Kategorie
Autor:innen
Jahr

Frau Minasi auf allen Kanälen

Eine Abstimmung, der nur noch die Groteske beikommt? Die Berner Autorin Sandra Künzi sieht es so und hat mit «Die Hülle» eine Satire auf das Burkaverbot geschrieben, das am 7. März zur Diskussion steht. Das ist witzig zu lesen - ausser für die Medien, die dabei ganz schlecht wegkommen.
Von  Peter Surber
(Bild: commons.wikipedia.org)

Alle reissen sich um Frau Minasi. Von Talkshow zu Arena wird sie gereicht. Endlich: eine leibhaftige Burkaträgerin, die erst noch blendend deutsch spricht, bodenständig und zugleich fundamentalistisch wirkt – das gefundene Fressen für den TV-Boulevard. Was sie zu sagen hat, interessiert keinen wirklich. Aber die Kohle stimmt. Bis die Bemerkung einer Podiumsteilnehmerin, sie wolle nicht mit einem «Gespenst» reden, das Fass zum Überlaufen bringt.

In einer Kurzschlusshandlung reisst sich die angebliche Frau Minasi ihr Kostüm vom Kopf – «Skandal», schreit der Moderator, und die Wahrheit kommt ans Tageslicht: Unter der Burka steckt eine erfolglose Schauspielerin, die durch einen blöden Zufall in die Rolle hineingeraten ist.

Medienschelte

Grotesk überspitzt erzählt Sandra Künzi diese Geschichte. Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin und ihre hassenswerte Kollegin Charlotte, die ihr zuerst einen Auftritt als Hoppelhase im Einkaufszentrum und dann den unsäglichen Burka-Job einbrockt. Hinein verpackt ist eine Extraportion Medienkritik an den Fernsehstationen, am tagtäglichen Quatsch, den sie bieten, an den Scheindiskussionen und dem Zynismus einer Branche, die nur eines interessiert: Klicks.

Tönt ernst, ist es auch, aber liest sich zugleich unglaublich komisch. Die Protagonistin, Typ armes Schwein, schwitzt sich durch alle möglichen Shows mit anderen schwitzenden armen Schweinen, taumelt von Peinlichkeit zu Peinlichkeit und zieht mit Nullwissen über den Islam alle über den Tisch. Inklusive den Starjournalisten Klaus, der für ein angebliches Porträt der angeblichen Muslimin und andere gefakte Reportagen Medienpreise einheimst – und dann ganz tief fällt.

«Hysterisierter» Staat

Sandra Künzi nimmt mit ihrer Groteske das Kernproblem dieser Abstimmung aufs Korn: Woher eine Burkaträgerin nehmen, wenn es keine gibt – «ausser in Tagesschau-Beiträgen aus Afghanistan». So stand es unlängst in der Republik-Kolumne von Daniel Binswanger, der dasselbe Dilemma ortet: «Nikab verzweifelt gesucht» ist seine Kolumne betitelt. Die Abstimmung habe wenig mit dem Islam zu tun, aber «leider sehr viel» mit der Schweiz, schreibt Binswanger. «Ein Staatswesen, das sich hysterisieren lässt und mit harter Hand Probleme löst, die nicht existieren, macht etwas sehr Grundsätzliches falsch.»

Binswanger erinnert an die Tradition religiöser Intoleranz und diskriminierender Volksinitiativen, angefangen bei der allerersten Initiative, 1893 zum Schächtverbot. Er stellt die These auf, im Hintergrund gehe es gar nicht um die Burka, sondern um das Kopftuch. Und heftig greift Binswanger die «Mitte»-Partei an, die noch bei der Minarett-Abstimmung 2009 unzweideutig im Gegenlager gestanden habe. Heute hingegen segelten «die Pfisters, die Binders hart am populistischen Wind. Wer würde schon die Gelegenheit verschenken, die islamfeindliche Basis ruhigzustellen, wenn man sich dazu eine feministische Pappnase aufsetzen kann?»

Man kann der Burka-Vorlage vom 7. März mit solchen scharfen Tönen entgegentreten. Oder dann mit Satire, wie es Sandra Künzi in Die Hülle tut. Künzi ist Slammerin, Autorin, Musikerin und Juristin in Bern. Sie tritt im Spokenword-Duo Künzi&Frei auf, publizierte unter anderem das Buch Mikronowellen und gründete das Literaturfest «Aprillen». Zudem präsidiert sie den Branchenverband der freien Theaterschaffenden t. und ist als Sprecherin der Taskforce Kultur für pointierte Stellungnahmen bekannt.

Sandra Künzi: Die Hülle. essais agités im Verlag Der gesunde Menschenversand, 2021, Fr. 17.-. Erscheint am 10. Februar

sandrakuenzi.ch

essaisagites.ch

Ihr Buch, erschienen in der beweglichen Reihe «essais agités», ist eine giftige Abrechnung mit reaktionärer Politik im feministischen Mäntelchen und mit einer medialen Verdummungskultur, die sie den hiesigen Fernsehstationen unterstellt. Aber es bietet auch das Gegengift: Information. Im zweiten Teil, betitelt «Demokratie», sind Initiative und Gegenvorschlag im Wortlaut abgedruckt. Auf dass man sich sein eigenes Bild mache. Und nicht dem lateinischen Sprichwort erliege, das den Text beschliesst: «Mundus vult decipi». Die Welt will betrogen sein.

Bruchlinien

Tönt alles einleuchtend – und ist dann doch kontroverser als gedacht. Unbedingt für ein Burkaverbot tritt zum Beispiel die Feministin Alice Schwarzer ein. Die Vollverschleierung sei ein Symbol des politischen Islams und damit der Entrechtung der Frauen, erklärt sie im Interview mit der NZZ – und wenn von einem Verbot in der Schweiz auch nur eine einzige Muslimin profitieren würde, wäre es gerechtfertigt.

Vehement für ihr Recht auf Vollverschleierung plädiert dagegen eine der wenigen – die Rede ist jeweils von rund 30 – Niqab-Trägerinnen in der Schweiz. Im Interview ebenfalls in der NZZ verteidigt sie (unter Pseudonym) ihr Recht auf Vollverschleierung aus ihrer Glaubenspraxis heraus. Und wehrt sich dagegen, dass die Öffentlichkeit ihr und implizit ihrem Mann unterstellt, sie werde unterdrückt. Die Vollverschleierung sei vielmehr Ausdruck ihrer Freiheit.

So gegensätzlich diese Positionen, so auffällig zieht sich die Bruchlinie zwischen Pro und Kontra quer durch die Parteien. Was am Ende vielleicht das einzig Brauchbare an dieser überflüssigen und unerspriesslichen Abstimmung ist: dass es sich niemand in einem einfachen Links-Rechts-Schema bequem machen kann.

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene