Kategorie
Autor:innen
Jahr

Theaterzauber mit Kamel

Wenn sich ein heimwehkrankes Kamel und ein trauriger Clown zusammentun, dann ist Jungspund: Das Festival für junges Theater ist mit Es Kamel im Zirkus des Cirque de Loin in der St.Galler Lokremise fulminant eröffnet worden. Zehn Tage lang wird gespielt und diskutiert.
Von  Peter Surber , 
Clown und Kamel (Michael Finger, Julia Anna Sattler) unterwegs zur Wüste. (Bild: Lucia Gerhardt)

Auftakt zum dritten Jungspund, nach 2018 und 2020, in der Lokremise: Leiterin Gabi Bernetta äussert sich überglücklich, dass das Festival an der Pandemie vorbeigeschrammt ist und analog stattfinden kann – auch wenn die Auswahl der Stücke unter erschwerten Bedingungen stattfinden musste. Physische Begegnungen seien der Kern der Kultur.

Festivalleiterin Gabi Bernetta eröffnet Jungspund. (Bild: Tine Edel)

Daran und an ihre frühesten Erfahrungen mit Blauring-Theaterabenden erinnert auch Stadtpräsidentin Maria Pappa in ihrem Begrüssungswort. Regierungsrätin Laura Bucher betont per Videobotschaft, dass Kindertheater die gleiche Professionalität und Publikums-Aufmerksamkeit brauche wie das Erwachsenentheater. Und richtet ihre Rede ausdrücklich auch an die Kinder.

Die fehlen zwar, naheliegenderweise, am Eröffnungsabend. Aber Bucher behält dennoch recht, quasi umgekehrt – die Eröffnungsproduktion, Es Kamel im Zirkus des Cirque Loin, ist zwar für Kinder ab sechs Jahren gedacht. Aber sie zündet auch bei den Erwachsenen. Theatermagie… aber es liegt auch am Stück: Michael Fingers Cirque de Loin macht Zirkus zur Manege des Lebens, existentiell und trotzdem leicht, mit den Mitteln der Poesie und der Musik.

Ausbruch aus dem Alleinsein

Finger ist für einmal nicht der überlegene Zirkusimpresario, sondern ein trauriger Clown. Rote Nase, weisses Tütü, Schlarpen mit der Aufschrift CHILL OUT!, auf dem Kopf eine faltige Kappe. Finger schlurft in die Manege, furzt mit Saxophonen und Gaspatronen und hat nur seine Popcornmaschine im Sinn. Ein Kindertraum, dieser Stückauftakt.

Dann tritt das Kamel auf, Julia Anna Sattler, Tänzerin und eine wunderbar natürliche, wie aus dem normalen Leben ins Theater geratene Spielerin. Eine Nummer wird einstudiert, sie heisst «Clown macht Faxen auf dem Kamel», mit ihr drehen sich die beiden jahrelang im Kreis, eingesperrt in ihre Traurigkeit. Finger singt dazu das Lied vom «Elei-Sii». Elei schloofe, elei hüüle, allein mit dem Kamel-Heimweh nach der Wüste.

Kamel schleppt Clown. (Bild: Lucia Gerhardt)

Zum Glück nehmen die beiden eines Tages ihr Schicksal in die Hände und hauen ab. Machen Furore mit umgekehrten Rollen: «Es Kamel uf em Clown, e Weltsensation». Finden drei wunderbare musikalische Begleiter, die Band The Dromedars. Und natürlich kommt es zum Happy End unter dem gleissenden Wüstenmond.

Herzsongs und Musikpoesie

Fingers Mundartsongs, mal derb, mal versponnen, mal schräg und mal ernst, sind das Rückgrat des Stücks und gehen direkt ins Herz. Die Band mit Reto Ammann, Lorena Dorizzi und Adrian Egger trägt nicht nur die Songs, sondern liefert auch die Geräusch- und Klangkulisse zum Spiel, treibt die Bewegungen an, lässt die Müggli surren, die dem Clown das Leben schwer machen, zaubert Tiergeräusche in den nächtlichen Wald, singt und marschiert mit im Manegenrund.

