Sie schreiben über die doppelte Staatsbürgerschaft und migrantische Jugendliche. Sie recherchieren über den Nazi-Terror des NSU und über die Finanzströme des IS. Sie kommentieren den politischen Alltag in Deutschland und fassen Fussballweltmeisterschaften zusammen. Sie berichten aus Flörsheim, Istanbul oder Berlin. Sie arbeiten für die taz, die Zeit und den Spiegel. Sie sind Journalist_innen.
Und wie alle Journalist_innen erhalten sie hin und wieder unfreundliche Briefe von der Leserschaft. Nur: Sie kriegen nicht dieselbe Hasspost wie die Müllers und Meiers auf den Redaktionen. Denn sie heissen Topçu, Gezer, Yücel oder Musharbash – und egal, über welches Thema sie schreiben: Die Briefe, die sie bekommen, sind allzu oft zutiefst rassistisch. «Mohammedanerweibchen», «Türkentrulla» oder «Islam-U-Boot» heisst es dann in diesen Zuschriften. Oder: «Schön, dass Sie zwischen zwei Ehrenmorden noch Zeit finden, eine Kolumne zu schreiben.» MancheLeser_innen beklagen sich über Rassismus und tappen selbst in die Falle: «Rassismus von einem Türken in einem fremden Land hat in meiner taz nichts verloren.» Und wieder andere würden die Journalist_innen am liebsten zurück in ihre «Heimat» schicken, ins «Fickdeppenarschland».
Die Briefe sind nicht lustig, aber die Journalist_innen, die sie erhalten, haben daraus eine witzige Sache gemacht: Sie lesen sie vor versammeltem Publikum vor. Es ist ein Wettstreit der Dummheiten, ein Poetry Slam der besonderen Art. Hate Poetry haben sie die Veranstaltungsreihe genannt, auf der meist vier bis fünf Journalist_innen auftreten und sich die dümmsten und rassistischsten Beschimpfungen um den Kopf hauen. Am Ende kürt das Publikum eine Siegerin, einen Sieger. Aber wer gewinnt, ist nebensächlich. Wichtiger ist, dass die Autor_innen mit den Beleidigungen nicht alleine bleiben und stattdessen «die Scheisse zurück in die Umlaufbahn» schicken, wie Zeit-Reporter Yassin Musharbash einmal sagte.
Entstanden ist die Idee vor ein paar Jahren in einer bierseligen Runde. Bald darauf fand die erste Lesung im Berliner Café der taz-Redaktion statt und war ein voller Erfolg. Mittlerweile füllen die Journalist_innen Hallen in ganz Deutschland.
Geht das? Darf man das? Lachen, wenn einer schreibt: «Nette Dönerverkäufer abknallen, aber Deniz Yücel stehen lassen. Wo ist der NSU, wenn man ihn braucht?» Ja, man darf. Man soll. Unbedingt sogar, gerade wenn einem das Lachen bis- weilen im Hals stecken bleibt. Deniz Yücel, einst Redaktor bei der taz, heute Korrespondent der Welt in Istanbul, sagte in einem Interview mit der WOZ: «Ihr wollt uns erniedrigen, ihr Spackos? Wir nehmen euer Zeug, machen daraus eine Abendshow von zwei, drei Stunden, unterhalten 300 Leute damit, und manchmal verdienen wir auch noch Geld mit eurem Scheiss.» Hate Poetry ist eine betont antirassistische Show, die sich genau darin von den mittlerweile gängig gewordenen Leserunden verunglimpfter Redaktor_innen unterscheidet. Das macht die Lesungen zu postmigrantischem Kabarett, in dem selbstbewusst mit Klischees und Beschimpfungen ge- spielt wird, bis man sich fragt: Worüber lache ich da eigentlich?
Wer sich hin und wieder in die Kommentarspalten der Online-Newsportale verirrt, kann es mit der Angst zu tun bekommen. Da spricht der offene Hass, der blanke Rassismus, die bodenlose Dummheit. Was soll man damit anfangen? Sich ärgern? Sich wehren? Die Protagonist_innen der Hate Poetry-Reihe haben einen anderen Weg gewählt, der sich leicht anfühlt und verdammt viel Spass macht: Sie lassen die Rassist_innen rechts liegen und lachen über sie. Der Witz als Waffe – vielleicht ist das die beste Antwort auf die Einfältigkeit der selbsternannten Heimatretter_innen: Im Spott schlummert die Macht der Ohnmächtigen.
Dieser Text ist im aktuellen Palace-Programm abgedruckt. Carlos Hanimann ist WOZ-Redaktor. Er erhält selten hasserfüllte Leserbriefe, rassistische so gut wie nie. Dafür kriegt er des öfteren verschwörungstheoretische Abhandlungen, meist verschickt in Kopie an den Bundesrat.
Mehr zum Samstag: palace.sg
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.