Kategorie
Autor:innen
Jahr

Lost in the Supermarket

Für die Migros im umgebauten Neumarkt wurde jeder Winkel ausgenutzt. Es entstand weniger ein Laden als ein Intelligenztest. Einer für Fortgeschrittene.

 
Von  Andreas Kneubühler

St.Gallen hat ja nur wenige Wahrzeichen: Kathedrale, roter Platz, Rathausturm.

Und der Neumarkt, dank dem Song von Manuel Stahlberger.

Nur stimmt der Text seit dem Umbau nicht mehr. Stahlbergers Fazit in der «Tagblatt»-Beilage zur Neueröffnung: «Noch nie wurde ein Lied mit soviel Geld zerstört.»

Hier für Nostalgiker: Neumarkt.

Inzwischen ist alles anders: Die Migros hat jeden einzelnen Quadratmeter Fläche ausgenutzt. Vorher gab es neben der Lebensmittelabteilung einen Al Forno, eine Chemische Reinigung, einen Laden mit regelmässigem Räumungsverkauf, eine rustikal eingerichtete Imbissecke sowie einen asiatischen Fastfood.

Nun gibt es nur noch einen riesigen Triple-M-Markt.

Das Problem dabei: Die Ladenfläche ist sehr gross – und verwinkelt angelegt. Die Decke hängt tief, die Übersicht fehlt. Natürlich gibt es keine Wegweiser. Nur das Personal hilft weiter. Wenn man den Kaffeerahm partout nicht findet, wird verständnisvoll geseufzt. Niemand muss sich schämen, wenn man die Sortimentsaufteilung nicht versteht. Das ist normal. Man trifft Bekannte mit dem selben ratlosen Gesicht, das man selber macht. Die Gespräche gleichen sich: Man erzählt sich, wie lange man schon die paar Sachen sucht, die man rasch einkaufen wollte. Und man hört Leuten zu, die fast die gleichen Sätze sagen.

Vielleicht ist der Shop aber auch ein Intelligenztest in 3-D? Falls letzteres zutrifft, hat man ihn wiederholt nicht bestanden.

Die Planer haben weitere Hürden eingebaut: Es gibt einen Eingang, der kein Ausgang ist und einen Ausgang, der kein Eingang ist. In den ersten Tagen stellte die Migros einen Security-Menschen an, der nichts anderes machte, als die Kunden weiterzuwinken: Vom Ausgang, der wie ein Eingang aussah, zum Eingang, den man anschliessend nicht mehr wiederfand.

Auch die Expresskassen wurden abgeschafft. Nun soll man die Produkte selber einscannen, wenn man es eilig hat. Weil das niemand versteht, steht Personal bereit, um den Kunden das Self-Scanning zu erklären, mit dem später Personal eingespart wird.

Nicht nur Manuel Stahlberger hat einen Song über den Neumarkt geschrieben. The Clash vertonten das Problem bereits 1979:

Jetzt mitreden: 15 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Umbau Migros Neumarkt | St. Gallenblog,  

… http://www.saiten.ch/lost-in-the-supermarket/ …

maja,  

Fühl mich ertappt. Intelligenztest definitiv nicht bestanden. Stattdessen entwickelten sich bei mir erst Gefühle des Eingeengt seins und der Überreizung, schliesslich leichter Schwindel und die irrationale aber sehr reelle Angst mich verlaufen zu haben und nicht mehr aus diesem schrecklichen Irrgarten herauszufinden. Dank der leichten Steigung mitten im Laden, an die ich mich noch von früher her erinnern konnte, fand ich schlussendlich den Weg zurück zum vorderen Eingang. Würde Stahlberger das Lied über den Neumarkt heute schreiben, würde es ungleich intensiver. Stelle ich mir zumindest so vor. Aber vielleicht kennt er ja bereits die schnellste Route von Milch über Brot zu Gemüse, Kosmetik, Babynahrung, Eier, Tiefgefrorenem, in Dosen konserviertem und Getränke bis zum hinteren Ausgang in Richtung 5er Bus.

Apostel,  

Ob Stahlberger als Person ein Konsumvogel ist oder nicht, steht hier gar nicht zur Diskussion. Auf jeden Fall ist sein Lied Marketing für die Migros. Die ganzen Diskussionen über die Migros gehen mir auf den Sack! Und Stahlberger trägt nun mal mit seinem Lied dazu bei, dass man über belangloses Zeug (wo steht das Gemüse? Ist die neue Migros gut? Find ich mich zurecht? ...) diskutiert, anstatt zum Beispiel über Arbeitsrechte und Anstellungsbedingungen an eben diesem Ort oder wichtigere Fragen dieser Welt!

Andrea Martina Graf,  

@Apostel: Manuel Stahlberger ist wohl das Gegenteil eines MassenkonsumFetischisten. Ich erleben ihn als wachen Zeitgenossen, nicht als abgestumpften Konsumenten. Also bitte, nächstes Mal nicht so forsch unüberlegt verurteilen.

Juliana Borges de Souza via Facebook,  

Ah genau a propos cumuluskarte, sobald man 1x self-scanning gemacht hat gibt es nur ein zurück indem man eine schriftliche kündigung schickt! Das macht sowieso keiner...

Andrea Martina Graf,  

Als ich irgendwo wieder 1 Rolltreppe hochrollte, war mir, als ob ich soeben 1 Höllentrip entkommen. Dante lässt grüssen.

lc,  

Bravo! Schön ist ja auch der Skihüttencharme beim Nordeingang und noch schöner ist die gekonnte Ausleuchtung der Köpfe im Migrosrestaurant, punktgenau auf die mampfenden Köpfe, ziemlich zombieesk. Jänu, gibt ja noch andere Läden und wenn einem der Konsum bitz verleidet ists auch nicht so schlimm.

Brigitte Kemmann,  

Die absolute Schärfe isi, dass man Self-Scanning nur machen kann, wenn man eine Cumulus-Karte hat. Und wer hat die schon?

Apostel,  

Lieber Stahlberger und sonstige diskussionswütige Menschen, Wann hört die Gratiswerbung und Beweihräucherung von Massenkonsum, Genossenschaftsheuchelei und Arbeitsrechte-mit-Füssen-Tretern endlich auf? Es dankt der Apostel

Amadea Liberia via Facebook,  

eine sehr gekonnte Verschlechterung ist hier gelungen! hundert Prozent!

Juliana Borges de Souza via Facebook,  

Man verliert wirklich etwas die Orientierung ;-) aber das mit dem Self-scanning finde ich nicht gut. Dadurch werden mit Sicherheit irgendwann die Kassiererinnen ersetzt... (zumindest einen Teil) Naja...:-

hrb,  

wowol, es hat schon noch expresskassen, sind einfach nicht gekennzeichnet. sie haben einfach kein förderband und nur platz fürs körbli. sonst hast schon recht. den alforno gibts noch, heisst einfach lichtenstiger und die verkäuferinnen haben tageslicht. aber gopf, wo sind die dübel?

Caroline Blaser via Facebook,  

Ich liebe das self- scanning endlich nicht mehr langes anstehen. Und zurecht finde ich mich auch schon sehr gut. Hat damit zu tun das ich mir die Zeit nahm bei der Eröffnung alles zu erkunden.

Andrea Reinwald via Facebook,  

Ein absolut genialer text zum einem wahnwitzigen thema!

ver(w)irrter,  

naja also den asiaten gibts noch immer... aber hässlich ist er, der neue konsumtempel.

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26