«Heute ist DAS mein fucking Büro!», sagt Michael Finger vom Cirque de Loin und schüttelt dazu seinen Laptop mit der rechten Hand, als würde er «minchia!» sagen wollen. Er beantwortet damit die Frage, wie die für die Neubourgeoisie altmodisch anmutende Bühnenkunstform «Zirkus» sich zu der illusorischen Vorstellung von etwas «Zeitgemässem» verhalte. Die Gegenwart ist mobil und das Ressentiment doch so altbacken wie nur irgend möglich: Man braucht eine fixe Bude, dann ist alles klar. Allem Beweglichen muss mit Argwohn begegnet werden, so der schlaue «Volksmund». Heute tippt dieser das vermutlich in sein sehr bewegliches Smartphone.
Ressentiments und deren Spiegelungen
Bei «Zirkus» wird gewöhnlich an bemitleidenswerte Tiere, fliegende nackte Körper und erwachsene Kinder mit Gesichtsbemalung gedacht. Der Cirque de Loin ist anders: Hat sich die Truppe inzwischen den alten Traum eines eigenen Zeltes realisiert, bedeutet das noch lange nicht Manege, Voltige und Marschmusik, sondern ein Bühnenbild mit jenischem Charme, durchwegs plebejischen Humor und eine Band, die selbst bei kindischen Nummern cooler ist als Patent Ochsner mit Element of Crime-Covers (dazu mehr im Juniheft von Saiten). Ein bisschen Punk liegt auch in der Luft, aber mehr im Sinn kompromisslosen Draufgängertums denn als Pauschalverurteilung einer vermeintlichen Verschwendung jugendlicher Energie.
Fingers Leute sind Durchquerende, und manchmal – wenn die Prinzessin im Kasperlitheater dem faulen Räuber sagt, wo es lang geht – auch höchst queerende; offensichtlich machen sie auch vor der sesshaften Ostschweiz keinen Bückling. Sind wir ehrlich, das wollen wir doch auch nicht: Wir könnten dem Ressentiment folgend spintisieren von egoistischen Fahrenden, die an unser mühsam sesshaft Erspartes wollen (was einiges über uns sagen würde) – oder aber aufhorchen: Es gibt Menschen, die im Vorbeigehen genau da Räume schaffen, wo wir sie immer vermissten. Dass der schlimme Finger auf der Kreuzbleiche extra eigene Toitoi-WCs organisieren muss, weil sonst die fucking Rössli in der Reithalle sich unwohl fühlen würden, passt perfekt ins Schema des Lokalen im und um den locus.
Das plebejische Theater der Strasse
Nochmals von vorn: Michael Finger, der mit einigem Enthusiasmus und erschreckendem Tiefgang meine doofen Fragen beantwortet, dies in einem hübschen kleinen Wohnwagen neben dem Zirkuszelt beim Pestalozzi-Dorf in Trogen, von wo die ganze mittelvorderländische Suhle überblickt werden kann, hat zum Beispiel einmal im Tatort mitgespielt. Davon träumen sogar Leute, die Kunst scheisse finden. Er wird auf solche Jobs aber gar nicht allzu gerne angesprochen und engagiert sich stattdessen für Anliegen, die nicht nur Kinder lieben, aber die checken sowas eben schneller. Dissidenz, Humor und andere künstlerisch-revolutionären Stilmittel verbinden Welten, gehen aber deutlich auf Distanz zu feuilletonistischer «Hochkultur», so diese hiesse: «Immer nur ein Spärtchen auf einmal.»
Der Schauspieler und Regisseur Finger, nach Mitwirkung in etlichen Kinofilmen, einigen Regiearbeiten in der freien Szene, begonnen im Zirkus Chnopf 2002, ist nach einem erfolgreichen Kinofilmdebut 2006 mit bersten Ende der Nullerjahre auf der Suche nach einem Strassenzirkus als Kulisse für seinen zweiten Spielfilm.
Estival:17. bis 20. Mai, Pestalozzi-Dorf, Trogen25. Mai bis 17. Juni, Kreuzbleiche St.Gallen7. bis 9. September (Tourneeabschluss), Flötzli Lichtensteig cirquedeloin.ch
Aus dem Zirkus Chnopf heraus bildet sich darauf die Cie Cirque de Loin, Protagonistin im Film Son of a Fool, der, auf der Tournee 2013 gedreht, nun im neuen Zelt zur Uraufführung kommt. Mit dem etwas anderen Kinderstück TKK – The Kasperli Kommbäck, woran auch Erwachsene ihre Freude finden werden, dem sehr körperlichen Zirkus-Theater Mendrisch und dem Anti-Musical Ronamor – The Wedding Concert (allesamt St.Galler Premieren) ergibt sich so eine erste Ausgabe des eigens initiierten Estivals, einer «Umschulung von Kulturverständnis und Sehgewohnheiten» mit der Absicht, der freien Szene im Osten ab dem kommenden Jahr Raum zu bieten im Chapiteau des Cirque de Loin.
Schon der Revolutionär Lenin räumte dem Zirkus als wichtigste proletarische Kunstform einen besonderen Stellenwert ein, in Ländern wie Kuba geniesst dieser hohen Respekt als «Theater der Strasse». Doch reicht es, nur schon ins Nachbarland Frankreich zu schauen, wo es völlig normal sei, dass Strassencrews mit den Institutionen ohne Berührungsängste zusammenarbeiten, um festzustellen: Der kulturelle Klassismus der Bourgeoisie hat sich in der ohnehin beweglichen Gegenwart überholt. Die ungeheure Vielseitigkeit, welche die Compagnie um Finger in diesem Sommer demonstriert, lässt den unbedingten Nutzen dicker Betonmauern definitiv bezweifeln.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.