«Krieg ich die Milch direkt ab Euter?» Es ist wie üblich: Die einen denken, sie seien besonders originell, die anderen haben dasselbe schon tausend Mal gehört. Die anderen sind Lara und Livia, zwei junge, hübsche Frauen aus Bern, die seit Jahren an den grossen Festivals in der Schweiz arbeiten. Lara seit drei oder vier, Livia schon sein sechs Jahren. Nein, ihr Männerbild habe das nicht geprägt, sagen beide. Aber von ihrer besten Seite lernen sie die Herren der Schöpfung dann doch nicht kennen.
Lara und Livia sind zwei fliegende Zmorge-Verkäuferinnen, die mit ihrem Wagen unterwegs sind. Um 6.30 Uhr müssen sie auf der Matte stehen. Dann arbeiten sie bis 13 Uhr. Sechseinhalb Stunden, in denen sie ihren Wagen übers Gelände schieben. Körperlich anstrengend sei das. Aber nicht nur. Es ist die Zeit, in der die jungen, süssen Teenager bereits ausgeschlafen sind und freundlich ihr Frühstück bestellen. Es ist aber auch die Zeit, in der die Hartgesottenen in Richtung Zelt oder weiss Gott wohin torkeln. Jene, die eine durchzechte Nacht hinter sich haben, jene, die kein Glück hatten, die allein sind, die ein schönes Sümmchen sexueller Energie angestaut haben.
Keine natürliche Barriere
Da kommen zwei hübsche Zmorge-Verkäuferinnen gerade recht. «Es ist anders als an den Bars», sagt Livia. «Wir haben keinen Tresen, der physische Distanz schafft.» Mit ihrem Wagen sind sie mitten in der Menge. Keine Barriere also. Wer will, kann ihnen sehr nah kommen. «Es reicht», müssten sie manchmal sagen, «geh weg.» Vieles ertragen sie aber auch stoisch. Sie haben sich daran gewöhnt. «Viele wollen am Festival mal so richtig die Sau rauslassen», sagt Lara. «Saufen und vögeln ist bei vielen die Devise.» Das gelte im übrigen für Männer wie für Frauen. Aber die Frauen sagen in solchen Momenten nicht: «Kannst du mich melken?» Es sind die Männer, die um Blowjobs bitten.
Das geht auch harmloser. Ein Küsschen wollen viele. Nur ein Küsschen. Oder auch ein Selfie mit den Mädels. Aber eben: Es gibt auch die Grabscher, die an Hintern und Brüste fassen, die aggressiv werden, wenn ihre Annäherungsversuche nicht auf Gegenliebe stossen, die beleidigen oder den Wagen bremsen oder wegschieben. Jene, denen sie die Grenze aufzeigen müssen, die mitten unter den Leuten eben fehlt. Am frechsten seien jene, die besoffen und in der Gruppe sind. Das gibt ihnen den Mut, den es für die sexuelle Belästigung braucht. Angst haben die zwei dennoch nicht. «Wir sind in einem öffentlichen Raum. Sorgen machen wir uns eher über jene, die wir am Morgen irgendwo herumliegen sehen.»
Finanziell entschädigt
Lara und Livia sind nicht Lara und Livia, wenn sie an Festivals Frühstück verkaufen. «Wir repräsentieren unseren Auftraggeber.» Freundlich müssen sie sein. Fluchen dürfen sie nicht. Flirten müssen sie nicht. Lara und Livia sind intelligent und haben Selbstvertrauen. Sie können sich wehren. Und zwischendurch gehen sie auch mal aus dem Gelände raus. Gestern zum Beispiel aufs Pedalo auf den Bodensee. Sie schauen nicht mehr so viele Konzerte wie früher. Dafür sind sie an zu vielen Festivals. Lieber haben sie zwischendurch ihre Ruhe.
Heute wollen Lara und Livia aber doch noch ein paar Konzerte sehen. Morgen ist dann ihr letzter Arbeitstag. Was die sexuelle Belästigung betrifft, sei das Openair St.Gallen übrigens bei weitem nicht das schlimmste Festival. Am Frauenfelder, wo der Altersdurchschnitt tiefer ist, und am Paléo sei es viel extremer. Ein Trost bleibt: Anders als die meisten Helfer sind Lara und Livia angestellt und erhalten Lohn.
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