Die Welt ist eine Halbkugel. Auf ihr und um sie herum dreht sich alles im Stück. Ein labiler, manchmal halsbrecherischer Existenzgrund – und damit ein anspielungsreiches Symbol für das lottrige Erdendasein, zu dem die Menschen im Allgemeinen und die Zirkusartisten im Besonderen verdammt sind.
Für Strada! haben sie sich aus drei Ländern zusammengefunden: Katell Boisneau, Clementine Lavagne und Vincent Martinez aus Frankreich, Peter Weyel aus Deutschland sowie aus der Schweiz Noah Egli, Musiker Luk Zimmermann und Michael Finger. Der Hauptdarsteller, Regisseur und Leiter des Cirque de Loin ist zurück in der Ostschweiz und macht, nach der Co-Regie in Katharina Knie am Theater St.Gallen, jetzt auch mit seiner eigenen Truppe von sich reden.
Hoher Wellengang
In seinen starken Momenten spielt Strada! mit diesem Existenzgrund – dann wird die Halbkugel, der Mât Culbuto (wörtlich «Stehaufmännchen-Mast») zum schwankenden Schiff mit hoch aufragender Stange, an der die Artisten durch den Raum fliegen. Sie wird zur Wackelbühne, auf der Zampanò Michael Finger im Rollstuhl schaurig gefährlich balanciert. Sie wird zum Schutzschild für die traurige Harfenmelodie der «blauen Frau» (Katell Boisneau). Oder zum Grab für den erschlagenen Matto – eines der berührendsten Bilder.
In den besten Momenten des Stücks wird so Zirkusartistik existenziell. Das ist mal brutal – wenn sich Trapezkünstlerin Clementine Lavagne im schwingenden Tau verknäult und fast erwürgt – und mal banal; das hat Momente der Poesie und des Klamauks, es dreht mal schnell und mal stockend wie das wirkliche Leben. Dieser Mast, diese vom Powerschlagzeug angetriebene, kreisende Halbwelt, der grosse Mund von Katell Boisneau, Fingers machtvolle Bühnenpräsenz und die artistische Virtuosität der Truppe tragen das Stück bei hohem Wellengang durch den Abend.
Wenn die Schaukel kippt
Daran klammert man sich fest, wenn die Brecher kommen. Und die kommen. Die Story, dem unübertrefflichen Fellini-Film La Strada vage nachempfunden, bleibt episodenhaft. Liebe, Eifersucht, Sehnsucht und Herzschmerz reimen sich so platt wie in den Songs. Auch wenn Finger ein charismatischer Sänger ist – die Emotionen werden banalisiert auf das Niveau: «Von einem Ort zum anderen / müssen sie wanderen», «Die Liebe liebt das Leben» oder «Komm flüster mir ins Ohr / dass das Leben noch einen Sinn hat».
Weitere Vorstellungen: 9., 10. und 12. Dezember, 20 Uhr, Lokremise St.Gallen. cirquedeloin.ch
Das ist ironisch, vermutlich – oder vielleicht doch nicht? Die Brüche werden heftiger in den Comedy-Auftritten von Peter Weyel. Er spielt den «weissen Mann» mit Leiter und Leiterwagen als schmierigen Zyniker, dem ausser «Scheisse, Mann» nicht viel einfällt, der die «blaue Frau» anfickt, die Menschen verachtet und am meisten sich selber. Das mag als Sinnbild des gescheiterten Komödianten gemeint sein, eine Figur mit grandioser Tradition von Fellini bis Minetti – hier kippt sie ins Primitive, gleich vom Comedy-Auftakt vor der Tür an, den St.Gallen schon einmal erlebt hat, mehr dazu hier.
Fatale Verwechslung
In seinen problematischsten Momenten spielt Strada! solcherart mit dem Publikum. Klar, wir sind im Zirkus, Zirkus ist Tusch und Nervenkitzel und Interaktion, das St.Galler Premierenpublikum applaudiert der witzigen Messerwerfer-Parodie mit Vergnügen, es beklatscht Vincent Martinez am Mât Culbuto und lacht ein bisschen über missglückte Clownerien. Aber es bockt, zu Recht, wenn aus dem Chapiteau unversehens ein Tempel wird, wenn der Zampanò als Guru und Messias auftritt und, umringt von nackten Harekrishna-Jüngern, mit uns das Vaterunser beten will.
Wer da mitmacht, macht sich lächerlich, wer nicht mitmacht, verdirbt das Spiel – die Szene taugt selbst zur Provokation nicht, weil sie Theater und Zirkus fatal missversteht: als Dressur des Publikums. Dieses ist gekommen, um sich zu begeistern oder aufzuregen über die Arbeit der Artisten. Aber nicht, um sich über seine Untauglichkeit als Publikum belehren zu lassen.
Es gibt in dieser Truppe und in Strada!, dieser schwankenden Strasse des Lebens genug andere, artistische und musikalische Qualitäten, für die das Ausrufezeichen im Titel zu Recht steht und für die man gern Publikum wäre.
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