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Kämpfen? Ja – für die Demokratie!

Er war die aussenpolitische Stimme im «St.Galler Tagblatt». Am 6. Januar ist Walter Brehm gestorben, am Krebs, von dem er seit rund einem Jahr wusste. Anstelle eines Nachrufs: das Interview, das Saiten im Juniheft 2018 mit Walter Brehm geführt hat.
Von  Peter Surber
Walter Brehm. (Bild: Urs Bucher)

Saiten: Fangen wir vorne an: 1968 – wo warst du da?

Walter Brehm: Ich bin in Zürich-Oerlikon aufgewachsen, war Schriftsetzerlehrling und in der Jungen Kirche engagiert. Und habe dann angefangen, mich politisch zu betätigen, im Bunker, dem ersten Autonomen Jugendzentrum. Dann bin ich ins Komitee, quasi die Regierung der Autonomen Republik Bunker ARB, gewählt worden.

Was waren deine Hoffnungen damals?

Die waren sehr vage. Meine Affinität zur Dritten Welt und zum Pazifismus hatten mich in die Junge Kirche gebracht, ich habe Militärdienst verweigert und trug eine romantische Revolutionsvorstellung mit mir. Die spontaneistische Linke in Zürich wusste insgesamt nicht genau, was sie wollte, und geriet auch ziemlich rasch in Schwierigkeiten, Stichwort Drogen und Illegalität mit der Besetzung des Bunkers. Daneben gab es aber auch den Versuch, Strukturen aufzubauen. In der PKO, der Proletarischen Kampforganisation, war ich zum ersten Mal organisiert tätig und habe die Revolutionären Lehrlinge Zürich aufgebaut. Das Ganze lief dann in den militanten 1. Mai 1971 hinein. Wir haben dort eine Broschüre namens «Strassenverkehrsordnung» verteilt, die in Wahrheit das Manifest der RAF war. Ich wurde verhaftet und angeklagt wegen Landfriedensbruch etc., wurde zu drei Monaten bedingt verurteilt. Das war für mich eine Weggabelung, ich musste mich fragen: Wo führt das hin? Der bewaffnete Kampf als romantische Vorstellung: Gut und recht, doch es gab Kollegen mit Neigungen zur RAF, das war nicht meine Schiene.

Engagiert habe ich mich dann in der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich RAZ, wo ich gewissermassen der Vorzeigeproletarier war. Die RAZ versuchte einen seriösen Parteiaufbau zu betreiben, sie war klar marxistisch-leninistisch-maoistisch. Im Rückblick sehe ich das als linksextremes Abenteurertum, man wollte die Revolution machen mit den Büezern, aber ich war meinerseits da schon oft mit Anzug und Krawatte unterwegs mit der Attitüde: Ich muss nicht aussehen wie ein Arbeiter, ich bin einer …

Walter Brehm, Jahrgang 1951, war seit 1995 Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt». Über 20 Jahre lang hat er das Weltgeschehen kommentiert und ist für viele Leserinnen und Leser zur unverzichtbaren Stimme der Orientierung in einer unübersichtlicher werdenden Welt geworden. Am 6. Januar ist Walter Brehm 67jährig gestorben. Das Saiten-Interview mit ihm erschien im Juni 2018. (Bild: Coralie Wenger)

Es war viel Romantik und offenbar viel Pose mit dabei in jener Zeit …

Wir haben Gruppen wie die Kommunistische Partei KPS gern als «Maskenverein» verlacht, aber wir waren im gleichen Spital krank. Die RAZ hat sich dann gespalten in die Kommunistische Gruppe Arbeiterpolitik, die eine härtere Revolutionslinie vertrat, während sich der pragmatischere Teil schon Richtung Grün entwickelt hat, darunter etwa Peter Niggli, der Chefideologe der RAZ. Ich bin meinerseits ausgeschlossen worden, wegen «kleinbürgerlichen Tendenzen» – ich hatte eine Affäre mit einer Trotzkistin, die nicht goutiert wurde, aber auch sonst nicht den richtigen proletarischen Stil drauf. Dadurch bin ich in ein Loch gefallen, denn solange man in den Sektenzirkeln drin ist, hat man ja das Gefühl, man sei das Zentrum der Welt. Wenn man rausfällt, merkt man, wie sehr man sich an der Peripherie bewegt hat.

