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«Wir halten es für unangebracht, eine Kooperation mit den Behörden einzugehen»

Das Nachtasyl geht in die dritte Runde: Tülay Korkmaz und Roman Rutz über die Ziele der Veranstaltungsreihe, kleine kulturelle Unterschiede, das liebe Geld und das widersprüchliche Verhältnis zu den Behörden.
Von  Corinne Riedener
Nachtasyl-Motto 2016: «Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.» Bertolt Brecht hat das gesagt. (Bild: Hinrich Schultze)

Saiten: Wieso braucht es das Nachtasyl?

Tülay: Es gibt zwei Hauptziele; einerseits wollen wir die Probleme von Migrantinnen und Migranten ansprechen, andererseits geht es darum, sich einander zu begegnen. Uns ist es wichtig, dass die Migrantinnen und Migranten mitmachen, mitdenken, mitsprechen. Auf der anderen Seite muss man den Schweizerinnen und Schweizern auch klar machen, dass das Leben in der Schweiz nicht so paradiesisch ist, wie viele denken.

Kannst du das genauer erklären?

Tülay: Wenn ich mit Schweizern, vor allem mit den älteren, über die Situation der Migrantinnen und Migranten in diesem Land spreche, höre ich oft, dass die Schweiz doch ein Paradies sei und ich mich gefälligst nicht beschweren soll. Der Vorwurf ist meistens derselbe: «Ihr Ausländer profitiert von dem, was wir Schweizer uns hier hart erarbeitet haben.» Viele haben keine Ahnung von unseren Leben und sie wollen sich auch nicht damit beschäftigen. Wenn ich ein trauriges Thema anspreche, wird mir oft zu verstehen gegeben, dass man das nicht hören will. Nur wenn die Schweizer persönlich betroffen sind, interessieren sie sich für Missstände, habe ich das Gefühl. Das finde ich egoistisch.

Seit Anfang April findet das dritte Nachtasyl statt. Seid ihr euren Zielen seit der ersten Ausgabe etwas näher gekommen?

Roman: Ich glaube, dass das Thema Migration wieder präsenter ist in der Öffentlichkeit, seit es das Nachtasyl oder beispielsweise auch die Aktion Zunder gibt. Doch es ist schwer zu sagen, wer oder was genau dafür verantwortlich ist, denn mit den Entwicklungen der letzten Jahre sind die Themen Asyl und Migration allgemein wieder wichtiger geworden. Ich denke aber, dass das Nachtasyl, die Aktion Zunder und all die anderen, Initiativen wie etwa die Autonome Schule in Zürich oder das Solihaus, die sich für Migration einsetzen, schon etwas bewirken konnten. Mir scheint zudem, dass gerade die Jüngeren wieder stärker motiviert sind, sich zu engagieren.

Tülay: Keine Bemühung ist vergebens! Wenn man sich für etwas einsetzt, lohnt sich das immer. Schon die kleinste Geste kann etwas bewirken – wenn nicht sofort, dann irgendwann später. Und selbst wenn nicht, so hat man wenigstens Freunde gewonnen.

Wie schafft man es, nicht nur die «eigenen» Leute zu erreichen, also jene, die sowieso schon ähnlich denken?

Roman: Das Nachtasyl ist, glaube ich, ein gutes Beispiel dafür. Wir versuchen, ein möglichst breites Spektrum an Veranstaltungen, aber auch Veranstaltern, abzudecken. Wenn zum Beispiel zwei junge DJs aus Eritrea oder AYKU ihre «Songs of Gastarbeiter» im Palace auflegen, kommen immer auch Leute, die sonst nicht unbedingt dort verkehren. Und das wollen wir: Raum für Austausch schaffen.

Tülay: Ich kann nur für türkische und kurdische Leute sprechen: Die kommen nicht, wenn man es ihnen einmal sagt. Man muss sie persönlich abholen. Hier in der Schweiz schreibt man; Flugblätter, Mails, Plakate. Unsere Kultur ist anders. Wir funktionieren über das Sprechen, über Bilder, über den zwischenmenschlichen Kontakt. Wenn ich 1000 Flugblätter verteile, kommen vielleicht drei Personen, wenn ich aber 30 Leute anrufe, kommen davon 29. Bei uns sagt man: Du musst kommen! Bei Schweizern würde das nicht funktionieren. Hier gilt das als unanständig.

Roman: Tülay sieht diese kleinen kulturellen Unterschiede, die meist historisch gewachsen sind, und kann sie schliessen. Da müssen wir vom Nachtasyl auch selbstkritisch genug sein und uns eingestehen, dass wir noch längst nicht alle erreichen, dass wir sicher noch vieles machen können und noch mehr Migrantinnen und Migranten einbeziehen müssen.

Wie finanziert sich das Nachtasyl?

Roman: Über Soli-Buttons. Diese kann man für 15 Franken an den Veranstaltungsorten kaufen. Die Erlöse davon kommen dann in einen Pott, damit sollten alle Rechnungen und Ausgaben bezahlt werden können, sprich die Druckkosten, die Aufwände der Veranstalter und alles, was sonst noch anfällt.

Gab es Veranstalter, die euch finanziell oder sonstwie entgegenkamen?

Roman: Das ist ganz unterschiedlich. Bis jetzt haben wir die Erfahrung gemacht, dass man mit allen gut reden kann. In der Regel sind die Veranstalter froh, wenn wir noch 100 oder 200 Franken an einen Film oder eine Band zahlen, aber sie drücken auch mal ein Auge zu, wenn es am Ende nicht reicht. Sie kennen unser Modell, und wir kommunizieren das auch ganz transparent.

