Im Zauberwald der Musik

Streit im Geisterreich: Christian Hettkamp, Chantal Dubs (oben), Mario Venanzi, Wassilissa Serafin Gutzwiller (unten). (Bild: pd/Ludwig Olah)

Das Theater St.Gallen bringt die verhagelte Festspiel-Produktion aus den Flumserbergen von 2024 noch einmal neu heraus. Kürzlich war Premiere im eigenen Haus. Purcells The Fairy Queen ist eine sprühende musikalische Wunderkiste.

Ein Hap­py­end gab es da­mals im Ju­ni vor zwei Jah­ren auch – aber an­ders als er­war­tet. Auf den Fl­um­ser­ber­gen ver­jag­te ein Ge­wit­ter­sturm die Feen­kö­ni­gin von der Büh­ne, be­vor die ers­ten Tak­te ge­spielt wa­ren. Das En­sem­ble im­pro­vi­sier­te dann im Gon­del­bahn-Re­stau­rant vir­tu­os, man fühl­te sich shake­spearisch wie sel­ten, Thea­ter wie es leibt und lebt, live wie kein an­de­res Me­di­um. So nah war Oper noch nie.

Dies­mal konn­te, un­ter Dach im Gros­sen Haus, nichts schief­ge­hen. Ob­wohl in die­ser «Se­mi-Oper» so ziem­lich al­les schief geht: Lie­bes­paa­re in höchs­ter Ver­wir­rung, ein Zau­ber­trank, der die fal­schen Lie­ben­den zu­sam­men­bringt, ein El­fen­paar im Dau­er­streit, das Kli­ma im Auf­ruhr. Am En­de kommt aber al­les ins Lot, der Spuk ist vor­bei, die bür­ger­li­che Ehe-Ord­nung ge­ret­tet: «They shall be as hap­py as they are fair». 

As you li­ke it

Wor­um es ge­hen soll, war wohl schon dem Li­bret­tis­ten vor mehr als drei­hun­dert Jah­ren nicht ganz klar. Er ver­quickt im Ori­gi­nal Shake­speares Lie­bes­paa­re aus dem Som­mer­nachts­traum mit volks­tüm­li­chen Sze­nen und al­le­go­ri­schen Na­tur­bil­dern, würzt grie­chi­sche An­ti­ke mit Chi­na-Fan­ta­sien, lässt Bau­ern, Clowns, Esel und Athe­ner Bür­ger­kin­der auf­ein­an­der­pral­len – ein kru­des Ta­bleau von Emo­tio­nen und Ver­satz­stü­cken. Bald derb, bald schmach­tend, gro­tesk, ly­risch, wort­spie­le­risch, ab­grün­dig, kurz­um: Büh­nen­kost wie es euch ge­fällt, «as you li­ke it» für das thea­ter­hung­ri­ge Lon­do­ner Pu­bli­kum.

In St.Gal­len ha­ben Re­gis­seu­rin An­na Bern­reit­ner und ihr Team das Per­so­nal dras­tisch re­du­ziert. Im Zen­trum ste­hen die zwei Men­schen­paa­re, Her­mia/Lys­an­der und He­le­na/De­me­tri­us, ih­nen ge­gen­über die El­fen­welt mit dem Paar Ti­ta­nia/Obe­ron samt Ge­fol­ge und Ge­zän­ke. Pö­bel, Heu­bau­ern, Chi­ne­sen und Al­le­go­rien sind weg, da­für ver­irrt sich ei­ne schil­lern­de Fi­gur aus Shake­speares Wie es euch ge­fällt in den Zau­ber­wald: Jac­ques, vom phä­no­me­na­len Coun­ter­te­nor Théo Im­art ge­sun­gen und ge­spielt, hat hier den ro­ten Fa­den in der Hand. 

Liebesverwirrt im Nachtwald: Kali Hardwick, Jonas Jud, Olivia Smith, Robert Bartneck (von links). (Bild: pd/Ludwig Olah)

Und spä­tes­tens, wenn Im­art in ei­nem von Pur­cells Ge­nie­strei­chen die «Gent­le Spi­rits of the Air» her­bei­ruft, die «ten­der voices» und «trembling sounds» be­schwört, die «neu­en Va­ria­tio­nen» und «un­er­hör­ten Rhyth­men» ins Pu­bli­kum per­len lässt, ist klar: Um die Mu­sik sel­ber geht es, sie ist es, die Pur­cell da­mals und uns heu­te in­spi­riert. Sie ist die gros­se Ver­wand­le­rin jen­seits al­ler Zau­ber­trank-Fan­tas­te­rei, Esels­köp­fig­keit und El­fen­ro­man­tik. 

