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Der liebe Gott und die Briefträger

Aus unserem Januarheft: Erinnerung an einen Beruf, den es bald nur noch in der Literatur geben wird.
Von  Peter Surber , 

«Gegen unseren Briefträger konnte man nichts machen.» So fängt Peter Bichsels Kolumne Der Briefträger an, die Hommage an einen aussterbenden Berufsstand – jedenfalls wenn sich der Post-Roboter durchsetzen sollte, der gerade in Norwegen getestet wird und der nicht nur den Poststellen, sondern auch den Postboten den Garaus machen könnte.

Der Briefträger, in Bichsels Kinderaugen eine «Respektsperson» mit weissem Bart wie Sankt Nikolaus, kam immer zu spät, «und er verteilte die Post wie eine persönliche Gunst. Er – so schien es – entschied darüber, wer einen Brief bekommt, eine Postkarte, eine Mahnung oder eine Zeitung. Und er war gerecht, alle bekamen ab und zu eine Zeitung.» Bichsels Briefträger ist ein grosser Leser, er liest während des Postverteilens die Zeitung, öffnet Drucksachen und studiert Postkarten. «Er las, er blieb stehen, er schüttelte den Kopf über einen Rechtschreibfehler, er freute sich über eine gute Nachricht, und wenn ihm die Postkarte ganz besonders gefallen hatte, dann legte er sie nicht nur in den Briefkasten, sondern er läutete, grüsste freundlich und sagte: ‹Ihrer Schwester im Tessin geht es sehr gut, sie haben wunderschönes Wetter, und sie hat sich auch gut erholt.›»

Das Lesen von Privatpost war zwar gegen alle Berufsregeln, aber verglichen mit den Lese-Machenschaften des Staatsschutzes überwiegt für Bichsel im Rückblick das Positive: «Beim Lesen meiner Fichen ist er mir wieder eingefallen, unser guter alter Briefträger, der unsere Postkarten nicht etwa im Geheimen las, sondern öffentlich und mitleidend, sich mitfreuend, teilnehmend. Und er teilte den Adressaten auch mit, was er jetzt wusste. Hie und da hat man gern einen Mitleser, und er war ein besorgter Mitleser. Das Postgeheimnis – so scheint mir – war bei ihm in guten Händen.»

Vorbei die Zeiten – mit Garantie öffnet der Pöstler heute keine Couverts mehr. Es fehlte ihm schlicht die Zeit dafür. Auf dem Land sausen der Postbote und die Postbotin im gelben Fiat von Haus zu Haus unter hohem Zeitdruck, der sich noch erhöht bei Schnee und Eis. Der Service Public funktioniert, man kann nur höchsten Respekt davor haben. Aber Auskunft über ihre Arbeit dürften sie nicht geben, sagte unser Pöstler, dessen Name ich nicht mehr kenne, kürzlich auf meine entsprechende Frage.

Bichsels auskunftsfreudiger Briefträger war seinerseits wohl schon damals die Ausnahme. Und erst recht aus dem Feld der Fantasie und der Post-Romantik stammen die Herren Ferdinand Ürdinger, Karl Deuth und Franz Blumauer, das infernalische Trio vom «Brieftrager»-Stammtisch beim Kirchenwirt in Munderfing im Innviertel aus den Romanen des österreichischen Autors Alois Brandstetter.

1974, unter dem Titel Zu Lasten der Briefträger, lässt Brandstetter seine zweifelhaften Helden sämtliche Postgeheimnisse und Beamtenregeln brechen. Rund 37 Jahre später erscheint die Fortsetzung. Jetzt sind die drei pensioniert, der Titel lautet Zur Entlastung der Briefträger, doch zu schimpfen hat das Trio mehr denn je. Zum Beispiel über die neue Mode der Postagenturen: «Jetzt muss man 10 Kilometer fahren, die Luft mit Abgasen verpesten und das Klima erwärmen und dann bei einem Metzger kaltblütig seine Briefmarke kaufen. Bei der Fleischhauerin, der neuen ‹Postpartnerin›, kannst du deinen Brief abgeben und einschreiben lassen und eine Leberkässemmel bestellen. Mit der Linken gibt sie dir den Imbiss und mit der Rechten die Einschreibbestätigung, und du kannst froh sein, wenn sie linkerhand einen Handschuh trägt und nur mit der Rechten dann die Euros und Cents herausgibt, an denen die Keime und Bakterien kleben und der Schweiss vieler Vorbesitzer. Ein solcher Postpartnerbesuch ist doch heute ein Gesundheitsrisiko!»

So geht es weiter, seitenweise, über die «Entmachtung der Briefträger und ihre Entwürdigung». Karl Deuth erinnert sich wehmütig an die Zeiten, da er den Alten im Dorf die Rentengelder noch an der Türe ausbezahlt oder anonyme Drucksachen und «obszöne Parteipropaganda» statt zugestellt kurzerhand entsorgt hatte. Heute aber drohe die «gefährlichste Gefahr» durch die Privatisierung, die den Privaten die «Filetstücke» lasse und der staatlichen Post den Rest hinwerfe «wie einem ausgehungerten Hund einen abgenagten Knochen». Brandstetters Schelmenroman liest sich stellenweise wie ein Manifest oder das Protokoll der Debatten über den Abbau der Postdienstleistungen. Nur viel lustiger, wenn das Pensionistentrio etwa über faule Briefträger, amtliche Korruption oder Postleitzahlen philosophiert, Kriminalfälle wie den Überfall von zwei Männern in Burka auf ein Postamt verhandelt oder seine eigenen Buchpläne debattiert.

Gegen Ende zieht Karl Deuth einmal das Fazit: «Ein Briefträger weiss mehr als ein Beichtvater. Er ist ein Datenträger und Datenspeicher. Ihm bleibt nichts verborgen. Die Post verrät den Menschen. Sage mir, mit wem du korrespondierst, und ich sage dir, wer du bist! Der liebe Gott und die Briefträger wissen alles!» Heute sitzen die Alleswisser in den Zentralen der digitalen Konzerne. Und Briefe schreibt (fast) niemand mehr.

Daran ist allerdings nicht die Post schuld, sondern die Digitalisierung und vor allem die Omnipräsenz des Telefons. Dessen Vorzüge und Komfortgewinne sind so unbestreitbar, dass es auch erlaubt sein soll, die Verluste zu beklagen und in Sachen Post-Romantik und Briefträger-Idyllik noch einen draufzugeben. In Wilhelm Müllers Zyklus Winterreise, vor rund 200 Jahren geschrieben und vielleicht längst vergessen, wenn ihn nicht Franz Schubert vertont hätte, steht etwa in der Mitte das Gedicht Die Post. Es erinnert daran, dass Briefe einst existentiell waren – vor allem, wenn sie ausblieben.

Von der Strasse her ein Posthorn klingt.
Was hat es, dass es so hoch aufspringt,
Mein Herz?
Die Post bringt keinen Brief für dich.
Was drängst du denn so wunderlich,
Mein Herz?
Nun ja, die Post kommt aus der Stadt,
Wo ich ein liebes Liebchen hatt’,
Mein Herz!
Willst wohl einmal hinüberseh’n
Und fragen, wie es dort mag geh’n,
Mein Herz?

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

 

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Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

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Benin bronze kulturmuseum 2026

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Mo­ment­auf­nah­men

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