Wie ging es weiter?

Ich fand den Weg zur Filmcooperative und zum Filmkollektiv, das sich als Teil einer Alternativbetriebsbewegung verstand mit dem Ziel, politische Mobilisierung über Film zu erreichen. Der Anspruch war hoch, wir waren mit dem Projektor oft abends unterwegs, man traf Leute wieder, mit denen man sich zuvor bös zerstritten hatte, aber auch da kam es wieder zu Spaltungsdiskussionen, um Fragen wie: Wie viel Filmkunst, wie viel Politik, wie viel Kommerz etc.? Das Drama daran, und für mich auch ein persönliches Drama, war, dass Spaltungen jeweils dazu führen, dass letztlich beide Flügel scheitern.

1980/81 habe ich mit dem Filmer Urs Graf selber an einem Film gearbeitet, Wege und Mauern, einem Dokfilm aus der Strafanstalt Lenzburg. Ich merkte allerdings, dass ich kein Filmer würde. Und etwa in dieser Zeit habe ich Kontakt zu Kokain bekommen – während ich bis dahin die harte Linie vertreten hatte: Drogen und Revolution, das geht nicht zusammen. Ich bekam dadurch Probleme mit der Organisation meines Lebens, weil die Löhne im Filmkollektiv nicht darauf angelegt waren, sich Drogenkonsum finanzieren zu können.

Der Journalismus war die «Rettung»?

Einen Anlauf hatte ich schon in der Jungen Kirche genommen, wo wir die Sozialistische Arbeitsgruppe Oerlikon gegründet und eine Zeitschrift namens «Banalitäten» herausgegeben haben, die sich mit Drittweltthemen beschäftigte. Bei der RAZ habe ich dann für das Parteiblatt geschrieben. Jetzt fand ich per Inserat den Einstieg bei «Teletext», der damals eben den Versuchsbetrieb startete. Wir produzierten Nachrichten zu Ausland, Inland, Wirtschaft und Kultur, es war das erste elektronische Medium, getragen von Zeitungsverlegern und SRG. Ich war viereinhalb Jahre dabei, zuletzt als Chef vom Dienst der deutschsprachigen Redaktion.

Und mit dem politischen Engagement war es damit zu Ende?

Als Journalist ging das nicht, und ich hätte auch nicht gewusst, wo ich mich hätte einreihen sollen. Mitte der 80er kam ich schliesslich zur «Thurgauer Zeitung» als Auslandredaktor. Das knüpfte durchaus an die RAZ-Zeit an, denn dort hatten wir uns intensiv mit den «imperialistischen Feinden» befasst, also mit Aussenpolitik. Weltpolitisch hatte ich dabei viel gelernt, das kam mir jetzt zupass, auch beim Mauerfall 1989. Da konnte ich aus dem Vollen schöpfen.

Als «Alt-68er» im rechtsbürgerlichen Blatt: Das war kein Widerspruch?

Etwas anderes als Auslandjournalismus hätte ich wohl nie machen können. Und ich habe davon profitiert, dass die Zeitung für die Auslandberichte mit einer Agentur gearbeitet hat und die Eigenleistung in der Kommentierung bestand. Ich habe zeitweise fast täglich Kommentare geschrieben nach dem Motto: Aufgabe der Printmedien ist es, den Leuten zu erklären, was sie schon wissen. Die News waren schon damals nicht mehr die primäre Aufgabe, sondern es ging um Einordnung, Würdigung, Wertung der Fakten.

Von der «Proletarischen Revolution» zum Mauerfall und zum Ende des Sozialismus, zumindest des real existierenden: Was bleibt im Rückblick? Sind die 68er-Hoffnungen zerstört worden oder haben sie sich in Pragmatismus aufgelöst?

