zeichnungen steckt, in der Melancholie des Erinnerns, in der Enge des Schulstoffs, im Grau der kleinbürgerlich geordneten Kinderwelt. In den Liedern aber wächst sich die Kindheitsmelancholie zur veritablen Depression aus.
Eigener Schatten: bis 29. Februar, Kellerbühne St.Gallen, danach Tournee
kellerbuehne.ch
Da singt er von einem, der «alls scho gmacht hätt» und «öberall scho gsi isch» – auch in Trömmlige und Wüetige und allerhand anderen bislang unbekannten Schweizer Dörfern, wie sie Franz Hohler nicht treffender hätte erfinden können. Er singt von einer, die sich an einem Regenmorgen in ein anderes Leben, einen anderen Mann, in ein Glück im Konjunktiv hineinträumt. Ein Weihnachtsabend gerät aus den Fugen, eine Scheidungsfamilie sucht vergeblich Risse zu kitten, ein Mann verliert sich im Nachbasteln seiner Kindheit, und dann greift der Sänger zur Gitarre und besingt die zerbrochene Liebe zwischen ihm, dem hoffnungsvollen Studenten und ihr: der Miss Häggenschwil. Es ist, wie immer bei Stahlberger, ein Lied ohne Ende, es fehlt wie so oft die letzte Strophe, das Leben hat keine Antworten, nur offene Rechnungen.
Wer also «öber de eige Schatte springe», «positiv tenke», «sich mit Salzteig öppis getraue», kurzum: «ganz sich selber werde» will, der wird bei Stahlberger nicht fündig. Alle andern aber werden ihr Lieblingslied und ihre Lieblingszeichnung finden, ziemlich sicher sogar mehrere. Abgründe inklusive.
Volle Tribüne für ein Buch: Die Vernissage von Manuel Stahlbergers Typotron-Hefts «Zeug» wurde zur Umarmung von Kultur und Sport.
Für die Migros im umgebauten Neumarkt wurde jeder Winkel ausgenutzt. Es entstand weniger ein Laden als ein Intelligenztest. Einer für Fortgeschrittene.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.