Die Ankündigung der ersten Freilichtaufführung in der Lok liest sich vielversprechend: «Seelig ist Zirkus, Konzerttheater und Dinnerspektakel, einzigartig und einmalig […] die emotionale und artistische Fallhöhe ist gross, der gekühlte Prosecco und ein wunderbares Menü stehen bereit und die Lunte für das musikalische Feuerwerk brennt».
Bei «Dinnerspektakel» denkt man an «Krimidinner» oder Witzigmanns Palazzo – alles irgendwie spiessig. Aber ein Dinnerspektakel in einer shabby-industrial-chic Location mit einer Truppe, die für ihre wilden Performances bekannt ist? Das willkommene Gegenteil!
Autobiografische Elemente nicht ausgeschlossen
Ein Familienfest soll sie sein, die Jubiläumsshow. So werden die Zuschauerinnen und Zuschauer schon am Eingang persönlich vom Chef de Service, der sich in dunkelgrünes Samtjackett, bunte Socken und Bowler-Hat geschmissen hat, in familiärem Schweizerdeutsch begrüsst und zu ihrem Tisch geleitet. Auf Voranmeldung wird nämlich ein Dreigänge-Menü serviert, das sich sehen und essen lassen kann.
Das allein und die warmherzige Gastlichkeit stellen manch anderes Familienfest in den Schatten. Wie die Familie wird auch die Sprache im Cirque de Loin geliebt. Mit «Liebi Familie!» werden der Bruder Sonja-Fritz (Michael Finger) und seine Schwester Hans-Kathrin (Martina Momo Kunz) im Laufe des Abends noch einige Male Erzählungen aus der 200-jährigen Geschichte der Zirkusfamilie einleiten, um die es in der Show geht, autobiografische Elemente nicht ausgeschlossen.
Die Sprachvielfalt auf der Bühne – Schwizerdütsch, Hochdeutsch, Wienerisch, Französisch und mehr – macht das Fest ungezwungen und gibt jeder Szene den passenden Ton. Und dank dem kreativen Spiel mit Klang und Sprache werden auch banale Dinge, etwa das Abspülen im Lied Gschirr, zu etwas besonderem.
Frischer Wind auf den alten Gleisen
Mit der Bühnengestaltung und dem Spiel auf der Rondelle haucht der Cirque de Loin der historischen Lok-Umgebung frischen Wind ein. Man kommt nicht um die Frage herum, warum so etwas nicht schon früher hat stattfinden können in diesem «Kulturzentrum mit regionaler Ausstrahlung».
Es gibt keine Bühne im herkömmlichen Sinn. Alles ist Bühne. Inmitten der Rondelle steht ein kleines Podest mit Klavier und einer Lampe aus Oma Plüschs Wohnzimmer. Am Rand die grosse Kinok-Leinwand, auf der hin und wieder Zusammenschnitte aus den vergangenen zehn Schaffensjahren der Compagnie und andere Videos gezeigt werden.
Der Techniker, der wie eigentlich alle an diesem Abend ebenfalls zur Zirkusfamilie gehört, hat ein kleines Zelt auf dem stilechten alten Container und somit das ganze Geschehen bestens im Blick. Das Highlight ist der alte Kran, von dem Lampions zur Remise gespannt sind, die das Dach des Zirkuszelts verkörpern sollen. Auch die obligatorischen Wohnwägen stehen am Eingang des Geländes und sorgen für Zirkusstimmung.
Ausgelassen und fröhlich bespielt die Compagnie alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Vom Dach der Remise schweifen sie in die Zukunft und die Vergangenheit, im Publikum sorgen sie dafür, dass es «ihren Gästen» – also der Familie – an nichts fehlt und mit dem alten Kran ist auch mehr möglich als auf den ersten Blick ersichtlich. Margo Darbois etwa zeigt das eindrücklich.
Aber nicht nur die Grenzen zwischen Bühne und Publikum verschwimmen, sondern – es ist ja eine Dinnershow – auch jene zwischen Compagnie-Mitgliedern und PSG-Service-Personal. Dass der nette Kellner einen Flickflack hinlegt oder «die Familie» auch nochmal auf Portugiesisch grüsst, soll da nicht ungewöhnlich sein.
Am Leben entlanggespielt
Eine weitere Grenze soll an diesem Abend unklar bleiben: Jene zwischen Plan und Spontanität. Einerseits hat man den Eindruck, dass die Truppe das Programm minutiös durchgetaktet hat und der Musiker Finger und seine Spielpartnerin Kunz den Abend fest im Griff haben. Andererseits scheinen manche Handlungen und Reaktionen so authentisch, dass man an einem Skript dafür doch arg zweifelt. Gerade das ist der Reiz an diesem Spektakel!
Seelig – 10 Jahre Cirque de Loin: 16., 19., 20., 22. und 23. August, 19:30 Uhr, auf der Rondelle der Lokremise St.Gallen Ticket und Infos: hier
cirquedeloin.ch
Das Finger-Album zum Jubiläum Seelig (Die armen im Geiste) ist am 7. August erschienen.
Es gibt auch keinen klassischen Spannungsbogen. Wäre auch Quatsch. Denn es geht um das Leben und das hat bekanntlich Höhen und Tiefen, folgt manchmal Plänen und kommt meistens ganz spontan um die Ecke. Es wird gestritten und Macarena getanzt und der verstorbene Papa herbeigesehnt, auch wenn er heute vielleicht «komische Ansichten» hätte. Die bucklige Verwandtschaft kann man sich eben nicht aussuchen – das gilt auch für Vampire.
Die Mischung der verschiedenen Darbietungen ist mindestens so bunt wie das Ensemble selbst. Besondere Hingucker sind die detailverliebten Kostüme zwischen Ethno-Look und makabrem Kuriositätenkabinett, made in Lichtensteig von Marisa Mayer und Laura Oertle.
Der Cirque de Loin erweist sich einmal mehr als Hans-Dampf in allen Gassen, wenn auch etwas braver und weniger nackt als in früheren Produktionen: Trapez-Kunst, Tanz, Clownerie, Hoolahoop und – nicht zuletzt – wunderschöne Musik. Geboten wird die ganze Palette von Balkan-Beats bis zu französischem Rap, Reggae-Rhythmen und Swing-Sounds.
Schade eigentlich, dass man die ganze Zeit stillsitzen muss, statt ausgelassen mitzutanzen. Das ist wohl das einzige Manko des Abends, von dem wir ganz «beseelt» oder eben: seelig nach Hause gegangen sind.
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