Wieso kein Geld von der Stadt?

Roman: Wir haben uns das auch überlegt, aber letztlich dagegen entschieden. Die städtischen und kantonalen Behörden, ein Migrationsamt, ein Amt für Soziales; sie alle tragen ja bei zur Ungerechtigkeit – auch wenn sie nicht die Entscheidungsträger sind, sondern nur einzelne Rädchen in einem System. Deshalb halten wir es für unangebracht, eine Kooperation mit den Behörden einzugehen.

Tülay: Ich bin diesbezüglich etwas unsicher. Das Geld wäre doch da! Die Ämter haben ja ein Budget, und beim Nachtasyl würde es einem guten Zweck dienen…

Roman: Ich kann diese Argumentation durchaus nachvollziehen. Gleichzeitig muss man aber auch aufpassen, dass man sich nicht zum Komplizen macht. Wenn ich eine Veranstaltung für eine fortschrittliche Migrationspolitik mache, ist das Logo der Behörden auf dem Plakat positives Marketing für einen Kanton, der meines Erachtens noch vieles besser machen müsste in Sachen Asyl und Migration.

Tülay: Vielleicht müssten wir es wie andere machen und einen Stand in der Innenstadt aufstellen, um Geld fürs Nachtasyl zu sammeln…

Roman: Darüber könnte man beim nächsten Mal nachdenken. Aber seien wir ehrlich: Das Geld ist zwar knapp und natürlich gehen wir auch Risiken ein, aber bis jetzt hat es immer irgendwie geklappt. Abgesehen davon finde ich die Idee mit dem Soli-Button gut. Er ist etwas, das bleibt. Auch Monate später noch sieht man Leute in den Strassen mit Nachtasyl-Buttons herumlaufen.

Habt ihr besondere Empfehlungen zum diesjährigen Nachtasyl-Programm?

Tülay: Frag etwas Leichteres! Beim letzten Nachtasyl habe ich 14 von 15 Veranstaltungen besucht. Ich finde alles toll, denn man lernt an jedem Ort wieder andere Menschen kennen – darauf kommt es mir an.

Roman: Ich freue mich sehr auf den Film Io sto con la sposa im Kinok. Einer der Regisseure, Gabriele del Grande, war auch beim letzten Nachtasyl dabei. Der Dok-Film erzählt, wie er zusammen mit syrischen und palästinensischen Flüchtlingen als Hochzeitsgesellschaft getarnt durch Europa gereist ist.

Tülay: Ich freue mich einfach, zwei Wochen weg vom Alltag zu sein – und das, was ich in dieser Zeit erlebe, wieder mitzunehmen in den Alltag.

 

Das Programm:

Montag, 4. April: GSOA Workshop zur Waffenindustrie: Das globale Geschäft mit dem Tod – Möglichkeiten zum lokalen Widerstand, 20 Uhr, Cabi Antirassismustreff, St.Gallen

Dienstag, 5. April: Asylrecht in der Schweiz – Referat und Diskussion zur Ostschweizer Asylbewegung in den 1980er- und 1990er-Jahren, 20 Uhr, Frauenarchiv St.Gallen

Mittwoch, 6. April: Film Lampedusa im Winter – Der Kampf um Solidarität am Rande Europas, 20 Uhr, Treppenhaus Rorschach

Donnerstag, 7. April: Fette Beats statt fette Bonzen – Tanzen zu den Beats von Plattenheber und Hills n’Valley Sound, 20 Uhr, Schwarzer Engel St.Gallen

Freitag, 8. April: Disco Diaspora – Sound aus aller Welt, 21 Uhr. Palace St.Gallen

Samstag, 9 April: Biji Berxwedana Kurdan! Vortrag des kurdischen Journalisten und Soziologen Selim Ferat über den kurdischen Widerstand, 19.30 Uhr, Cabi St.Gallen

Montag, 11. April: Io sto con la sposa – Ein Akt des zivilen Ungehorsams, eine politische Aktion und ein bewegender Dokumentarfilm, 19.30 Uhr, Kinok St.Gallen

Mittwoch, 13. April: Refugee-Coffee: No border, no nation – come to our coffee-station, 20 Uhr, Buena Onda St.Gallen

Donnerstag, 14. April: Film Everyday Rebellion, gezeigt von der Studierendenorganisation der Sozialen Arbeit (SOSA), 20 Uhr, FH St.Gallen, Raum101

Freitag, 15. April: Vortrag der Göttinger Gruppe zum Thema Widerstand bei Ausschaffungen, danach Raven mit Egotronic und Afterparty mit Labor. Vortrag: 20Uhr, Konzert 22Uhr, Grabenhalle St.Gallen

Samstag, 16. April: Dance of resistence – Tanz und Trunk mit DJ Wayne Champagne und Freunden, 21 Uhr, Tankstell St.Gallen

Weitere Infos: nachtasyl-sg.ch

 

Tülay Korkmaz, 58, war Lehrerin in der türkischen Provinz Sivas und ist mit ihrer Familie vor 28 Jahren in die Schweiz geflüchtet. Sie ist Dolmetscherin, Aktivistin und Mutter von zwei Kindern.

Roman Rutz, 30, ist Sozialarbeiter in Ausbildung und Mitorganisator der Nachtasyl-Veranstaltungsreihe.

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