Die Erkenntnis kam schon früh und bitter: wie leichtgläubig oder blind man gewesen war als Mitglied der maoistischen Linken. Mao Tse-tung als Führer der grössten Revolution? Das ging nicht mehr auf, es gab ja die 20 Millionen Toten in China. Für mich persönlich war das einschneidend und hat mich zusätzlich von einem neuerlichen politischen Engagement abgehalten. Nicht auszudenken, wenn wir je an die Macht gekommen wären – man hätte all die «Abweichler», «Revisionisten», «Sozialfaschisten» erstmal um die Ecke bringen müssen. Es ging ja immer um die richtige Linie, man hat immer ein Feindbild vor sich hergetragen, statt gut demokratisch den Wettstreit der Meinungen auszutragen.

Das Ende des Kalten Kriegs und des «Gleichgewichts des Schreckens» hat zumindest diese ideologischen Verblendungen aufgeweicht.

Ein grosser Teil der früheren Genossen ist auf den Karriereweg eingeschwenkt, ein Filippo Leutenegger zum Beispiel. Während der Teil, der nach wie vor auf eine politische Alternative gesetzt hat, sich Richtung Grün bewegt hat, unterstützt durch die AKW-Proteste und die ökologischen Themen, die ins Zentrum gerückt sind. Die «Klassenanalyse», die man als Worthülse vor sich hergetragen hatte, musste revidiert werden, weil klar wurde, dass das Industrieproletariat nicht der Träger einer revolutionären Bewegung sein würde, sondern auch gern nach Mallorca in die Ferien geht – andere Themen wie Konsumfragen, Gerechtigkeitsfragen, Demokratiefragen rückten stattdessen ins Zentrum.

Ist die Diskussion um Polit- und Gesellschaftsmodelle damit vorbei? Oder gibt es Alternativen zur durchökonomisierten Epoche, in der wir heute stecken?

Die Alternativen sind weitgehend verpufft. Gewiss gab es schon immer von klügeren Köpfen Versuche, eine Programmatik aufzubauen. Grün, das hiess mehr als bloss ökologisch; man hat angeknüpft an 68er-Elemente wie die Frauenbewegung, neue soziale Bewegungen, den Anti-Atom-Protest, und hat versucht, solche Anliegen innerhalb der bürgerlichen Demokratie durchzusetzen. Andere haben einen Mittelweg zwischen Liberalismus und Ökologie gesucht, den heute die Grünliberale Partei repräsentiert, der aber als Idee schon Mitte der 80er-Jahre da war. Ich bin übrigens meinerseits in die Falle hineingetrampt – und kurzzeitig in die FDP eingetreten, in der Hoffnung, dass sozialliberale Positionen eine Perspektive sein könnten. Der Griff zum Parteibuch war aber auch der opportunistische Versuch, mich in der «Thurgauer Zeitung» zu schützen. Der Chefredaktor war SVP-Kantonsrat, mit der Zeit gab es Brüche, die nicht mehr leicht zu kitten waren.

«Wer aus Oerlikon kommt, kann mit den Ostschweizern fühlen, hat aber auch Trost anzubieten. Provinz ist überall und das Zentrum ist auch überall – gleichzeitig. Und wer sich im Zentrum wähnt, lebt global gesehen für die meisten Mitmenschen doch nur in der Provinz. Oder anders herum: Die Provinz ist die Welt. Und Oerlikon war und ist Weltprovinz.» So hat Walter Brehm seine Oerliker Jugendjahre kommentiert, 2017 im Zürich-Special des «St.Galler Tagblatts».

Der ganze Beitrag hier.

