Nur eine Illusion von Gleichheit

Gelder für Milliardäre und Banken während Kulturschaffende um jeden Franken ringen müssen: Warum die Vergabe der Lotteriefondsgelder im Thurgau dringend geändert werden müsste. (Es aber nicht passieren wird.) Ein Kommentar.

Auch mit Hilfe von Lotteriegeldern saniert: Geschäftsgebäude der früheren Credit Suisse in Kreuzlingen, heute gehört das Unternehmen zur UBS. (Bild: lün)

Das Thur­gau­er Ge­setz ist in der Sa­che ziem­lich klar: Ei­gen­tü­mer denk­mal­ge­schütz­ter Ob­jek­te ha­ben die­se zu er­hal­ten und zu pfle­gen. Kan­ton und Ge­mein­den un­ter­stüt­zen Ei­gen­tü­mer bei die­ser Auf­ga­be. Man könn­te al­so sa­gen: Vor dem Ge­setz sind al­le gleich, und die­se Gleich­be­hand­lung schützt Ei­gen­tü­me­rin­nen und Ei­gen­tü­mer vor Will­kür.

Wo al­so liegt das Pro­blem, wenn bei­spiels­wei­se das Un­ter­neh­men ei­nes Mil­li­ar­därs wie Pe­ter Spuh­ler 241’925 Fran­ken Zu­stupf aus öf­fent­li­chen Gel­dern er­hält, um die Re­stau­rie­rung ei­nes Fir­men­sit­zes zu be­zah­len? Als Ei­gen­tü­mer trägt er oh­ne­hin den gröss­ten Teil der Kos­ten selbst, und der An­teil des Staats ist nur recht und bil­lig. Schliess­lich liegt es auch im In­ter­es­se der Po­li­tik, dass his­to­risch wert­vol­le Ge­bäu­de ge­schützt wer­den.

Das ist ei­ne Hal­tung, die in Zei­ten vol­ler Kas­sen voll­kom­men le­gi­tim ist, aber pro­ble­ma­tisch wird in kri­sen­haf­ten Mo­men­ten wie jetzt. Wenn über­all ge­spart wer­den muss, dann wä­re es ei­ne gu­te Idee, hier an­zu­set­zen. Denn: Wenn die öf­fent­li­chen Kas­sen knapp sind, stellt sich die po­li­ti­sche Fra­ge, ob pro­fit­ori­en­tier­te Un­ter­neh­men wei­ter­hin in glei­chem Um­fang öf­fent­li­che Gel­der er­hal­ten soll­ten.

Um es klar zu sa­gen: Wenn Un­ter­neh­men und Ban­ken ei­ner­seits gross­zü­gi­ge Zu­schüs­se für ih­re ur­ei­gens­te Auf­ga­be des Ei­gen­tü­me­rer­halts be­kom­men, wäh­rend an­de­rer­seits Kul­tur­schaf­fen­de bei­na­he um je­den Fran­ken Kul­tur­för­de­rung bet­teln müs­sen, dann stimmt et­was nicht im Sys­tem. Erst recht, wenn sich die Gel­der aus dem­sel­ben Topf spei­sen. Die Gel­der aus dem Lot­te­rie­fonds flies­sen so­wohl in die Fi­nan­zie­rung der Denk­mal­pfle­ge als auch in das Kul­tur­le­ben des Kan­tons.

Ist Da­ten­schutz ei­ne Fra­ge des Geld­beu­tels?

Ju­ris­tisch mag das al­les kor­rekt sein, aber es fühlt sich sehr falsch an. Vor al­lem, weil die Prä­mis­se der Gleich­be­hand­lung nur ei­ne Il­lu­si­on von Gleich­heit be­deu­tet. Wenn rei­che Men­schen den­sel­ben Zu­gang zu öf­fent­li­chen Gel­dern ha­ben wie ar­me Men­schen, dann macht man nie­man­den glei­cher. Man läuft viel­mehr Ge­fahr, be­stehen­de so­zia­le Un­gleich­hei­ten nach dem Prin­zip «Wer hat, dem wird ge­ge­ben» wei­ter zu ze­men­tie­ren. Und der Rest muss schau­en, wo er oder sie bleibt. So kann die­se ver­meint­li­che Gleich­ma­chung des Un­glei­chen zu Frust und Po­li­tik­ver­dros­sen­heit bei­tra­gen.

