Kategorie
Autor:innen
Jahr

Frauenstück für Hartbesaitete

Vier Frauen, ein Sarg und Körpersäfte en masse: Im Zirkuszelt auf der St.Galler Kreuzbleiche gastiert der Cirque de Loin mit «Soror». Das Splattertheater ist zum Lachen und will Tabus brechen.
Von  Peter Surber
Tragen schwer am Vatersarg: Newa Grawit, Martina Momo Kunz, Carolin Jakoby und Aedin Walsh. (Bilder: Sabrina Christ)

Etwas ist mit dem Staubsauger. Da saugt die eine Schwester auf den Teppichen rum, und schwuppdiwupp macht er sich selbständig, fummelt an ihr herum, aus Putz wird Sex, inklusive Seligkeitslächeln und weichen Knien nach dem allerdings etwas vermurksten Höhepunkt. Und schon läuten beim Freudianer in uns die Alarmglocken, Schlauch, Phallussymbol, logisch, vielleicht gab es gar eine Missbrauchsgeschichte Vater-Tochter? Putzfimmel, Reinlichkeitswahn, klar, kennt man.

Oder ganz anders? Wir alle werden zu Staub, darum bekommt der Vater am Ende, als er unzweideutig tot ist, ein Stück vom Staubsauger als Grabbeigabe mit in die Kiste. Selten ein so pragmatisches Bild der Vergänglichkeit gesehen – das Publikum amüsiert sich bestens und wird gleich mit auf die Bühne geholt zum Mittragen und Gradhebe bei der finalen Sargprozession.

Familiäre Blähungen

Soror, eine Koproduktion der Truppen Cirque de Loin und Les mémoires d’Hélène, handelt von vier Schwestern (Newa Grawit, Martina Momo Kunz, Carolin Jakoby und Aedin Walsh), versammelt am Sarg ihres Vaters. Oder bloss zu seinem 70. Geburtstag? Am Schluss wissen wir mehr, aber sicher ist von Beginn weg: Der Sarg ist das Requisit, um das sich alles dreht.

Der wie ein Überseekoffer dekorierte Sarg dreht und wendet sich seinerseits, kippt in alle Richtungen, mutiert zum Rennwagen Marke Aebi oder schaukelt als Gireizi in den Zelthimmel hoch. Klappen öffnen sich, ohne dass ein Vater zum Vorschein kommt, die vier Schwestern stecken in ihm die Köpfe zusammen, um ihre alten Kinderlieder nochmal zu singen. Und handkehrum wird der Vatersarg zum Schläger und prügelt eine der Schwestern k.o.

Rund um den Sarg die alten Rituale: unglaublich komische Essrunden mit Zitrone und Zwiebel (es seien, von allen bisher 17 Vorstellungen des Stücks, die bisher schärfsten gewesen), dazu schweisstreibende Sarggymnastik, schaurigschöne «Amore»-Canzone, Jagden um den Sarg oder ein gnadenlos ironisches Busenrating.

Soror: bis 7. September, jeweils 20 Uhr, im Zelt auf der Kreuzbleiche St.Gallen

cirquedeloin.ch

Die Sprache ist lautmalerisches Kauderwelsch, dazwischen wird berndeutsch gemuht, italienisch geschmalzt oder holländisch geschimpft. Man versteht trotzdem einiges, sieht in den Töchtern den Vater, wenn sie sich besaufen oder abschwarten, bekommt die Scheisse mit, die der Vater angerichtet hat und die die Töchter unter Qualen oder mit Inbrunst aus sich rauspressen auf dem Topf, immer wieder.

Regressiv progressiv?

Man kann, wenn man will, munter assoziieren, kann die Szenen lesen als ins Groteske verzerrte Episoden eines Tochter-Vater-Traumas. Und man glaubt gern, dass sich das kindliche «Shoppyland» im kleinen Zirkuswagen, der Mädchentraum von einst, zum Alptraum verkehrt hat. Am Ende bleibt nur der Vatermord.

Und der Staubsauger. Der saugt sich fest und mit ihm ein Zweifel: Ob es unbedingt das ultimative Haushaltsklischee als Requisit sein muss, wenn vier Frauen ein Frauenstück spielen. Ob es das emanzipatorische Nonplusultra ist, wenn Frauen auf der Bühne die Sau rauslassen wie sonst ihre männlichen Kollegen. Ob Soror, wie in der Kritik zur Berner Premiere zu lesen war, ein Stück weiblicher «Selbstermächtigung» ist und sich «männliches Terrain» aneignet? Oder eher eine Konzession an (männliche) Feucht- und Angstträume: «Ohne Tiere – mit Titten» und «nix für Kids» steht marktschreierisch auf der Ankündigungstafel vor dem Zirkuszelt.

Es gäbe vermutlich auch weniger regressive Tabubrüche. Und dass da vier Frauen ein Stück entwickeln und sich nur Babysprache zugestehen – mann wills nicht recht kapieren. Aber gerade darum: Hingehen, selber urteilen, lachen über den mehr sinn- als jugendfreien Tumult, den die vier Spielerinnen im Zirkuszelt veranstalten. Den Klamauk Klamauk und die Lust Lust und den Furz Furz sein lassen. Letzterer ist übrigens hochmusikalisch, wie das Ensemble überhaupt.

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
SOROR |,  

… SAITEN …

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler