Auftakt zum dritten Jungspund, nach 2018 und 2020, in der Lokremise: Leiterin Gabi Bernetta äussert sich überglücklich, dass das Festival an der Pandemie vorbeigeschrammt ist und analog stattfinden kann – auch wenn die Auswahl der Stücke unter erschwerten Bedingungen stattfinden musste. Physische Begegnungen seien der Kern der Kultur.
Festivalleiterin Gabi Bernetta eröffnet Jungspund. (Bild: Tine Edel)
Daran und an ihre frühesten Erfahrungen mit Blauring-Theaterabenden erinnert auch Stadtpräsidentin Maria Pappa in ihrem Begrüssungswort. Regierungsrätin Laura Bucher betont per Videobotschaft, dass Kindertheater die gleiche Professionalität und Publikums-Aufmerksamkeit brauche wie das Erwachsenentheater. Und richtet ihre Rede ausdrücklich auch an die Kinder.
Die fehlen zwar, naheliegenderweise, am Eröffnungsabend. Aber Bucher behält dennoch recht, quasi umgekehrt – die Eröffnungsproduktion, Es Kamel im Zirkus des Cirque Loin, ist zwar für Kinder ab sechs Jahren gedacht. Aber sie zündet auch bei den Erwachsenen. Theatermagie… aber es liegt auch am Stück: Michael Fingers Cirque de Loin macht Zirkus zur Manege des Lebens, existentiell und trotzdem leicht, mit den Mitteln der Poesie und der Musik.
Ausbruch aus dem Alleinsein
Finger ist für einmal nicht der überlegene Zirkusimpresario, sondern ein trauriger Clown. Rote Nase, weisses Tütü, Schlarpen mit der Aufschrift CHILL OUT!, auf dem Kopf eine faltige Kappe. Finger schlurft in die Manege, furzt mit Saxophonen und Gaspatronen und hat nur seine Popcornmaschine im Sinn. Ein Kindertraum, dieser Stückauftakt.
Dann tritt das Kamel auf, Julia Anna Sattler, Tänzerin und eine wunderbar natürliche, wie aus dem normalen Leben ins Theater geratene Spielerin. Eine Nummer wird einstudiert, sie heisst «Clown macht Faxen auf dem Kamel», mit ihr drehen sich die beiden jahrelang im Kreis, eingesperrt in ihre Traurigkeit. Finger singt dazu das Lied vom «Elei-Sii». Elei schloofe, elei hüüle, allein mit dem Kamel-Heimweh nach der Wüste.
Kamel schleppt Clown. (Bild: Lucia Gerhardt)
Zum Glück nehmen die beiden eines Tages ihr Schicksal in die Hände und hauen ab. Machen Furore mit umgekehrten Rollen: «Es Kamel uf em Clown, e Weltsensation». Finden drei wunderbare musikalische Begleiter, die Band The Dromedars. Und natürlich kommt es zum Happy End unter dem gleissenden Wüstenmond.
Herzsongs und Musikpoesie
Fingers Mundartsongs, mal derb, mal versponnen, mal schräg und mal ernst, sind das Rückgrat des Stücks und gehen direkt ins Herz. Die Band mit Reto Ammann, Lorena Dorizzi und Adrian Egger trägt nicht nur die Songs, sondern liefert auch die Geräusch- und Klangkulisse zum Spiel, treibt die Bewegungen an, lässt die Müggli surren, die dem Clown das Leben schwer machen, zaubert Tiergeräusche in den nächtlichen Wald, singt und marschiert mit im Manegenrund.
Finger hat für sein neues Kinderstück auch sonst eine inspirierte und veschworene Truppe um sich geschart. Mitspielerin Julia Anna Sattler hat als Kamel alle Sympathien auf ihrer Seite und reisst den Clown immer wieder aus seiner Altersdepression. Die detailverliebten Kostüme und das Zirkusambiente samt glitzerndem Wüstenhintergrund haben Laura Oertle und Marisa Mayer geschaffen. Und im grossen Finale ist das ganze Hintergrundteam beschäftigt mit Ballonaufblasen und Popcornverteilen.
Zirkusfinale mit Ballonen. (Bild: Tine Edel)
Jonas Knecht, Schauspieldirektor und mit dem Theater St.Gallen Partner des Jungspund-Festivals, hatte zur Begrüssung Robert Schindel zitiert: «Man ist viel zu früh jung». Für einmal war hier, am Schluss des Zirkusstücks, kaum jemand zu alt, um noch einmal jung zu sein und sich zu freuen am Kinderspektakel.
Dass Theater verzaubern kann, weiss auch Frauke Jacoby, Leiterin des ebenfalls mitorganisierenden St.Galler Figurentheaters: In ihrer Rede zum Festivalauftakt erzählte ein roter Stöckelschuh eine ganze Liebes- und Generationengeschichte.
Identitätsfragen, Geschlechterrollen
Solche Verzauberungen sollen auch die nächsten zehn Tage bringen. Neben viel Live-Theater wird debattiert und analysiert, unter anderem an einem dreitägigen Symposium.
Jungspund Festival: 17. bis 26. Februar, Lokremise St.Gallen
Die Vorstellungen des Vorstadttheaters Basel sind ausverkauft.
jungspund.ch
Nächste Woche kommt zum Kamel noch ein Nashorn hinzu: Gleich ein ganzes Bestiarium bietet das Bieler Ensemble La Grenouille im Stück Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute (ab 10 Jahren) auf: Paviane, Mufflons, ein Murmeltiermädchen leben zufrieden im Zoo. Bis ein junger Bär eintrifft, der Zebras komisch findet, den Alltag mit Fragen auf den Kopf stellt und der Ursache des Gestanks im Zoo auf die Spur kommen will. Und dann verschwindet auch noch das Nashorn…
Theater La Grenouille. (Bild: Guy Perrenoud)
Neben Kamel und Nashorn sind elf weitere Kinder- und Jugendtheater-Produktionen in der Lokremise zu sehen. Identitätsfragen sind häufig – Geschlechterrollen etwa, sowohl bei den Jüngsten (ab 5 Jahren) im Stück Ich heisse Name als auch für Jugendliche. Herkunft und Heimat werden in Wo dis Huus wohnt (ab 11) oder Go Tell (ab 14) verhandelt.
Anderswo geht es um Ängste: in Geh nicht in den Wald, im Wald ist der Wald (ab 8 Jahren) oder in Yark, dem Stück um ein Gruselmonster, das kleine Kinder frisst (ab 7).
Mit dabei sind führende Ensembles des Kinder- und Jugendtheaters in der Deutschschweiz: Vorstadttheater Basel, Theater Sgaramusch, Cie Tabea Martin, La Grenouille und andere, dazu die hiesigen Jungspund-Partner Figurentheater St.Gallen (mit Romeo und Julia) und Theater St.Gallen (dessen Jugendstück Mitte der Welt allerdings wegen Corona-Ausfällen abgesagt werden musste).
Äusserlich macht das Jungspund-Festival wie schon vor zwei Jahren auffällig auf sich aufmerksam: Auf dem Vorplatz der Lokremise hat das Kollektiv «hochhinaus» aus Brettern und Dachlatten ein «Loichtgeheur» aufgebaut. Weiter im Programm sind das «Schaufenster für professionelles Theaterschaffen» mit Kurzauftritten, die Verleihung des Prix-Assitej und Konzerte der JungSpundBänd.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.