«Du hättest mir ruhig sagen können, dass das laute Gitarrenmusik ist!» Das war der Kommentar eines Freundes nach dem Konzert der Herren Adam Angst auf der Sternenbühne am Samstag. Wir hatten uns vor dem Konzert getroffen und das übliche Festival-Band-Bingo gespielt.
Während ich ein wenig wusste, was da auf mich zukommt, hat er zumindest nach dem Konzert «Bingo» gerufen. Denn für Freunde der schnelleren Riffs und gehaltvolleren Texte hatte die 40. Ausgabe des Open Airs nicht allzu viel auf dem Programm. Doch als es pünktlich um 14.30 losging, überraschten die fünf dass Publikum mit einem boss-hoss-iesken Liedchen. Ein hübsches, folkig anmutendes Lied – aber mit einem klaren Statement.
Der Refrain: «Wenn ich eines hasse, dann die AfD». Und angepasst auf den Ort wurde die letzten Zeile dann verändert in «und hoffentlich ihr auch die SVP».
Platz für Pogo und Politik
Man könnte der Band an dieser Stelle billige Publikumsmanipulation oder Populismus unterstellen. Doch Adam Angst hat nicht einfach nur schnell Tante Google angeworfen und die passende Partei gesucht. Auf ihrer letztjährigen Tour zu ihrem selbstbetitelten Debutalbum haben die Schweizer LYVTEN den Support gemacht. Und zwischen Buffet und Bier hatte dann auch die Politik ihren Platz.
Nach diesem Einstieg hat der Sänger Felix Schönfuss die Gitarre weggelegt und es seinen vier Mannen überlassen, für laute Unterhaltung zu sorgen. Den Einstieg machte der Song Jesus Christus. Und mit damit war klar, dass auch die Pogofraktion an diesem Konzert ihre Freude haben wird. Und diese war denn auch bestens vertreten und nahm die Einladung zum exzessiven Tanzen sofort an. Platz dafür war vor der Bühne ja genug; geschuldet des eher zeitigen Slots und der Unbekanntheit der Band war das Sternenbühnenzelt gut gefüllt aber nicht voll.
45 Minuten hatte die Band Zeit um auch die Zweifler im Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Und wenn sie es mit ihren Songs wie Ja, Ja ich weiss oder Professoren nicht geschafft haben sollten, dann dürfte der Ausflug ins Publikum die Band auf der Sympathieskala definitiv in himmlische Höhen katapultiert haben.
Beim letzten Song, Splitter von Granaten, wagte sich der Sänger in den moderaten Matsch und mitten hinein ins Publikum. Während sich am Anfang noch ein bedächtig respektvoller Kreis um ihm bildete, war der Respekt beim Einsetzen des Refrains vorbei. Das Motto hiess dann nämlich mitspringen und singen.
Nicht-Liebeslieder zählen
Scheinbar grössere Probleme oder aber weniger Lust auf direkten Kontakt mit dem grossen Publikum hatte dagegen die Band AnnenMayKantereit. Vielleicht ist es dem Sänger Henning May auch schon genug Verantwortung, als mögliche Projektionsfläche für all die Maitli-Träume hinhalten zu müssen und will diese nicht noch zusätzlich befeuern. So singt er also mit auf dem Rücken verschränkten Armen und dieser unglaublichen Stimme von all dem was ihn bewegt. Oder wie es auf ihrer Website heisst: «Sie machen Musik wie sie ihnen gefällt. In ihren Liedern geht es um Liebe, Freundschaft, Verlust – das Leben».
An diesen Erfahrungen in musikalischer Form wollten denn auch viele teilhaben. Trotz stetem Regen war der Platz vor der grossen Sitterbühne voll. Aber AnnenMayKantereit sind auch gerade eine sichere Bank für jeden Booker; ihr Tourplan ist bis Mai 2017 aufgestellt und die meisten ihrer Konzerte sind schon jetzt ausverkauft. Und wenn man in die glückseligen Gesichter in der ersten Reihe geschaut hat, versteht man auch, wer all diese Karten kauft und gekauft hat.
Es war ein Herzschmerz-Konzert par excellence. Es wurde so oft ein Liebeslied angekündigt, dass es fast einfacher gewesen wäre, nur die anderen, die Nicht-Liebeslieder, zu nennen. Und so langweile ich mich nach gut der Hälfte des Konzertes. Es ist nämlich nicht mein Erfahrungshorizont, den Hennig da besingt. Natürlich hat es mir vor zwei Jahren auch dieses selbstgedrehte Video zu Barfuss am Klavier in die Facebook-Timeline gespült. Aber nur, weil Fettes Brot das Video geteilt hat.
Es wäre aber auch gelogen, wenn ich völlig unbeeindruckt gewesen wäre von dem, was AnnenMayKantereit dort präsentieren. Für mich ist aber Pocahontas nur eine Trickfilmfigur aus dem Hause Disney, über die Probleme in meiner Sturm und Drang Zeit lächle ich zusammen mit meiner Mutter bei Rotwein oder Rum Cola und ich weiss, dass auch mit über 30 das Leben noch lange nicht so klar ist, wie man das immer annimmt.
Portfolio ausweiten
Am Ende dieses Konzertes möchte ich Henning (und seinen Jungs) je eine Flasche guten Rum in den Backstage schicken und ihnen damit ein richtig gutes Besäufnis schenken. Einfach mal Reset drücken – so oft wie ihm scheinbar das Herz gebrochen wurde.
Ausserdem hoffe ich, dass die AnnenMayKantereit es selber irgendwann satt haben, die eigene Gefühlswelt zu besingen und ihr Themen-Portfolio ein wenig ausweiten. Denn mit ein bisschen Varianz in den Texten kommt vielleicht auch ein wenig mehr Abwechslung in die Präsentation. Also bitte, bitte Hennig, bleib nicht so wie Du bist.
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