Es braucht nicht viel, um die Welt zu erschaffen. Knete in verschiedenen Farben, Musik, ein paar Sätze, Fantasie: das reicht. Zum Leben und zum Sterben.
Im neuen Stück des Figurentheaters St.Gallen ist die Welt ein Baum, davor ein grosser leerer Platz. «Gross, leer, Platz», mit diesen drei Wörtern jonglieren die beiden Spieler, Frauke Jacobi und Sven Mathiesen, erstmal so wild herum, dass es zum Lachen ist. Dann füllt sich der leere Platz mit Blume und Biene und Specht, der Baum fängt an zu blühen, es ist Frühling, und schon bald ist er da, geknetet wie am sechsten Schöpfungstag: der Mann, erst allein und ganz klein, bis Eva auftaucht und mit ihr die Liebe und der Streit.
Eins, zwei, drei… mit Sven Mathiesen und Frauke Jacobi. (Bild: Tanja Dorendorf)
Jacobi und Mathiesen kneten sich mit Lust und Fingerfertigkeit durch die vier Jahreszeiten, die zugleich ein Spiegel des menschlichen Lebens von der Wiege bis zur Bahre sind. Ein anspruchsvolles Unterfangen für die Unterstufenkinder, die dem Stück mit viel Aufmerksamkeit folgen, sich schallend amüsieren, wenn es Action auf der Bühne gibt, oder auch lauthals protestieren: Dass sich Männlein und Weiblein küssen und begatten, finden die Kids unisono «wääh» und «pfui». Zum Glück ist rasch ein Vorhang aus Knete zur Hand – der sich dann gleich weiterverwandelt in einen Teich.
Aus Äpfeln werden Bälle, aus der Biene eine Ente, aus einem braunen Klumpen ein Kind, das in Windeseile laufen und tschutten und singen lernt und den Eltern schon bald um die Ohren pubertiert. Solche Verwandlungskunst ist das Zauberrezept, aus dem die jüngste Produktion des Figurentheaters geknetet ist. Regie führt Sarah Fuhrmann, die Figuren schuf Johannes Eisele, die Bühne Karin Bucher. Eins Zwei Drei Vorbei wird, nach der Premiere im Rahmen von Jungspund, im März weiter im Figurentheater gespielt. Die Altersangabe «ab 4 Jahren» scheint etwas gewagt – denn das Stück geht bei aller Einfachheit der Mittel und «Logik» der Jahreszeiten aufs existentiell Ganze.
Fliegen lernen
Am Jungspund Festival kommen aber nicht nur die jüngsten Theaterkids auf ihre Rechnung. Das Lehrerzimmer – eine Passion und Herzwerk – Was Freude macht und Leiden schafft, die beiden Produktionen, die den Auftakt machten, werden ab 10 Jahren empfohlen. Das Basler Vorstadttheater legte mit den Szenen aus dem Innersten der Pädagogik – dem Lehrerzimmer – rasant vor, wie man hört – verpasst, Festivalpech… Die Zürcher TRIAD Theatercompany zog mit viel Klamauk nach. Herzwerk schickt vier Forscherinnen und Forscher (Eleni Haupt, Markus Mathis, Vivianne Mösli und Ingo Ospelt) auf die Suche nach dem Geheimnis der Konzentration.
ADHS ist in aller Munde; Jugendliche, welche die Theaterleute befragt hatten, erzählten davon, wie leicht sie ablenkbar seien und wie schnell sie ein «Knoten in der Leitung» vom Schaffen abhalte. Mittels «Konzentrator», einem verrückten Schubladenmöbel, machen sich die vier als «Team 7» auf ihre Mission. Und geraten immer weiter weg von der Wissenschaft – und immer näher heran ans wirkliche Leben.
Grosse Sprünge, harte Landung: Skispringer-Szene in Herzwerk. (Bild: Michael Zanghellini)
Zwischen Wissenschafts-Satire, Diskurs und Slapstick-Komik sucht das vom TaK Liechtenstein koproduzierte und von Eveline Ratering inszenierte Stück den roten Faden mit unterschiedlichem Glück. Vier exemplarische Fälle werden durchgespielt – der lebensrettende Faden der Ariadne, die Farbpassion eines holländischen Metzgersohns zu Rembrandts Zeiten, das Glück des Celloübens und die berührende Selbstfindungs-Geschichte des Toggenburger Skifliegers und «Vogelmenschen» Walter Steiner (der im Stück zwar anders heisst).
Was es für ein konzentriertes Leben braucht, ist am Ende zwar nicht wissenschaftlich messbar, aber umso körperlicher fühlbar geworden: gute Gefühle, eine förderliche Umgebung, Freude beim Tun und einen Menschen (oder auch einen Vogel), der an dich glaubt und dich auf dem eigenen Weg bestärkt.
Lob des ersten Mals
Im Grusswort erinnert Festivalleiterin Gabi Bernetta an den Anspruch, mit Jungspund den Theaterplatz St.Gallen zu bereichern und zugleich eine nationale Plattform für Kinder- und Jugendtheater aufzubauen. Lokal sind das Theater St.Gallen und das Figurentheater die Partner des Festivals, national ist es der Fachverband Assitej, der im Rahmenprogramm «Marktplätze» für den Austausch zwischen Theaterleuten und Schulen anbietet.
Jungspund Bis 3. März, Lokremise und Figurentheater St.Gallen
jungspund.ch
Zahlreiche Schulvorstellungen am Jungspund seien denn auch schon ausverkauft; die Website jungspund.ch informiert darüber. Noch weniger gefragt ist dafür das wohl experimentellste Stück des Festivals: das Tanzstück Hocus Pocus des Lausanner Choreographen Philippe Saire, das ohne Worte eine poetische Reise «zwischen Schatten und Licht» unternimmt (1. und 2. März, ab 7 Jahren).
Das Stück passt zu den Worten des St.Galler Schauspieldirektors Jonas Knecht im Programmheft: «Etwas können junge Menschen ganz besonders gut – nämlich Dinge zum ersten Mal tun. Und sie tun es mit Mut, Kraft und aus vollster Überzeugung: weil sie neugierig sind auf all die Erfahrungen, die sie noch nicht gemacht haben in ihrem Leben.» Genau dies hätten sie mit dem Theater gemeinsam, für das auch jede neue Produktion, jede Vorstellung ein «erstes Mal» sei.
Bei Jungspund wird es allerdings nach dem Willen der Veranstalter nicht beim ersten Mal bleiben. Das Festival soll künftig im Zweijahresrhythmus stattfinden.
Szene aus Hocus Pocus. (Bild: Philippe Pache)
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