«Gegen unseren Briefträger konnte man nichts machen.» So fängt Peter Bichsels Kolumne Der Briefträger an, die Hommage an einen aussterbenden Berufsstand – jedenfalls wenn sich der Post-Roboter durchsetzen sollte, der gerade in Norwegen getestet wird und der nicht nur den Poststellen, sondern auch den Postboten den Garaus machen könnte.
Der Briefträger, in Bichsels Kinderaugen eine «Respektsperson» mit weissem Bart wie Sankt Nikolaus, kam immer zu spät, «und er verteilte die Post wie eine persönliche Gunst. Er – so schien es – entschied darüber, wer einen Brief bekommt, eine Postkarte, eine Mahnung oder eine Zeitung. Und er war gerecht, alle bekamen ab und zu eine Zeitung.» Bichsels Briefträger ist ein grosser Leser, er liest während des Postverteilens die Zeitung, öffnet Drucksachen und studiert Postkarten. «Er las, er blieb stehen, er schüttelte den Kopf über einen Rechtschreibfehler, er freute sich über eine gute Nachricht, und wenn ihm die Postkarte ganz besonders gefallen hatte, dann legte er sie nicht nur in den Briefkasten, sondern er läutete, grüsste freundlich und sagte: ‹Ihrer Schwester im Tessin geht es sehr gut, sie haben wunderschönes Wetter, und sie hat sich auch gut erholt.›»
Das Lesen von Privatpost war zwar gegen alle Berufsregeln, aber verglichen mit den Lese-Machenschaften des Staatsschutzes überwiegt für Bichsel im Rückblick das Positive: «Beim Lesen meiner Fichen ist er mir wieder eingefallen, unser guter alter Briefträger, der unsere Postkarten nicht etwa im Geheimen las, sondern öffentlich und mitleidend, sich mitfreuend, teilnehmend. Und er teilte den Adressaten auch mit, was er jetzt wusste. Hie und da hat man gern einen Mitleser, und er war ein besorgter Mitleser. Das Postgeheimnis – so scheint mir – war bei ihm in guten Händen.»
Vorbei die Zeiten – mit Garantie öffnet der Pöstler heute keine Couverts mehr. Es fehlte ihm schlicht die Zeit dafür. Auf dem Land sausen der Postbote und die Postbotin im gelben Fiat von Haus zu Haus unter hohem Zeitdruck, der sich noch erhöht bei Schnee und Eis. Der Service Public funktioniert, man kann nur höchsten Respekt davor haben. Aber Auskunft über ihre Arbeit dürften sie nicht geben, sagte unser Pöstler, dessen Name ich nicht mehr kenne, kürzlich auf meine entsprechende Frage.
Bichsels auskunftsfreudiger Briefträger war seinerseits wohl schon damals die Ausnahme. Und erst recht aus dem Feld der Fantasie und der Post-Romantik stammen die Herren Ferdinand Ürdinger, Karl Deuth und Franz Blumauer, das infernalische Trio vom «Brieftrager»-Stammtisch beim Kirchenwirt in Munderfing im Innviertel aus den Romanen des österreichischen Autors Alois Brandstetter.
1974, unter dem Titel Zu Lasten der Briefträger, lässt Brandstetter seine zweifelhaften Helden sämtliche Postgeheimnisse und Beamtenregeln brechen. Rund 37 Jahre später erscheint die Fortsetzung. Jetzt sind die drei pensioniert, der Titel lautet Zur Entlastung der Briefträger, doch zu schimpfen hat das Trio mehr denn je. Zum Beispiel über die neue Mode der Postagenturen: «Jetzt muss man 10 Kilometer fahren, die Luft mit Abgasen verpesten und das Klima erwärmen und dann bei einem Metzger kaltblütig seine Briefmarke kaufen. Bei der Fleischhauerin, der neuen ‹Postpartnerin›, kannst du deinen Brief abgeben und einschreiben lassen und eine Leberkässemmel bestellen. Mit der Linken gibt sie dir den Imbiss und mit der Rechten die Einschreibbestätigung, und du kannst froh sein, wenn sie linkerhand einen Handschuh trägt und nur mit der Rechten dann die Euros und Cents herausgibt, an denen die Keime und Bakterien kleben und der Schweiss vieler Vorbesitzer. Ein solcher Postpartnerbesuch ist doch heute ein Gesundheitsrisiko!»
So geht es weiter, seitenweise, über die «Entmachtung der Briefträger und ihre Entwürdigung». Karl Deuth erinnert sich wehmütig an die Zeiten, da er den Alten im Dorf die Rentengelder noch an der Türe ausbezahlt oder anonyme Drucksachen und «obszöne Parteipropaganda» statt zugestellt kurzerhand entsorgt hatte. Heute aber drohe die «gefährlichste Gefahr» durch die Privatisierung, die den Privaten die «Filetstücke» lasse und der staatlichen Post den Rest hinwerfe «wie einem ausgehungerten Hund einen abgenagten Knochen». Brandstetters Schelmenroman liest sich stellenweise wie ein Manifest oder das Protokoll der Debatten über den Abbau der Postdienstleistungen. Nur viel lustiger, wenn das Pensionistentrio etwa über faule Briefträger, amtliche Korruption oder Postleitzahlen philosophiert, Kriminalfälle wie den Überfall von zwei Männern in Burka auf ein Postamt verhandelt oder seine eigenen Buchpläne debattiert.
Gegen Ende zieht Karl Deuth einmal das Fazit: «Ein Briefträger weiss mehr als ein Beichtvater. Er ist ein Datenträger und Datenspeicher. Ihm bleibt nichts verborgen. Die Post verrät den Menschen. Sage mir, mit wem du korrespondierst, und ich sage dir, wer du bist! Der liebe Gott und die Briefträger wissen alles!» Heute sitzen die Alleswisser in den Zentralen der digitalen Konzerne. Und Briefe schreibt (fast) niemand mehr.
Daran ist allerdings nicht die Post schuld, sondern die Digitalisierung und vor allem die Omnipräsenz des Telefons. Dessen Vorzüge und Komfortgewinne sind so unbestreitbar, dass es auch erlaubt sein soll, die Verluste zu beklagen und in Sachen Post-Romantik und Briefträger-Idyllik noch einen draufzugeben. In Wilhelm Müllers Zyklus Winterreise, vor rund 200 Jahren geschrieben und vielleicht längst vergessen, wenn ihn nicht Franz Schubert vertont hätte, steht etwa in der Mitte das Gedicht Die Post. Es erinnert daran, dass Briefe einst existentiell waren – vor allem, wenn sie ausblieben.
Von der Strasse her ein Posthorn klingt. Was hat es, dass es so hoch aufspringt, Mein Herz? Die Post bringt keinen Brief für dich. Was drängst du denn so wunderlich, Mein Herz? Nun ja, die Post kommt aus der Stadt, Wo ich ein liebes Liebchen hatt’, Mein Herz! Willst wohl einmal hinüberseh’n Und fragen, wie es dort mag geh’n, Mein Herz?
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.