«Euch sollte man verbieten»

Juso, junge Grüne und JGLP haben mit Erfolg über 4000 Unterschriften für das Referendum gegen das Verhüllungsverbot im Kanton St.Gallen gesammelt – aber dabei einiges zu hören bekommen.
Von  Corinne Riedener
«Brutal Knitting» nennt sich die schöne Strickdisziplin. (Bild: Screenshot YouTube)

Das war knapp. Mitte Januar haben Juso, Junge Grüne und JGLP noch einigermassen verzweifelt vermeldet, dass sie erst 2866 von 4000 Unterschriften gesammelt haben für das Referendum gegen das Verhüllungsverbot, das im St.Galler Kantonsrat Ende November beschlossen wurde. Für die fehlenden 1500 Unterschriften hatten sie noch bis am 22. Januar Zeit.

Am Montag hat das St.Galler Jungparteienbündnis nun stolz verkündet: Es hat doch noch geklappt – 4221 gültige Unterschriften wurden bei der Staatskanzlei eingereicht. Das alles wäre natürlich auch einfacher gegangen, hätten die Mutterparteien bereits im Kantonsrat das Referendum ergriffen: 40 Stimmen hätte es dafür gebraucht, siehe Theaterabstimmung.

4000 Unterschriften in 40 Tagen zu sammeln, ist eine ziemliche Herausforderung, vor allem, wenn noch die Feiertage, etliche Spendenaktionen und der alljährlich grassierende Shoppingstresss dazu kommen. An der Pressekonferenz zum Auftakt der Sammelaktion fand Juso-Präsident Andri Bösch deutliche Worte für die angesetzte Frist: «Es ist eine verdammte Sauerei, dass man über Weihnachten und Neujahr im Schneegestöber Stimmen sammeln muss.» Im Kanton Zürich habe man 90 Tage Zeit für 3000 Unterschriften.

Wer schon einmal für etwas gesammelt hat, weiss, wie mühsam diese Basisarbeit sein kann. Dass es dabei mitunter zu recht kurligen Situationen kommen kann, aber auch zu unvermutet bereichernden Gesprächen. Oder – gerade im Fall der Jungparteien – zu sehr kritischen bis ausfälligen Rückmeldungen.

Für das Referendum gegen das Verhüllungsverbot waren etwa 35 junge Leute von Juso, jungen Grünen und JGLP auf den Ostschweizer Strassen. Wir haben sie nach den irrsten Reaktionen der Passantinnen und Passanten gefragt – und siehe da: Das Misstrauen gegen «die Jungen», das ihnen oft entgegenschlug, ist noch etwas vom Harmloseren:

  • «Gehen Sie mal arbeiten und leisten Sie das, was ich geleistet habe, dann verstehen Sie das Leben.»
  • «Du bist ein Sohn des Teufels!»
  • «Wenn es so weitergeht, wird es bald keine Schweizer mehr geben, weil die Ausländer alle herumvögeln.»
  • «Alle Moslems sind scheisse.»
  • «Sie sprechen Hochdeutsch, bei Ihnen unterschreibe ich nichts.»
  • «Finde ich eine gute Sache, aber ich möchte keine Jungparteien unterstützen.»
  • «Die Juso sind die neuen Nazis. Ihr gehört alle ins KZ.»
  • «Alles Messerstecher.»
  • «Machen Sie Ihre linksversiffte Gutmenschenpolitik in Deutschland, aber nicht bei uns!»
  • «Schafseckel!»
  • «Menschen wie Dich hat man früher noch verbrannt.»
  • «Was Juso?! Von denen unterschreibe ich aus Prinzip nichts.»
  • «Studierst Du noch? Geh mal arbeiten!»
  • «Was soll das? Hier leben Christen und Ihr kämpft für die Schariah – und das an Weihnachten!»
  • «Euch sollte man verbieten.»
  • «Wenn man sich bei denen nicht anpasst, würden sie einen sofort hängen.»
  • «Ihr seid noch jung und naiv. Ihr könnt das nicht verstehen.»
  • «Du als Frau – Dir sollte das mal passieren.»
  • «Warum sammelst Du Unterschriften, wenn Du selber gar keine Burka trägst?»

 

Klar, das Thema polarisiert. Trotzdem kann man sich fragen, wie schnell der Zug war, der durch gewisse Kinderstuben gefahren sein muss. Warum es nicht reicht, «Nein danke, ich bin für ein Verbot» zu sagen, und man stattdessen fremden Menschen Beleidigungen nachwerfen muss. Von den rassistischen Äusserungen ganz zu schweigen.

Die Jungen nehmen es gelassen, was vermutlich der beste Weg ist, wenn man nicht am Ufer der Politikverdrossenen stranden will. Ob die Reaktionen der Passantinnen und Passanten anders ausgefallen wären, wenn sie nicht von Jusos, Jungen Grünen oder Jungen Grünliberalen, sondern von Mitgliedern der Mutterparteien angesprochen worden wären? Man wird es nie erfahren, da sich SP, Grüne und GLP vor allem vom Computer aus für das Referendum eingesetzt haben.

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Hans Fässler,  

War als Mitglied der Mutterpartei SP auch auf der Strasse. Und fand die Reaktionen übrigens nicht so schlimm und nicht so aggressiv. Vielleicht ein gutes Omen für die kommende Abstimmung. Ein grosser Dank jedenfalls an die Jungparteien!

Meier,  

irgendwie schade, habe ich in Wil nichts von der Unterschriftensammlung mitbekommen, und man kann nicht behaupten, dass hier nicht ständig irgend ein paar sektenvertreter oder spendenjäger unterwegs wären. Zum Glück hats auch ohne meine unterschrift gereicht... Allerdings darf man gespannt sein, wie das Volk abstimmen wird... Dank an die JungParteien. ein (Alt-)liberaler

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web