Ein Ast, der geheimnisvoll beleuchtet ins Irgendwo ragt. Eine Wasserlache, in der sich verlorene Lichter spiegeln. Blinde Fenster, bröckelnde Fassaden, Bäume wie Elefanten, ein leerer Stuhl. Es ist eine entrückte, unvertraute, manchmal gespenstische Wirklichkeit, die aus diesen Bildern spricht.
Tine Edel ist bekannt als Theaterfotografin (und regelmässige Saiten-Mitarbeiterin). Hier wie dort rückt sie Menschen ins beste Scheinwerfer- oder Stadtlicht oder porträtiert, wie in ihrer jüngst im Theaterfoyer ausgestellten Serie, Schauspielerinnen und Schauspieler in den Kulissen, kurz vor ihrem Auftritt. Jetzt, auf den neben ihrer Theaterarbeit entstandenen Nachtbildern, fehlen Menschen fast ganz. Beziehungsweise: Man kann sie noch erahnen, vielleicht sind sie grad um die Ecke verschwunden, schlafen hinter den blinden Fenstern, wären kurz zuvor noch auf dem Stuhl gesessen.
Die Bilder sind die Beute nächtlicher Streifzüge durch die Stadt, manchmal stundenlanger Unternehmungen, wie Tine Edel erzählt, auf denen sie nicht ein vorgefasstes Sujet sucht, sondern sich treiben, sich von ihren Bildern finden lässt. In ihrer Vernissagerede schlug die Kunstkritikerin und Co-Leiterin der städtischen Fachstelle Kultur, Kristin Schmidt, denn auch den Bogen zu den Pariser «Lettristen», die in den 1950er Jahren das Umherschweifen zur künstlerischen Methode erklärt hatten – die Ahnenreihe der Flaneure hätte auch noch weiter zurück gereicht, zu Charles Baudelaire oder zu Walter Benjamin, dem unübertroffenen Paris-Gänger. In den Fotografien von Tine Edel klingen ausserdem Nachtbilder an, wie sie die deutsche Romantik liebte – als deren später Nachfahre wird Manuel Stahlberger in der Ausstellung zitiert mit dem Lied «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig». Ganz so gruslig wie in diesem Song wird es bei Tine Edel allerdings nie.
«Einmal war es so» heisst die Ausstellung. Der Retro-Titel verweist auf die Technik: Tine Edel fotografiert analog, sie entwickelt ihre Aufnahmen von Hand und verwendet das Verfahren der Cyanotypie. Zufälligkeiten des Entwicklungsprozesses wie Schlieren auf den Bildern prägen das Bild-Ergebnis mit und erinnern daran, dass Fotografie einmal ein Handwerk war. Dazu passt die Präsentation: Einige der Bilder sind anspruchslos auf Papier an die Wand geheftet, andere zu Heften zusammengefügt, dritte als Endlos-Diaprojektion zu betrachten und die kostbarsten schliesslich auf Glas gebannt.
Man könnte ins Dichten kommen angesichts von Tine Edels Nachtsichten. Oder sich anregen lassen, den eigenen Blick für die nächtlichen Licht- und Dunkel-Sensationen zu schärfen.
Galerie vor der Klostermauer, bis 1. März 2015. Do und Fr 18-20 Uhr, Sa 11-15 Uhr, So 10-12 Uhr. Sonntagsapéro am 15. Februar und 1. März.
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.