Finger hat für sein neues Kinderstück auch sonst eine inspirierte und veschworene Truppe um sich geschart. Mitspielerin Julia Anna Sattler hat als Kamel alle Sympathien auf ihrer Seite und reisst den Clown immer wieder aus seiner Altersdepression. Die detailverliebten Kostüme und das Zirkusambiente samt glitzerndem Wüstenhintergrund haben Laura Oertle und Marisa Mayer geschaffen. Und im grossen Finale ist das ganze Hintergrundteam beschäftigt mit Ballonaufblasen und Popcornverteilen.

Zirkusfinale mit Ballonen. (Bild: Tine Edel)

Jonas Knecht, Schauspieldirektor und mit dem Theater St.Gallen Partner des Jungspund-Festivals, hatte zur Begrüssung Robert Schindel zitiert: «Man ist viel zu früh jung». Für einmal war hier, am Schluss des Zirkusstücks, kaum jemand zu alt, um noch einmal jung zu sein und sich zu freuen am Kinderspektakel.

Dass Theater verzaubern kann, weiss auch Frauke Jacoby, Leiterin des ebenfalls mitorganisierenden St.Galler Figurentheaters: In ihrer Rede zum Festivalauftakt erzählte ein roter Stöckelschuh eine ganze Liebes- und Generationengeschichte.

Identitätsfragen, Geschlechterrollen

Solche Verzauberungen sollen auch die nächsten zehn Tage bringen. Neben viel Live-Theater wird debattiert und analysiert, unter anderem an einem dreitägigen Symposium.

Jungspund Festival:
17. bis 26. Februar, Lokremise St.Gallen

Die Vorstellungen des Vorstadttheaters Basel sind ausverkauft.

jungspund.ch

Nächste Woche kommt zum Kamel noch ein Nashorn hinzu: Gleich ein ganzes Bestiarium bietet das Bieler Ensemble La Grenouille im Stück Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute (ab 10 Jahren) auf: Paviane, Mufflons, ein Murmeltiermädchen leben zufrieden im Zoo. Bis ein junger Bär eintrifft, der Zebras komisch findet, den Alltag mit Fragen auf den Kopf stellt und der Ursache des Gestanks im Zoo auf die Spur kommen will. Und dann verschwindet auch noch das Nashorn…

Theater La Grenouille. (Bild: Guy Perrenoud)

Neben Kamel und Nashorn sind elf weitere Kinder- und Jugendtheater-Produktionen in der Lokremise zu sehen. Identitätsfragen sind häufig – Geschlechterrollen etwa, sowohl bei den Jüngsten (ab 5 Jahren) im Stück Ich heisse Name als auch für Jugendliche. Herkunft und Heimat werden in Wo dis Huus wohnt (ab 11) oder Go Tell (ab 14) verhandelt.

Anderswo geht es um Ängste: in Geh nicht in den Wald, im Wald ist der Wald (ab 8 Jahren) oder in Yark, dem Stück um ein Gruselmonster, das kleine Kinder frisst (ab 7).

Mit dabei sind führende Ensembles des Kinder- und Jugendtheaters in der Deutschschweiz: Vorstadttheater Basel, Theater Sgaramusch, Cie Tabea Martin, La Grenouille und andere, dazu die hiesigen Jungspund-Partner Figurentheater St.Gallen (mit Romeo und Julia) und Theater St.Gallen (dessen Jugendstück Mitte der Welt allerdings wegen Corona-Ausfällen abgesagt werden musste).

Äusserlich macht das Jungspund-Festival wie schon vor zwei Jahren auffällig auf sich aufmerksam: Auf dem Vorplatz der Lokremise hat das Kollektiv «hochhinaus» aus Brettern und Dachlatten ein «Loichtgeheur» aufgebaut. Weiter im Programm sind das «Schaufenster für professionelles Theaterschaffen» mit Kurzauftritten, die Verleihung des Prix-Assitej und Konzerte der JungSpundBänd.

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2