Man sollte sich nicht wiederholen (aber Stahlberger machen es auch: Ihre Akkorde haben seit jeher den Hang zum Repetitiven und Minimalistischen, Stahlbergers Texte enden zuverlässig mit Refrains, drum also): 2014, beim Erscheinen des letzten Albums, Die Gschicht isch besser, fast auf den Schlag genau vor fünf Jahren, stand hier zu lesen: «Stahlbergers Texte, fast alle jedenfalls auf diesem dritten und bisher ausweglosesten Album, haben keine Pointe und sowieso keine Moral, aber Poesie und einen Himmel von Traurigkeit.»
Jetzt also ist das vierte Album von Stahlberger, der Band, da, und es ist noch einmal das bisher auswegloseste. Es ist noch ein paar schmerzhafte Herzkrümmungen düsterer als der Vorgänger.
Die Welt als Wahn und Wurschtguetschii
Man kann sich zum Beispiel im Chline Fisch verlieren. Der «chline Fisch» ist eine Frau in einer Wohnung, die ein Aquarium ist und wo der Weg von der Stube in die Küche drei vier Tage dauert, will ihre immer wieder Züüg / Vo früener in Sinn chunnt. Es ist ein surrealistischer Alptraum, mit am Ende einem Spalt im Boden, in dem die Frau «irgendwenn» verschwindet, was schon fast eine Erlösung ist.
Man kann auch versuchen, sich einen Reim auf die gespenstischen Bilder in Munzigi Teili zu machen – auf diesen «riesige Chlumpe», auf diese «unendlichi Sosse», auf den «ewige Sirup». Vielleicht beschreiben die Bilder uns selber.
Oder man kann den ersten Zeilen der Mission Of Love folgen, einer so rabiat verzweifelten Alltagsszenerie, dass klar wird, warum dem Pressetext-Verfasser Buster Keaton in den Sinn gekommen ist:
I de Poscht wieder nume Wärbig Und en Wurschtguetschii Und uf em Telefon e Nochricht Vomene Herr Gautschi Öb d am Sunntig chämsch cho hälfe Sini Stützstrümpf ufe zieh Es siged immer alli bsetzt Und chämed ungern oder nie
Der «Wurschtguetschii» als Metapher für das ganz banale Elend der menschlichen Existenz: Damit ist man schon fast in St.Gallen angekommen. Und ihrer Stadt halten Stahlberger auch auf dem neuen Album einen grotesk entzerrten Spiegel vor. Vor allem in den zwei Liedern mit dem meisten Text, was schon fast verdächtig ist für den sonst wortkargen Manuel Stahlberger.
«Ales ghört jetz allne»
Im ersten dieser Stadtlieder geht ein Stadtyeti um, «S hät en nume no niemer gseh», und einer, der ihn sucht und nicht mehr aufhört zu suchen, verkleidet sich für seine Suche als «Husmuur» oder Parkuhr, als Thujahecke, als Hydrant oder «Pfoschte», bis man ihn selber nicht mehr findet und langsam vergisst. In dem Lied schwingt eine Verlorenheit mit, aber auch eine melancholische Hoffnung, dass die Stadt doch noch Geheimnisse hat, dass das Gewöhnliche vielleicht doch ein verzauberter Traum ist. Weil: «Irgendwo mues er sii.»
CD-Taufe: 20. April, Palace St.Gallen
stahlberger.ch
Erst recht vom Kopf auf die Füsse gestellt wird die Stadt (vermutlich: wieder St.Gallen) im zweiten Lied, in der umwerfenden Utopie Über Nacht Isch En Sturm Cho. Der Sturm bringt alle Ordnungen durcheinander, wirbelt Dächer, Autos, Haushalte kreuz und quer durch die Stadt, gestaltet den Bahnhofplatz neu, verkeilt Lichtsignale ineinander, spült einen Pinguin ins Bett, lässt gerade noch zwei Wände stehen und stopft den Chef in eine Kartonschachtel.
Was Stahlberger da anrichten, ist Apokalypse pur: Das Unterste wird zuoberst gekehrt, das Resultat ist kommunistisch: «Ales ghört jetz allne / Ales isch neu sortiert.» Die Musik jault und rattert dazu.
Alles ausweglos also? Ja, und zugleich das Gegenteil: veränderungslustig und sturmerprobt. Die zwölf Lieder sind nach und nach in einem monatelangen Prozess zusammen mit der Musik entstanden. Manuel Stahlberger und Michael Gallusser, Marcel Gschwend, Dominik und Christian Kesseli können das offenbar: dem Unvertrauten vertrauen, gemeinsam Wörter und Klänge finden, in denen nichts so ist, wie man es bisher kannte.
«Wir mussten nie dran arbeiten, einen Boden zu haben», sagen Stahlberger im Interview in der gestrigen «Zeit». Das meint vielleicht: Der Boden ist sowieso da. Oder sowieso schon weg. In Stahlbergers Ort herrscht Durchzug, Sturm. «Ales wäg». Aber au: «Ales no do», wie es im letzten Lied heisst.
Volle Tribüne für ein Buch: Die Vernissage von Manuel Stahlbergers Typotron-Hefts «Zeug» wurde zur Umarmung von Kultur und Sport.
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann