Es geht schon beim Eingang los – eine Besucherin wird als «nonna» begrüsst, ein anderer ist angeblich der von weit angereiste Papa des Bräutigams, mich umarmt eine überschwängliche Maria, oder wie hiess sie gleich, als «caro zio». Die Verwandtschaft ist etwas unübersichtlich, Hauptsache man gehört zur Familie.
In der Pause wird der Zirkusdirektor die ganze Hochzeitsgesellschaft zum Erinnerungsfoto vor dem Zelteingang zusammentrommeln. Nur Pech, dass das Handy grad in dem Moment schlappmacht. Aber «la mamma» hilft aus. Vorher hatte schon der angebliche «papa Giacomo», in Wahrheit ein uneingeweihter Besucher, aus dem Stegreif eine brillante Rede auf das Brautpaar geschwungen, in italiano. Benvenuti, bienvenu, willkommen in der grande famiglia.
Drinnen prangt ein Transparent an der Zeltwand, diesmal auf Englisch: «Welcome to the wedding of Brigitta & Leonard». In Ronamor, dem jüngsten Stück des Cirque de Loin, geht es um die Liebe und um den Tod, ums Heiraten und um das ersehnte Zirkusfamilienglück. Da gehören Höhenflüge und Tiefschläge dazu, wie sie das Leben schreibt und das Leben unter dem Chapiteau ganz besonders.
Das Zelt ist die neue Heimat von Michael Fingers Cirque de Loin, der auf der St.Galler Kreuzbleiche sein erstes, mehrwöchiges Estival veranstaltet und danach auf Schweizer Tournee geht – mehr zu Finger und seinen Ambitionen hier und hier und auch hier.
Theater ohne Netz
Von wegen Tiefschlägen: Ein «Rieseninferno» sei schon am Anfang der Liebe zwischen Leonard und Brigitta gestanden, erfährt das Publikum gleich zu Beginn, der Brand nämlich des alten gelben Zirkuszelts irgendwo im Süden Europas. Jetzt aber steht das neue da auf der Kreuzbleiche, ein Prachtsexemplar mit Bühne, Seil, einer hübschen Buvette, einem Wohnwägelchen namens «Ufo» für das Brautpaar, einer Ecke mit allerhand alchemistischen Gerätschaften, mit Tischen und Bänken fürs Volk und der Rona-Band, die gleich loslegt und um deren Songs sich die ganze Geschichte dreht. (Im Juniheft von Saiten sind sie besprochen, und wie Drummer Ben als running gag den ganzen Abend lang liebenswürdigst vom Spickzettel ablesen will: Man kann die CD auch kaufen).
Das Motto gibt der erste Song vor: Mais Amor, mehr Liebe, «Fertigliebi», «Bodehaltigi Liebi», «Tüüfgfrorni Liebi», «E Jurte us Liebi», «Kei Sicherheitsgurte us Liebi»… So ist in der Tat, das ganze Stück: ohne Sicherheitsgurt, ohne Netz, getränkt mit Herzblut, gewürzt mit starken Liedern, mit Artistik voll Selbstironie und einer manchmal grimmigen Lebenslust.
Weitere Vorstellungen: 8., 9., 10., 13., 16. und 17. Juni. Infos und das ganze Estival-Programm: cirquedeloin.ch
Die Geschichte ist simpel gestrickt, man liebt und man rauft sich. Hinten feuert die Ronaband ein mit Giuseppe Berardi (Gitarre) und Bene Utzinger (Drums), mit Impresario Michael Finger und Sängerin Franziska Schiltknecht. Vorne, oben und unten, drüber und drunter die Artisten Cecilia Manfrini und Noah Egli: das Hochzeitspaar, turtelnd mit Messern, verknäult im Sessel und verschlauft am Seil, rasend auf Rollschuhen, rammelnd im Wohnwagen.
Der Tod klopft ans Zirkuszelt
Die subtileren Töne stecken in Fingers Texten: Eine wunderbarere Liebeserklärung als im Lied Schnäggeschüttle – also: mit der Liebsten mal «chli schnudergööfle», «chli schiibewüscherle», «chli schnüerlischriftle» oder «chli schwitzhüttle» – müsste man erst noch dichten. Oder Hermann Hesse sein, der an der Hochzeitstafel auch nicht fehlen darf, und seis bloss um des Reims willen: «Hermann Hesse chum emol cho ässe». Fingers Wortwitz ist aber selten billig, und die heiteren bis hanebüchenen Slapsticks der Artisten passen dazu wie Alperose zu Beschamelsosse.
So wortreich die Liebe besungen wird, so innig die «Musica matrimonica» manchmal daherkommt: Dahinter lauert der Abgrund. «Viellicht isch’s scho verbii», heisst es im Sadsong, noch bevor richtig geheiratet ist, und vielleicht geht das mit «Ma und Frau» sowieso nur «im Himmel». Kein Wunder, dass Brigitta denn auch nach einer Keilerei mit ihrem Leonard tot umfällt. «Irgendwann gahts nüme witer, irgendwo hörts eifach uf», schrummt die phänomenale Band.
Fingers schwarzgallige Seite, die im 2016er Stück Mendrisch (letzte Woche ebenfalls im St.Galler Zelt zu sehen) ins Wüste und Verächtliche kippt, hält hier die Balance zum Menschenfreundlichen. Das liegt vielleicht an der Stimm- und Lebenspartnerin Franziska Schiltknecht, die neben ihrem Gesang mit poetisch-schamanistischen Handgriffen die Dinge zurechtrückt und mit Hirschgeweih und Shruti-Box mal eben Zirkus, Theater und Ritual fusioniert.
Am Ende holt sie auch die tote Brigitta wieder ins Leben zurück. Cecilia Manfrini fliegt hoch zum Zirkusdach in einer schwindelerregenden Seilnummer. Dann ist «The Wedding Concert» zu Ende, noch einmal rockt «Meh Liebi» durchs Zelt, und die Hochzeitsfamilie, Verwandtschaft inklusive, tanzt in die St.Galler Vollmondnacht hinein.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.