Wer es ernst meint mit Ge­rech­tig­keit, Ei­gen­ver­ant­wor­tung und Gleich­heit, der müss­te sich zu­min­dest ernst­haft mit ei­ner An­pas­sung der Ver­ga­be­richt­li­ni­en in der Thur­gau­er Denk­mal­pfle­ge be­fas­sen. Ideen da­zu gibt es ge­nug. Denk­bar wä­re zum Bei­spiel ein Ei­gen­leis­tungs­prin­zip: För­der­bei­trä­ge könn­ten auf Fäl­le be­schränkt wer­den, in de­nen nach­ge­wie­sen wird, dass der Ei­gen­tü­mer nicht in der La­ge ist, die Sa­nie­rung voll­um­fäng­lich selbst zu tra­gen. Sol­che Mo­del­le wä­ren nicht oh­ne ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­wand um­zu­set­zen, wür­den aber die Fra­ge der so­zia­len Ver­ant­wor­tung stär­ker ins Zen­trum rü­cken. Oder: Ober­gren­zen für ge­winn­ori­en­tier­te Fir­men wä­ren ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, die Ge­mein­nüt­zig­keit wie­der stär­ker in den Fo­kus zu rü­cken. 

Ei­ne Ein­füh­rung trans­pa­ren­ter Ver­ga­be­richt­li­ni­en wä­re das Min­des­te, was zu än­dern wä­re. Ei­ne kla­re Pu­bli­ka­ti­on al­ler Zu­schüs­se, mit Be­grün­dung. Das könn­te mehr Ver­trau­en schaf­fen. In der Kul­tur geht es ja auch. Dort wer­den die Na­men der Emp­fän­ger:in­nen von Lot­te­rie­fonds­gel­dern re­gel­mäs­sig ver­öf­fent­licht, bis hin­un­ter zu drei­stel­li­gen Be­trä­gen. Wenn Kul­tur­schaf­fen­de ih­re För­der­be­zü­ge so trans­pa­rent of­fen­le­gen müs­sen, war­um gilt das dann nicht auch für Mil­li­ar­dä­re und Ban­ker? Da­ten­schutz soll­te kei­ne Fra­ge des Geld­beu­tels sein.

Was Kul­tur­schaf­fen­de dar­aus mit­neh­men soll­ten

Die Wahr­heit al­ler­dings ist: Es ist sehr un­wahr­schein­lich, dass sich hier grund­le­gend et­was än­dern wird. Das liegt auch an den Macht­ver­hält­nis­sen im Thur­gau­er Gros­sen Rat. Dort sit­zen vie­le Stadt- und Ge­mein­de­prä­si­dent:in­nen. Die ha­ben ein ho­hes In­ter­es­se dar­an, dass ih­re his­to­ri­schen Ge­bäu­de auch mit Hil­fe aus dem Lot­te­rie­fonds er­hal­ten wer­den kön­nen. Ab 2027 wer­den sie vor­aus­sicht­lich mehr Geld da­für er­hal­ten – 2,95 Mil­lio­nen statt 2,5 Mil­lio­nen Fran­ken sol­len dann aus dem Lot­te­rie­fonds in den Topf Denk­mal­pfle­ge und Ar­chäo­lo­gie flies­sen. Auch um stei­gen­de Kos­ten bei Re­stau­rie­run­gen ab­zu­fan­gen. Die Mehr­heit da­für dürf­te im Kan­tons­rat ziem­lich si­cher ste­hen.

Wenn man in all dem min­des­tens ei­ne gu­te Nach­richt su­chen will, dann ist es viel­leicht die­se hier: Wer Mil­li­ar­dä­ren und Ban­ken gross­zü­gi­ge Ga­ben aus dem Lot­te­rie­fonds be­rei­tet, kann nicht ernst­haft dar­über nach­den­ken, die För­de­rung von oft am Ran­de von pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen le­ben­den Kul­tur­schaf­fen­de zu kür­zen. Soll­te es den­noch pas­sie­ren, es wä­re dann end­gül­tig die Ver­dre­hung der Zie­le, die mit der Ein­füh­rung der Lot­te­rie­fonds ge­plant wa­ren. Spä­tes­tens dann wä­re ei­ne brei­te kul­tur­po­li­ti­sche De­bat­te un­aus­weich­lich.

Die­ser Ar­ti­kel ist zu­erst auf thur­gau­kul­tur.ch er­schie­nen.

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