Zirkusdirektor und Impresario des Cirque de Loin, Filmemacher, Schauspieler, Sänger und Texter: Michael Finger trägt diverse Hüte auf seinem haarlosen Kopf. «Aber eigentlich war ich schon immer auf dem Musikweg», sagt er beim Gespräch im Café «Ernst» in Trogen, wo er seit ein paar Jahren wohnt. «Rona war der zweitletzte Schritt. Jetzt kommt der letzte.»
Die Rona-Band war mit ihren Mundartsongs letzten Sommer szenisch zu erleben, eingebaut ins Stück «Ronamor» im Zelt auf der St.Galler Kreuzbleiche und auf Schweizer Tournee, und ist auf der gleichnamigen CD Rona zu hören. Ein Stück «ohne Sicherheitsgurt, ohne Netz, getränkt mit Herzblut, gewürzt mit starken Liedern, mit Artistik voll Selbstironie und einer manchmal grimmigen Lebenslust», so stand es damals auf saiten.ch.
Jetzt tritt Finger im selben Zelt wieder auf der Kreuzbleiche auf, als Sänger mit Band. «Finger live in concerttheatre» heisst die Affiche, und Finger sagt, damit sei er bei sich selber angekommen, fast zwanzig Jahre nach seinem bisher einzigen anderen Soloprojekt, einer theatralischen Umsetzung des Dschungelbuchs.
Nach dem «Crash»
Damit es soweit kam, zum «finger.si», wie seine Website anspielungsreich heisst: Dafür habe es wohl den «Crash» gebraucht – ein körperlicher Kurzaussetzer letzten November, nach dem Ende der Tournee. Der «Schuss vor den Bug», sagt Finger, sei wie eine Bestätigung für seinen Entscheid gewesen: «Ich musste irgendwann allein hinstehen mit meinen Liedern.»
Vorangegangen seien «zehn Jahre manischer Aufbauarbeit» mit dem Cirque de Loin, Tourneen, zwei Filme, letztes Jahr im Zelt allein drei Theaterproduktionen und die CD, dazu die künstlerische und finanzielle Verantwortung für eine ganze Zirkus-Familie. «Gebären», möglichst gross, das könne er – aber am Ende habe das Unternehmen zu grosse Dimensionen angenommen, die Tour habe er «mit einem halben Burnout» bewältigt. Dann kam die «Streifung» und verschlug ihm für ein paar Momente wörtlich die Sprache. «Das war die Geburtsstunde von Finger als Musiker».
Auf dem Trailer ist er vorwiegend als Saxofonist zu hören und zu sehen. Aber die Hauptsache seien die Songs, die er singt. Ein ganzer Rucksack voll habe sich angesammelt, und beim Sortieren der Lieder schälte sich eine autobiografische Dreiteilung heraus, die Lieder hätten begonnen, sich mit seiner Lebensgeschichte zu verbinden. «Ryf», der erste Teil, erzählt lose von den ersten 15 Lebensjahren.
Authentisch sein
Einen «musikalischen Seelenstriptease» verspricht der Ankündigungstext. Finger will das einerseits ironisch verstanden wissen; das Biografische komme natürlich nicht 1 : 1 auf die Bühne, sondern mit künstlerischer Freiheit behandelt. Andrerseits sei es ihm wichtig, authentisch zu sein: verbunden mit den eigenen Emotionen. Ein schmaler Grat, sagt er, aber: «Mich interessieren je länger mehr Projekte, in denen die Schauspieler persönlich spürbar sind.»
Finger live in concerttheatre: 12. bis 22. September, jeweils 20 Uhr im Zelt, Kreuzbleiche St.Gallen
finger.si
Für die Begleitung hat sich Finger eine «Buebeband» gewünscht und gefunden: Chrigel Bosshard, Schlagzeuger bei Stef la Cheffe, Lunik und anderen, Gabriel Walter, Pianist mit klassischem Background und Marc Bänteli, Multiinstrumentalist und erfahrener Zirkusmusiker. Im Januar sollen die Lieder als Album erscheinen.
Den Cirque de Loin gibt es weiterhin: Aktuell «behüten» ihn Newa Grawit und Noah Egli, die seit Jahren zum Cirque-Team gehören. Das Chapiteau, Wahrzeichen des Zirkus, soll auch 2019 wieder auf Plätzen und Strassen auftauchen, und auch eine Fortsetzung des «Estival» vom vergangenen Sommer sei nicht vom Tisch. Möglichst mit anderen Truppen, die in der Ostschweiz am Werk sind. «Aber das ist eine andere Geschichte – eine kulturpolitische», sagt Finger.
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