Anfang der 90er-Jahre kam mit dem Ausbruch des Ersten Golfkriegs der gröbere Bruch. Meine Kommentare gegen den Krieg beschädigten angeblich das Ansehen der Zeitung. Daneben gab es auch wieder Annäherungen. 1989 etwa hat die Zeitung eine Hilfsaktion für die rumänischen Revolutionäre gestartet, ich konnte mit dem Konvoi von Hilfsgütern nach Rumänien fahren – solche Chancen gab es immer mal wieder. Es war insgesamt sehr widersprüchlich, aber auch sehr provinziell. 1995 kam ich dann als Auslandredaktor zum «St.Galler Tagblatt».

Nochmal zur Hoffnung: Worauf setzt du heute?

Im Kern geht es für mich heute um die Demokratie, für die ich mich als Journalist aus einer gesellschaftsliberalen Position einsetzen kann. Spannend waren all die kurzlebigen Utopien rund um 1989, das angebliche «Ende der Geschichte», die «neue Weltordnung».

Warum ist diese neue Weltordnung nicht zustande gekommen?

Weil der Kapitalismus einfach resistenter ist, als man gedacht hat. Tragisch am Ende des Kalten Krieges ist ja, dass damit auch etwas Weiteres zusammengebrochen ist: Durch die Existenz einer Alternative zum Kapitalismus, was immer diese wert oder nicht wert war, war das politische Bürgertum gezwungen, eine Politik der sozialen Befriedung zu führen. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus ist dieser Zwang entfallen, und es hat sich eine Art Raubtierkapitalismus Bahn gebrochen, den man sich zuvor nie hätte vorstellen können.

Die Alternative gibt es aber schon noch: den Glauben an eine solidarische, gerechte, gesellschaftlich tolerante, ökologisch nachhaltige Welt. Er verkörpert sich heute am ehesten bei den Sozialdemokraten und den Grünen. Siehst du das auch so?

Die Sozialdemokratie war nie mein Ding, aber sie ist das einzige Gegengewicht zur SVP und dem europaweit sich etablierenden Rechtspopulismus. Die SVP ist neben der SP in der Schweiz die einzige Partei, der es gelungen ist, eine nationale Kraft über die Kantönli hinaus zu etablieren. Bei dieser Leistung würde sich jeder alte Linke die Finger abschlecken.

Wie gefährlich schätzt du den neuen Rechtspopulismus ein? Steuern wir auf eine illiberale und unsolidarische Welt zu?

Die Gefahr ist gross. Dabei ist der Widerspruch offensichtlich: Die SVP und mit ihr die ganze rechtspopulistische Bewegung in Europa behauptet sich als ideologische Alternative zur Globalisierung und als «Partei des kleinen Mannes» – während sie in Wahrheit eine Hauptträgerin des Kapitalismus ist.

Die Rückbesinnung auf das Nationale ist begleitet von Feindseligkeit gegenüber allem Fremden. Und das Hauptfeindbild ist der Islam.

Der Islamismus hat in diesem Feindbild-Denken die Rolle des Kommunismus übernommen. Momentan ist er die einzige globale Alternative zum wirtschaftsliberalen Kapitalismus. Es ist wohl kein Zufall, dass die islamistischen Gruppen eine Struktur haben, die den früheren linksradikalen Gruppen ganz ähnlich ist – inklusive deren Spaltungen. Auch da geht es um die richtige Linie; wer sich nicht an sie hält, ist ein Ungläubiger und Verräter.

Nichts gelernt aus der Geschichte?

Gilles Kepel hat einmal die Regel formuliert: Terroristische Tendenzen werden immer dann stark, wenn die dahinterstehende Ideologie schon verloren hat. So war es mit dem linksextremen Terror, so ist es heute mit dem islamistischen Terror. Der Islam hat, ausser in Iran, politisch nirgends wirklich reüssiert. Aber er formt sich gerade deshalb in einer Radikalität aus, die noch über Jahrzehnte gefährlich sein wird. Beide, der überbordende Kapitalismus wie der Islamismus, sind im Kern illiberal und sektiererisch. Und damit das Gegenmodell zu einer Gesellschaft, die bereit ist, sich zu öffnen und die Erdkugel als gemeinsames Projekt zu betrachten. In dieser Hinsicht sind wir tatsächlich in einer sehr defensiven Phase. Den Kampf für eine freie, offene, demokratische Gesellschaft zu führen gegen die illiberalen Tendenzen, ob rechts, ob religiös: Das ist eine grosse Aufgabe.

