Post-Kultur III: Nümmerli, B-Post und Post-ab

Kabarettist Manuel Stahlberger ringt dem Schalterstehen Sinn ab. Und in den Hallen, die die Post nicht mehr nutzt, zieht die Post-Kultur ein. Ein postalischer Beitrag aus dem Januarheft.
Von  Peter Surber

Die Post geht mit der Zeit. Schluss mit Schlangestehen – heute zieht man, falls man überhaupt noch mit der Post statt mit Posts verkehrt, in der Schalterhalle einen Zettel und wartet, bis man an der Reihe ist. Der St.Galler Kabarettist Manuel Stahlberger, Spezialist für die Absonderlichkeiten des Alltags, hat aus den ominösen Nümmerli eine Nummer gemacht. Stahlberger ringt den nutzlos gewordenen Zahlen und Daten auf den Zetteln die wunderlichsten Deutungen ab – halt nur live zu erleben. Für diese postalische Saiten-Ausgabe hat er aber freundlicherweise seine Unikate aus dem Zettelkasten geholt, alle ausser einem, damit’s aufging.

Wie lange es mit dem postalischen Nummernwesen noch weitergeht, steht allerdings auf einem anderen Zettel. Ihre stolzen Gebäude, einst neben Bank und Rathaus, Bahnhof und Schule die repräsentative Mitte der Stadt, braucht die Post vielerorts nicht mehr. In der St.Galler Hauptpost ist seit 2015 provisorisch die Kantons- und Stadtbibliothek einquartiert, daneben Büros der kantonalen Verwaltung, Ateliers und Schulzimmer. Das Provisorium bewährt sich – auch weil die Post standesgemäss solid gebaut hat vor hundert Jahren.

In den Quartieren passiert Ähnliches: Die ehrwürdige Post im Linsebühl ist seit langem zur künstlerischen Postpost mutiert, mehr dazu hier. Oder die Post St.Georgen: Sie dient heute einem Verlag als Geschäftssitz; in den benachbarten Räumen an der Demutstrasse 2 mit ihrem Jugendstil-Interieur ist seit 2007 die B-Post einquartiert, als Freitags-Bar, Mittwochs-Kulturplatz und Quartier-Treffpunkt.

Und was der Stadt recht ist, ist dem Land billig: Die «Alte Post» im Weisstannental etwa ist seit 2012 ein Museum und Kulturzentrum. 250 Jahre lang war das imposante spätbarocke Gebäude als Post, Restaurant, Bäckerei, Laden die Drehscheibe im Tal. Heute wird unter dem Namen «Post-ab» im Sommerhalbjahr ein Kulturprogramm geboten, mit Schwerpunkt auf der Pflege von Handwerk und Traditionen – dank Multimedia-Vermittlung aber auf der Höhe der Gegenwart. Im November hat der St.Galler Kantonsrat die Anstrengungen der «Post-ab» zur Belebung des Tals mit einem Zusatzbeitrag von 20’000 Franken aus dem Lotteriefonds honoriert.

Die Post geht mit der Zeit. Was mit ihr passiert, ebenso wie mit anderen nicht mehr gebrauchten Zeugen der Industrie- und der analogen Dienstleistungsepoche, ist der Umnutzungs-Klassiker: Die Kultur übernimmt.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

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2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

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