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Nacht in der Stadt

In den Fotografien von Tine Edel ist schwarz nicht schwarz und weiss nicht weiss. Ihre schillernden Nachtbilder stellt sie in der Galerie vor der Klostermauer St.Gallen aus.
Von  Peter Surber

Ein Ast, der geheimnisvoll beleuchtet ins Irgendwo ragt. Eine Wasserlache, in der sich verlorene Lichter spiegeln. Blinde Fenster, bröckelnde Fassaden, Bäume wie Elefanten, ein leerer Stuhl. Es ist eine entrückte, unvertraute, manchmal gespenstische Wirklichkeit, die aus diesen Bildern spricht.

Tine Edel ist bekannt als Theaterfotografin (und regelmässige Saiten-Mitarbeiterin). Hier wie dort rückt sie Menschen ins beste Scheinwerfer- oder Stadtlicht oder porträtiert, wie in ihrer jüngst im Theaterfoyer ausgestellten Serie, Schauspielerinnen und Schauspieler in den Kulissen, kurz vor ihrem Auftritt. Jetzt, auf den neben ihrer Theaterarbeit entstandenen Nachtbildern, fehlen Menschen fast ganz. Beziehungsweise: Man kann sie noch erahnen, vielleicht sind sie grad um die Ecke verschwunden, schlafen hinter den blinden Fenstern, wären kurz zuvor noch auf dem Stuhl gesessen.

Die Bilder sind die Beute nächtlicher Streifzüge durch die Stadt, manchmal stundenlanger Unternehmungen, wie Tine Edel erzählt, auf denen sie nicht ein vorgefasstes Sujet sucht, sondern sich treiben, sich von ihren Bildern finden lässt. In ihrer Vernissagerede schlug die Kunstkritikerin und Co-Leiterin der städtischen Fachstelle Kultur, Kristin Schmidt, denn auch den Bogen zu den Pariser «Lettristen», die in den 1950er Jahren das Umherschweifen zur künstlerischen Methode erklärt hatten – die Ahnenreihe der Flaneure hätte auch noch weiter zurück gereicht, zu Charles Baudelaire oder zu Walter Benjamin, dem unübertroffenen Paris-Gänger. In den Fotografien von Tine Edel klingen ausserdem Nachtbilder an, wie sie die deutsche Romantik liebte – als deren später Nachfahre wird Manuel Stahlberger in der Ausstellung zitiert mit dem Lied «Du verwachsch wieder nume i dinere Wonig». Ganz so gruslig wie in diesem Song wird es bei Tine Edel allerdings nie.

«Einmal war es so» heisst die Ausstellung. Der Retro-Titel verweist auf die Technik: Tine Edel fotografiert analog, sie entwickelt ihre Aufnahmen von Hand und verwendet das Verfahren der Cyanotypie. Zufälligkeiten des Entwicklungsprozesses wie Schlieren auf den Bildern prägen das Bild-Ergebnis mit und erinnern daran, dass Fotografie einmal ein Handwerk war. Dazu passt die Präsentation: Einige der Bilder sind anspruchslos auf Papier an die Wand geheftet, andere zu Heften zusammengefügt, dritte als Endlos-Diaprojektion zu betrachten und die kostbarsten schliesslich auf Glas gebannt.

Man könnte ins Dichten kommen angesichts von Tine Edels Nachtsichten. Oder sich anregen lassen, den eigenen Blick für die nächtlichen Licht- und Dunkel-Sensationen zu schärfen.

Galerie vor der Klostermauer, bis 1. März 2015. Do und Fr 18-20 Uhr, Sa 11-15 Uhr, So 10-12 Uhr. Sonntagsapéro am 15. Februar und 1. März.

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