Du hast dich intensiv mit dem Islam, mit Nahost, mit Afrika beschäftigt und die Länder bereist. Warum gerade Afrika?

Um mit dem Islam anzufangen: In der Hysterie nach 9/11 war es mit der Bereitschaft zu differenzieren schnell vorbei. Dabei gibt es «den Islam» natürlich nicht. Es war mir ein Anliegen, Verständnis zu schaffen für diese Weltregion. Und mich selber teilweise auch zu hinterfragen. Lange Zeit gab es ja die Frontstellung: hier die Sympathie für Multikulti, für alles Fremde und damit auch für den Islam – und dort die Feindseligkeit. Der Islam ist über weite Teile heute zwar Repräsentant einer totalitären Ideologie, aber es gibt die inner-islamischen Kontroversen dennoch. Aus dem Koran kann sich jeder nehmen, was ihm gefällt. Ich mag zum Beispiel den Satz: «Es gibt keinen Zwang in der Religion.» Doch all die Gewaltelemente findet man ebenfalls im Koran, und das Problem sind jene, die den Koran als «unredigiertes» Gotteswort betrachten und ihn damit jeder Diskutierbarkeit entziehen. Das ist eine höchst unhistorische Betrachtung. Es braucht bei uns wie im Islam die Bereitschaft, zu differenzieren – etwa zwischen den allgemeingültigen spirituellen Aussagen auf der einen Seite und auf der anderen Seite den gesetzgeberisch engen Paragraphen einer Religion, die jeden Aspekt des Lebens organisiert.

Was für die Bibel genau so gilt …

Im christlichen Mainstream glaubt man zumindest nicht mehr an die Bibel als unredigiertes Gotteswort – abgesehen von den Fundamentalisten.

Du hast den arabischen Raum und Afrika bereist – eine fremde Welt?

Es gibt viele Dinge, zu denen man als Westler schwer Zugang hat. Die konservative Sexualmoral etwa: Davor kann man als Alt-68er natürlich nicht die Augen verschliessen. Aber anderseits müssen wir nicht so tun, als wäre Afrika rückständig und wir hätten den Fortschritt gepachtet. Eine Schwierigkeit ist, dass man in Afrika 60 Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit nicht mehr einfach sagen kann: Das sind alles Opfer des Kolonialismus. Aber das Verhalten des Westens ist nach wie vor paternalistisch. Europäer und die USA haben weithin die Haltung: Wir helfen euch, aber führt endlich die Demokratie ein! Während China sagt: Wir mischen uns nicht ein, wir machen «bloss» Wirtschaftspolitik – und unter diesem Titel ganze Landstriche aufkauft oder pachtet. Nicht etwa, um die Lebenssituation der Afrikaner zu verbessern, sondern um Geschäfte zu machen.

Reisen in Afrika: Das heisst, differenzieren zu lernen?

Afrika ist ja kein Land, sondern eine Welt. Und es ist eine höchst widersprüchliche Welt. Die Regierungen, die heute in Afrika das Sagen haben, sind meist europäisch sozialisierte Eliten, die in ihren eigenen Ländern selber die Rolle der Kolonialherren spielen. Deshalb, und längst verschüttet durch die christliche und politische Missionierung, kann man kaum noch einschätzen, wie ein afrikanisches Afrika heute aussehen würde. Und wo sind die zukunftsweisenden Ansätze? Der Bodenbesitz ist ein Beispiel dafür. Im Ursprung vieler afrikanischer Gesellschaften war Bodenbesitz unbekannt, der Boden war allgemein zugängliche «Allmende». Erst recht kompliziert wird es, wenn in Afrika auch noch der Islam hinzukommt.

Wie ist das Lebensgefühl – du bist dort ja nicht nur der Politbeobachter?

