Alle reissen sich um Frau Minasi. Von Talkshow zu Arena wird sie gereicht. Endlich: eine leibhaftige Burkaträgerin, die erst noch blendend deutsch spricht, bodenständig und zugleich fundamentalistisch wirkt – das gefundene Fressen für den TV-Boulevard. Was sie zu sagen hat, interessiert keinen wirklich. Aber die Kohle stimmt. Bis die Bemerkung einer Podiumsteilnehmerin, sie wolle nicht mit einem «Gespenst» reden, das Fass zum Überlaufen bringt.
In einer Kurzschlusshandlung reisst sich die angebliche Frau Minasi ihr Kostüm vom Kopf – «Skandal», schreit der Moderator, und die Wahrheit kommt ans Tageslicht: Unter der Burka steckt eine erfolglose Schauspielerin, die durch einen blöden Zufall in die Rolle hineingeraten ist.
Medienschelte
Grotesk überspitzt erzählt Sandra Künzi diese Geschichte. Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin und ihre hassenswerte Kollegin Charlotte, die ihr zuerst einen Auftritt als Hoppelhase im Einkaufszentrum und dann den unsäglichen Burka-Job einbrockt. Hinein verpackt ist eine Extraportion Medienkritik an den Fernsehstationen, am tagtäglichen Quatsch, den sie bieten, an den Scheindiskussionen und dem Zynismus einer Branche, die nur eines interessiert: Klicks.
Tönt ernst, ist es auch, aber liest sich zugleich unglaublich komisch. Die Protagonistin, Typ armes Schwein, schwitzt sich durch alle möglichen Shows mit anderen schwitzenden armen Schweinen, taumelt von Peinlichkeit zu Peinlichkeit und zieht mit Nullwissen über den Islam alle über den Tisch. Inklusive den Starjournalisten Klaus, der für ein angebliches Porträt der angeblichen Muslimin und andere gefakte Reportagen Medienpreise einheimst – und dann ganz tief fällt.
«Hysterisierter» Staat
Sandra Künzi nimmt mit ihrer Groteske das Kernproblem dieser Abstimmung aufs Korn: Woher eine Burkaträgerin nehmen, wenn es keine gibt – «ausser in Tagesschau-Beiträgen aus Afghanistan». So stand es unlängst in der Republik-Kolumne von Daniel Binswanger, der dasselbe Dilemma ortet: «Nikab verzweifelt gesucht» ist seine Kolumne betitelt. Die Abstimmung habe wenig mit dem Islam zu tun, aber «leider sehr viel» mit der Schweiz, schreibt Binswanger. «Ein Staatswesen, das sich hysterisieren lässt und mit harter Hand Probleme löst, die nicht existieren, macht etwas sehr Grundsätzliches falsch.»
Binswanger erinnert an die Tradition religiöser Intoleranz und diskriminierender Volksinitiativen, angefangen bei der allerersten Initiative, 1893 zum Schächtverbot. Er stellt die These auf, im Hintergrund gehe es gar nicht um die Burka, sondern um das Kopftuch. Und heftig greift Binswanger die «Mitte»-Partei an, die noch bei der Minarett-Abstimmung 2009 unzweideutig im Gegenlager gestanden habe. Heute hingegen segelten «die Pfisters, die Binders hart am populistischen Wind. Wer würde schon die Gelegenheit verschenken, die islamfeindliche Basis ruhigzustellen, wenn man sich dazu eine feministische Pappnase aufsetzen kann?»
Man kann der Burka-Vorlage vom 7. März mit solchen scharfen Tönen entgegentreten. Oder dann mit Satire, wie es Sandra Künzi in Die Hülle tut. Künzi ist Slammerin, Autorin, Musikerin und Juristin in Bern. Sie tritt im Spokenword-Duo Künzi&Frei auf, publizierte unter anderem das Buch Mikronowellen und gründete das Literaturfest «Aprillen». Zudem präsidiert sie den Branchenverband der freien Theaterschaffenden t. und ist als Sprecherin der Taskforce Kultur für pointierte Stellungnahmen bekannt.
Sandra Künzi: Die Hülle. essais agités im Verlag Der gesunde Menschenversand, 2021, Fr. 17.-. Erscheint am 10. Februar
sandrakuenzi.ch
essaisagites.ch
Ihr Buch, erschienen in der beweglichen Reihe «essais agités», ist eine giftige Abrechnung mit reaktionärer Politik im feministischen Mäntelchen und mit einer medialen Verdummungskultur, die sie den hiesigen Fernsehstationen unterstellt. Aber es bietet auch das Gegengift: Information. Im zweiten Teil, betitelt «Demokratie», sind Initiative und Gegenvorschlag im Wortlaut abgedruckt. Auf dass man sich sein eigenes Bild mache. Und nicht dem lateinischen Sprichwort erliege, das den Text beschliesst: «Mundus vult decipi». Die Welt will betrogen sein.
Bruchlinien
Tönt alles einleuchtend – und ist dann doch kontroverser als gedacht. Unbedingt für ein Burkaverbot tritt zum Beispiel die Feministin Alice Schwarzer ein. Die Vollverschleierung sei ein Symbol des politischen Islams und damit der Entrechtung der Frauen, erklärt sie im Interview mit der NZZ – und wenn von einem Verbot in der Schweiz auch nur eine einzige Muslimin profitieren würde, wäre es gerechtfertigt.
Vehement für ihr Recht auf Vollverschleierung plädiert dagegen eine der wenigen – die Rede ist jeweils von rund 30 – Niqab-Trägerinnen in der Schweiz. Im Interview ebenfalls in der NZZ verteidigt sie (unter Pseudonym) ihr Recht auf Vollverschleierung aus ihrer Glaubenspraxis heraus. Und wehrt sich dagegen, dass die Öffentlichkeit ihr und implizit ihrem Mann unterstellt, sie werde unterdrückt. Die Vollverschleierung sei vielmehr Ausdruck ihrer Freiheit.
So gegensätzlich diese Positionen, so auffällig zieht sich die Bruchlinie zwischen Pro und Kontra quer durch die Parteien. Was am Ende vielleicht das einzig Brauchbare an dieser überflüssigen und unerspriesslichen Abstimmung ist: dass es sich niemand in einem einfachen Links-Rechts-Schema bequem machen kann.
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