Zau­ber­küns­te im Or­ches­ter

Die gross­ar­tigs­ten Zau­ber­küns­te hat Pur­cell dem Or­ches­ter in die Par­ti­tur ge­schrie­ben. In­stru­men­ta­le Akt­mu­si­ken und Songs, Strei­cher­kas­ka­den und Blä­ser-Echos fol­gen Schlag auf Schlag, Trom­pe­ten und Obo­en lie­fern kö­nig­li­chen Glanz, die So­logei­ge klagt, das Con­ti­nuo mit Cel­lo, The­or­be und Di­ri­gent Ro­bert Ho­warth am Cem­ba­lo sorgt für Dri­ve und für atem­sto­cken­de Mo­men­te. Und die Block­flö­ten brin­gen als zärt­li­che Bo­tin­nen der Nacht den Zau­ber­wald zum Flim­mern und rü­cken den Ver­wand­lungs­spuk fast im Al­lein­gang wie­der zu­recht. «Sind wir wirk­lich wach», fra­gen die Lie­ben­den sich und uns da­nach. Tat­säch­lich könn­te man ewig wei­ter­träu­men in die­ser Mu­sik.

In bes­ter St.Gal­ler Mehr­spar­ten- und Lon­do­ner Queen’s Theat­re-Tra­di­ti­on tei­len sich Ge­sang, Schau­spiel und Tanz die Büh­ne. Chris­ti­an Hett­kamp und Chan­tal Dubs als El­fen­kö­nigs­paar kei­fen und wer­fen sich in Po­se und um­e­s­eln sich um­wer­fend ko­misch. In ih­rem Ge­fol­ge tur­nen die Pucks aus dem Tanz­ensem­ble, Ma­rio Ven­an­zi und Was­si­lis­sa Ser­a­fin Gutz­wil­ler, um die Wet­te. Das Sän­ger:in­nen-Quar­tett, zur Hälf­te neu be­setzt ge­gen­über 2024, ver­sprüht Spiel­lust und mu­si­ziert trans­pa­rent: Ka­li Hard­wick und Jo­nas Jud, Oli­via Smith und Ro­bert Bart­neck.

Jacques (Théo Imart) und der Chor der Elfen. (Bild: pd/Ludwig Olah)

Nicht ganz auf der Hö­he der mu­si­ka­li­schen Ver­wand­lungs­kunst ist die Büh­ne – dem stei­fen Kunst­wald (Aus­stat­tung Han­nah Oel­lin­ger, Man­fred Rai­ner) traut man die nächt­li­chen Me­ta­mor­pho­sen nicht recht zu. Und auch die Cho­reo­gra­fien der El­fen hät­ten mehr Ab­wechs­lung ver­dient; da­für ist der Thea­ter­chor im Wil­de-Ker­le-Look herr­lich kos­tü­miert und leis­tet sän­ge­risch Her­vor­ra­gen­des.

Am Rand die Kli­ma­kri­se

Bei al­ler Nar­re­tei (nicht zu ver­ges­sen im ers­ten Akt der Drun­ken Po­et, Jo­nas Jud in ko­mö­di­an­ti­scher Hoch­form) bleibt ein erns­ter Grund­ton spür­bar, das Wis­sen um die Flüch­tig­keit der Lie­be. Hö­he­punkt ist die Arie «O let me weep», hier statt ei­ner al­le­go­ri­schen Kla­ge­fi­gur der He­le­na in den Mund ge­legt und dra­ma­tur­gisch ge­schickt um­plat­ziert: Wer bin ich, wer liebt wen oder doch nicht – «If Love’s a Sweet Pas­si­on, why does it tor­ment?».

De­fi­ni­tiv ernst, ge­ra­de­zu zum Som­mer­nachts-Alp­traum könn­te das Stück wer­den, wenn man die kli­ma­po­li­ti­schen Fol­gen des Streits zwi­schen Ti­ta­nia und Obe­ron ins Zen­trum rück­te: Die Jah­res­zei­ten ge­ra­ten durch­ein­an­der, Ern­ten ver­der­ben, Über­schwem­mun­gen und Stür­me ver­hee­ren das Land, wie Ti­ta­nia wort­reich klagt. In der St.Gal­ler In­sze­nie­rung bleibt es bei Thea­ter­don­ner und Schein­wer­fer­blitz­licht­ge­wit­ter, kurz und hef­tig. 

Das Hap­py­end kann un­ge­stört ge­fei­ert wer­den. Nicht wie da­mals auf den Fl­um­ser­ber­gen, als die Wet­ter­göt­ter an der Pre­mie­re den Satz aus Jac­ques’ be­rühm­tem, auch hier im Stück zi­tier­ten Mo­no­log iro­nisch be­stä­tigt hat­ten: «Die gan­ze Welt ist Büh­ne.»

The Fairy Queen: Sonn­tag, 15. Fe­bru­ar, 17 Uhr, Sonn­tag, 1. März, 19 Uhr, Mon­tag, 2. März, 19.30 Uhr, Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen bis Sonn­tag, 12. April.

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