Man wird rasch konfrontiert mit eigenen Ängsten, die man sich als fortschrittlicher Mensch eigentlich gar nicht eingestehen will. Wenn du in einem Gewimmel eines riesigen afrikanischen Markts, wie wir es zum Beispiel in Ruanda erlebt haben, der einzige Weisse bist – dann kann man ein Gefühl bekommen, das man im besten Fall ins Positive ummünzen kann: zu merken, wie es für Migranten aus Afrika bei uns sein muss. Doch man merkt auch, dass die ganze Selbstsicherheit sehr schnell schrumpft.

Es gibt gewiss Fälle von Abneigung gegen «die Weissen», aus sehr handfesten Gründen. Aber Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit habe ich kaum erlebt, auch in komplizierten Gesellschaften nicht – und Uganda ist ein solches Beispiel: ein kleines Land mit dem grössten Anteil südsudanesischer Flüchtlinge. Da gibt es eine bewundernswerte Bereitschaft, andere Leute aufzunehmen. Und zugleich, als Gegenbeispiel, ist die Homophobie kaum irgendwo so ausgeprägt. Auch die Geschlechterrollen sind oft sehr schwarzweiss.

Was die Zukunft betrifft, kann man sich diverse Perspektiven vorstellen, aber muss zugleich befürchten, dass sie scheitern werden. Und das hat vor allem mit der imperialistischen Dominanz Europas, der USA und der Chinesen in Afrika zu tun.

Bist du grundsätzlich pessimistisch, was die Weltlage betrifft – um noch die ganz grosse Frage zu stellen … ?

Wir sind zumindest in einer Phase, wo das Imperium zurückschlägt. Damit meine ich zum Beispiel Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit: Was einem da Hoffnung machen kann, ist einzig, dass solche Modelle letztlich immer gescheitert sind. Aber sie öffnen ein weites Feld von Angstbewirtschaftung. So problematisch historische Vergleiche sind: Deutschland ist in den 1930er-Jahren nicht an links und rechts gescheitert, sondern daran, dass sich in der Mitte niemand mehr für die Demokratie stark gemacht hat. Das ist eine Gefahr. Eine andere könnte ein globaler atomarer Crash sein.

Oder die Klimaveränderung.

Ja, aber die Welt ist immer noch mit perspektivenlosen Auseinandersetzungen beschäftigt, die wir eigentlich hinter uns haben sollten, und in denen die wirklichen Zukunftsfragen nicht nachhaltig gestellt werden. Man verheddert sich in das alte Schwarzweiss-Denken. Die jüngste Auseinandersetzung um das Atomabkommen mit Iran ist ein Beispiel. An Trumps Kritik mag einiges stimmen, aber ein Abkommen zu kündigen, das zwar nicht alles erfüllt, aber anderes gut regelt, ist absurd und entspricht diesem Entweder-oder-Denken. Man müsste differenzieren.

Differenzieren: Das ist die journalistische Berufsaufgabe.

Ich denke auch, das bleibt, über alle Debatten zur Zukunft der Medien und der Zeitung hinaus, die Aufgabe des Journalismus: Erklärungsmöglichkeiten anzubieten, Zusammenhänge, Ursachen und Folgen klarzustellen und gegen das schnelle Wissen Fragen zu stellen. Es geht um Wissen und den freien Austausch von Meinungen – also letztlich um die Demokratie, die im Moment vielen als Auslaufmodell erscheint.

Über deine Krankheit haben wir jetzt gar nicht gesprochen.

Die ist nicht so wichtig. Auch wenn sich manches natürlich relativiert dadurch.

Aber sie ist sicher wichtiger als all die Egomanen namens Putin, Trump & Co., die die Welt regieren …

Wichtiger: Das trifft vielleicht auf mich selber zu. Und für mich geht es im Moment stark darum, mich von Fragen zu befreien wie: Warum gerade ich? Warum gerade diese Krankheit? Und der Devise zu folgen: «Es ist, wie es ist, sagt die Liebe.»

 

 

 

 

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