Farida Ferecli ist 31 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer fünfjährigen Tochter. Vor vier Jahren ist sie mit ihrer Familie aus Aserbaidschan in die Schweiz gekommen. Zunächst nach Kreuzlingen, dann ins Asylzentrum Neckertal. Den Weg von Kreuzlingen ins Toggenburg musste die Familie damals allein bewältigen. Farida Ferecli erinnert sich gut an die Reise. Schwierig sei es gewesen, sagt sie, vor allem weil sie niemanden kannten und die Sprache nicht konnten.
«Aber wir brauchten Hilfe, da wir nicht wussten, wie wir zur Unterkunft kommen.» Viele hätten ihnen unterwegs nicht helfen wollen. Bis sie auf einen älteren Mann trafen, der die Familie zum Bus brachte und mit dem Chauffeur sprach. Das war ihr Glück, sie kamen gut im Asylzentrum an. «Das Heim war zwar ziemlich alt», sagt die junge Frau, «aber das Personal war so nett, eine richtige Familie für uns.»
Gemeinsam gegen Ausgrenzung
Farida Ferecli erzählte ihre Geschichte am Sonntagnachmittag im Rahmen des «Generationengesprächs aus dem Ostschweizer Migrationsuntergrund», organisiert vom Kollektiv «Neue Ostschweiz mit Migrationsvordergrund» in Zusammenarbeit mit dem Institut Neue Schweiz (INES). Der Anlass ist Teil der kantonalen Aktionstage gegen Rassismus, die noch bis am 24. März dauern. Die kantonale Integrationsförderung organisiert diese Aktionstage zum zweiten Mal. Dutzende Veranstaltungen im ganzen Kanton bieten die Möglichkeit, Zeichen gegen Ausgrenzung zu setzen und eigene Bewertungsmuster kritisch zu hinterfragen.
Farida (mit Mikrophon) erzählt aus ihrem Leben.
In den geschichtsträchtigen Hallen der Feldmühle in Rorschach kamen Menschen aus Einwanderfamilien oder mit Migrationshintergrund aus drei Generationen zu Wort. Vor rund 60 Besucherinnen und Besuchern erzählten sie aus ihrem Leben. Sie berichteten, wie es ist, als Fremde in ein neues Land zu kommen oder als «Ausländerin» oder «Ausländer» im «eigenen» Land wahrgenommen zu werden, aber auch, wie sie mit Vorurteilen und Diskriminierung umgehen.
«Geht die Identitätskarte auch?»
Einer von ihnen ist Afrim Maliqi. Er kam 1983 als 14-Jähriger aus dem Kosovo in die Schweiz. Sein Vater war bereits zehn Jahre zuvor in die Schweiz gekommen und arbeitete als Saisonnier. Afrim Maliqi kam alleine, «ich wollte cool sein», sagt er und schmunzelt. Die erste Zeit sei schwierig gewesen, vor allem in der Schule. «Das Schulsystem war so ganz anders als im Kosovo.» Und er sprach kein Deutsch, das machte das Ganze nicht einfacher. Über den Sport fand er Freunde.
Auf dem blauen Sofa: Rion Maliqi und sein Vater Afrim.
Mittlerweile lebt Afrim Maliqi seit über 35 Jahren in der Schweiz. Ans Generationengespräch kam er mit seiner Frau Ajeta und seinem 18-jährigen Sohn Rion. In Rorschach haben sie Heimat gefunden. Sie engagieren sich unter anderem im Quartier, in dem sie wohnen. Afrim Maliqi hat sich und seine Familie einbürgern lassen. Er fühle sich sehr wohl hier. «Die, die sich nicht wohl fühlen, sind nicht gut für die Gesellschaft», sagt er. «Wir müssen ihnen helfen, dass sie sich wohl fühlen.»
Wie geht er mit Alltagsrassismus um? «Ich kontere mit Humor», sagt er, lacht und bringt ein Beispiel: Er und seine Familie seien irgendwann einmal angehalten und gebeten worden, die Ausländerausweise zu zeigen. «Da habe ich entgegnet: Geht die Schweizer Identitätskarte auch?». Zurückgekommen sei nichts, nur verdutzte Gesichter.
Abschätzige Blicke im Bus
Das Asylzentrum Neckertal wurde 2017 geschlossen. Farida Ferecli wohnt nun mit ihrer Familie in Wittenbach. In den letzten Jahren hat sie intensiv Deutsch gelernt. «Ich habe schnell gemerkt, dass man die Sprache beherrschen muss, wenn man Einfluss nehmen oder etwas erreichen will», sagt sie, und das will sie.
Negative Erlebnisse gebe es aber immer wieder. Abschätzige Blicke oder Hände, die nach draussen zeigten, wenn sie sich im Bus gegenübersetze, würden sie noch immer treffen. «Denen würde ich am liebsten sagen, dass ich nicht des Geldes wegen hergekommen bin. Geld gibt es in Aserbaidschan auch, in Form von Öl, aber es gibt dort keine Demokratie.» Ihr Mann habe Probleme mit der Politik bekommen, deshalb seien sie geflüchtet. Sie vermisse ihre Heimat, sagt die 31-Jährige und wird beim Gedanken an ihr Heimatland von ihren Gefühlen übermannt.
In Aserbaidschan hat Farida Ferecli Chemie und Ökologie studiert. Der Abschluss wurde in der Schweiz anerkannt, und sie hat nun seit zwei Wochen einen Praktikumsplatz beim Amt für Umwelt und Energie in der Stadt St.Gallen. Sechs Monate dauert das Praktikum und sie hofft, danach eine Stelle finden zu können.
Weitere Anlässe in der Region im Rahmen der Aktionstage gegen Rassismus 2019:
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