, 25. Januar 2017
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Es ist, wies ist: völlig egal

Tadaaa! Das Programm ist daaa! Und damit treten wir ein in die erste Phase des Openairs St.Gallen: die angeregte Diskussion über die – je nach Perspektive – wahlweise erfreulich hohe oder bitter enttäuschende Qualität des Line-ups.

Openair St.Gallen: Die Diskussion ist eröffnet.

Stichwort Subjektivität. Es gibt natürlich Menschen, die sich überhaupt nicht fürs Openair interessieren, denen folglich auch die  Veröffentlichung des Programms völlig Wurst ist. Auf Würste, andere Würste, kommen wir aber später zu sprechen.

Dann gibt es jedoch dich und deine Freunde. Und ihr stellt alle eure individuellen Ansprüche ans St.Galler. Individualismus ist ja immerhin, nun, das bezeichnende Merkmal deiner Generation? Besonders am Openair, wo dieser Individualismus gut und gerne auch mal mit einem Strohhut und einer farbigen Sonnenbrille und einem frechen T-Shirt oder gar keiner Oberkörperbekleidung ausgedrückt wird, um die Einzigartigkeit ein für alle Mal in aller Deutlichkeit kollektiv auszudrücken.

Vielleicht trägst du aber auch kein freches oder nicht gar kein T-Shirt, nutzt die Tage in Zelt und Schlamm nicht, um ausnahmsweise einmal ein bisschen wild zu sein. Eine subjektive Meinung zum Programm hast du aber trotzdem.

Falls du jedoch zur wachsenden Gemeinde der Festivalpilgerer gehören solltest, die keine Konzerte besuchen wollen, die sich ausnahmslos für die Partys in den verschiedenen Lounges und Domes interessieren, ist Objektivität durchaus möglich. Dann bist du nämlich ganz objektiv ein hoffnungslos doofer Heini oder das weibliche Pendant dazu.

Zusammenfassend: Es gibt die Uninteressierten und die Interessierten, welche Letzteren sich in doofe Heinis und solche unterteilen, die individuelle Wünsche an ein Line-up stellen. Dann gibt es aber noch eine ganz andere Klasse von Menschen. Nämlich die Kulturjournalist*innen. Und die sind, merk dir das: objektiv!

Flexible Fakten

Journalismus soll der Leserschaft zur Informationsbeschaffung dienen und deshalb objektiv sein. Er ist es aber natürlich nicht, weil er von Menschen betrieben wird, die mehr oder weniger individualistische Individuen sind. Man erkennt das ganz leicht daran, dass eine WOZ anders über die Unternehmenssteuerreform III schreibt als eine NZZ.

Bei der «Basler Zeitung» forderte der Blocher-Protégé Markus Somm bei seinem Amtsantritt als Chefredaktor von seinen Angestellten – wie ein Angestellter erzählt hat, der die BAZ kurz nach Somms Amtsantritt verlassen hat – eine «bürgerliche Recherche». Recherche ist Recherche, könnte man meinen. Ist sie aber natürlich nicht. Weder bei der Wissenschaftlerin noch beim Journalisten noch bei Trumps alternativen Fakten.

Wenn aber schon Fakten flexibel sind, wie verhält es sich dann erst mit Kulturerzeugnissen? «Über Geschmack lässt sich streiten», heisst es. Natürlich lässt es sich über Geschmack am besten mit jenen Leuten streiten, die keinen haben, da die anderen normalerweise mit einem einig gehen. Aber je lebenserfahrener man ist, desto mehr realisiert man leider: Nicht alle haben keine Ahnung, die nicht dieselben Bands mögen oder hassen, die man selbst mag oder hasst.

Geschmack und Geschmacklosigkeit

Jedenfalls: Der grösste Teil des Line-ups ist bekannt. Und auf die Bekanntgabe wurde gestern medial reagiert. Einerseits beispielsweise mit der Feststellung, der Anteil von Bands, in denen auch Frauen spielen, liege bei unter zehn Prozent. Und jetzt kommen die Würste: Das OÄSG sei deshalb ein sausage-fest, ein Wurstfest. Eine gendertheoretische Analyse also.

Dann wurde auch geschrieben, es werde ein vielfältiges Programm für ein junges Publikum geboten. Abwechslungsreich an der Basis. Allerdings sei die Headliner-Etage mit den Toten Hosen, Biffy Clyro, Bastille, Alt-J, Justice oder Beginner etwas mager bestückt.

Das «St.Galler Tagblatt» erstellte auch eine Liste mit Bands, welche es gern am Openair hören würde. Auch da – absolut logisch: eine subjektive, limitierte Auswahl.

Wie aus dem Interview mit Openair-Chef Christof Huber deutlich wird, setzt er auf eine breite musikalische Palette. Andere Festivals haben sich auf einen Musikstil festgelegt. In St.Gallen will man für jeden Geschmack (oder jede Geschmacklosigkeit) etwas bieten.

Zu jung für Nostalgie

Ist es tatsächlich einfach eine Altersfrage, wenn man denkt: Früher gab es jeweils mehr Bands, die ich sehen wollte, als heute? Auch mehr unbekannte Bands, die interessant klangen? Oder war das St.Galler früher wirklich weniger eine Kommerz-Hure? Damals, als noch keine Dosenbachstände auf dem Gelände Gummistiefel und Flipflops verkauften?

Völlig egal. Es ist, wies ist. Den einen gefällts, den andern nicht. Und für Unzufriedene gibt es ja noch andere, auch kleine Festivals, wo sie spannende Bands entdecken können.

Logo – man kann versuchen, das Line-up objektiv zu beurteilen. So kann man sagen: Wanda haben die deutschsprachige Welt 2014 mit Amore – besonders mit dem Song Bologna – im Sturm erobert. Klar, auch das Folgealbum ist erfolgreich. Allerdings klingt es danach, als hätte die Band unter zu viel Kokaineinfluss zu schnell neue Songs geschrieben und diese dann unter zu viel Alkoholeinfluss zu grosszügig beurteilt.

An Bologna gibt es an Konzerten kein Vorbeikommen. Und so klingt Wanda zwei Jahre nach dem ersten Album bereits nach angestaubter Nostalgie.

Nostalgie ist schön. Die Toten Hosen werden eine gehörige Portion davon versprühen. Aber ob man Wanda zwei Jahre nach ihrem letzten Auftritt bereits wieder holen muss, das darf man doch infrage stellen. Zwei Jahre Bandgeschichte sind – mit Verlaub – ein bisschen wenig für Nostalgie.

Das Openair St.Gallen wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch dieses Jahr wieder ausverkauft sein. Sprich: Es gibt genügend Leute, die mit dem Programm soweit zufrieden sind, dass sie sich ein Ticket kaufen.

Wer jetzt aber wahnsinnig unzufrieden mit dem Line-up ist, tröste sich hiermit: Für das beste Schweizer Album des Jahres sind bei den Swiss Music Awards Beatrice Egli, Bligg und Trauffer nominiert. Alle drei fehlen glücklicherweise am Openair St.Gallen. Zumindest bis jetzt. Eindeutig ein Grund, ins Sittertobel zu pilgern.

Das Programm findet sich hier: openairsg.ch

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