Samstag, 23:53 Uhr, Sitterbühne: Bei Placebo weiss man, was man hat: Stadionrock par excellence. Ganz okay. Am besten ist die regenbogenfarbige Bassgitarre. Nebenan spielt Kalkbrenner. Bei Placebo lichten sich die Reihen, weil alles zum Fritz vor die Sternenbühne will. Flut im Menschenmeer. Freiwillig geh ich dort sicher nicht hin, egal wer grad spielt. Kalkbrenner hat Placebo also tatsächlich ausgestochen. Die Jungs aus London haben sicher auch gut was gekostet, darauf ein Foto:
01:03 Uhr, Marteria auf der Sitterbühne: Früher «bumbum-tschakk» mit Harris, heute alles ein paar Nummern grösser. Live-Musiker, brasilianische Backgroundsängerinnen und jede Menge Material für die ganz grossen Gefühle. Weiss nicht, ob ich diesen Weg gut finden soll, den Martria da einschlägt, aber die Strategie geht definitiv auf: Das Tobel kocht. Feuerwerk, Bass und Fackelschön. Geiler Scheiss! Abgesehen von den kitschigen Teenie-Hymnen dazwischen.
01:27 Uhr: Hätte mich auch enttäuscht, wenn Marteria im zweiten Teil nicht als sein Alter Ego Marsimoto auf die Bühne gekommen wäre. Und wie er gekommen ist: Basswand – massive! Alufolien-Trainer, Mittelfinger und Maske. Alles sagt: Schaut her, Marsi hat auch dicke Eier. Dann wird das Tobel vom Synthie geflutet, «St.Gallen leuchtet grüüüün!», schreit er ins Mic – Wissen wiiiiiir, Sanggalä olé! Ganja olé! Einer der besten Momente dieses Jahr.
01:56 Uhr: Da sind sie wieder, die 90er. Schade, dass auch Marteria endgültig auf den serviceorientierten Techno-Zug aufgesprungen ist. 2008 mit Deichkind war das noch was anderes. (Wieso nur mussten es Manny Marc und seine Frauenarzt-Gang so dermassen übertreiben?) Diesen dritten Teil hätte er sich meinetwegen schenken können. Zu billig, hat er nicht nötig. Er hat doch ein Händchen für Wortspiele und böse Beats… Was will er werden, die Helene Fischer des Rap?
Marterias Show ist wirklich reeeeally big und macht auch ordentlich Laune. Doch wie schon gestern bei den Chemical Brothers und anderen habe ich auch hier immer mehr das Gefühl: Alles zielt darauf ab, uns die ultimative Show zu bieten. Was sie auch ist, wenn man drauf steht, auf Kommando zu knien, zu springen und Parolen nachzuschreien.
Immer wenn man denkt, dass es vorbei ist, wird nochmal einer draufgesetzt. Wie im Aerobic. Die Dramaturgie erfüllt bestens ihren Zweck: Wenn der Beat nach der deichkindischen Sporteinheit wieder langsamer und das Licht wärmer wird, Marteria seiner erschöpften Crew und den Fans für die grossartigen Jahre dankt, in St.Gallen die grüne Familie heraufbeschwört und darauf ein Bad in der Menge nimmt, dann kann man fast nicht anders als sich mit der Tobel-Crowd verbunden zu fühlen. Schade, dass die Glaubwürdigkeit leidet je perfekter die Inszenierung ist.
Rococo-Bar, 02:09 Uhr: Vieles ist inszeniert hier unten. Ständig geht es um die Performance, nicht nur auf der Bühne. Die Show geht weiter in den Bars, bei den Zelten und im Gebüsch. Schliesslich soll das hier die beste Zeit deines Lebens werden, und die verbringt man nicht kotzend am Waldrand. Posterjack-Momente sind harte Arbeit. Deswegen ist Alkohol auch die falsche Droge fürs Openair beziehungsweise nur eine Komponente. Um die Leistung vier Tage lang aufrecht zu erhalten, setzt man auch im Tobel gerne auf zweckmässigere Substanzen. Egal ob Star, Gast oder Helfer.
Ich kann mir grad vorstellen, wie die Cops oben in der Stadt hocken und sich die Finger wund lecken beim Gedanken an all das Zeugs, was hier unten so die Runde macht. Hihi. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die meisten nur gerade so viel Halli-Halli machen, um dazuzugehören aber ja nicht aufzufallen. So richtig ab gehts nicht. Zumindest nicht offensichtlich. Versteh ich. Die Crowd videoüberwacht sich ja ständig selber, wer will da noch die Sau rauslassen…. Schade, das nimmt den Jugendsünden die Räume.
Darauf dieses Bild vom Sonntagabend, Last Piss Goodbye:
Ja, das ist der Securitas, rechts mit dem strammen Wädli. Das Telefonat des schwarz gekleideten Porschts habe ich mir ungefähr so vorgestellt: «Mami, los, me händ da mit denä Grenzä ustestet, wie du häsch wöllä! Nu d’Rebi hätt nöd so Freud ha. Dä Simi und üsen Kumpel schiffed etz extra nomol schnäll vodä Brugg abä. Mainsch da langet, dass mer öppis z’vezelä händ? Me wöred äbä gern haicho…»
Rosenbergstrasse, 05:52 Uhr: Unterwegs Back home, perfekt.
Hah. Dieses mal hab ich dich erwischt! Dazu: «Back Home» von der neuen Caribou. <3 #openairsg pic.twitter.com/hgHdpZTCqn — zufall quick pack (@corinneriedener) June 28, 2015
Hah. Dieses mal hab ich dich erwischt! Dazu: «Back Home» von der neuen Caribou. <3 #openairsg pic.twitter.com/hgHdpZTCqn
— zufall quick pack (@corinneriedener) June 28, 2015
Sonntag, 17:50 Uhr: Zurück in der Blase, Clueso ist im Sternenzelt. Hätte nicht gedacht, dass auch er auf Techno setzt. Was man nicht alles macht, um der Crowd nochmal so richtig einzuheizen… Das 90ies-Revival wird immer offensichtlicher.
18:30 Uhr, Sitterufer: Schräg, das Selfie mit Albert Nufer. Hockt nebenan, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen und fragt, ob ich eins baue. Bärtig like a boss. Haha, und ich hab geile Brusthaare!
Es beruhigt mich, dass er unsere Openair-Generation nicht viel anders erlebt als seine damals. Nur Geld habe man hier früher keines gebraucht, sagt er, weil man alles selber mitgebracht hat. Heute dürfen wir maximal drei Liter Alkohol reinnehmen, Geld braucht man aber auch keines. Nur ein Konto.
Seltsam. Drei Tage lang habe ich hier unten nach etwas Ruhe gesucht und dann finde ich sie unerwartet mitten im Getümmel, auf dem Bänkli der Stiftung Suchthilfe. Neben einer 72-Jährigen Legende, die mit mir zusieht, wie sich langsam die Abendsonne übers Tobel legt. Und vom gestrigen Stress-Konzert schwärmt. So konsequent wie Albert würde ich auch gerne jung bleiben.
Westhang, 21:15 Uhr: Endlich schrumpft das Tobel wieder. Die vielen Leute sind nicht nur für die Natur eine Belastung, ich hab sie ebenso satt. Der letzte Joint ist für Maya Jane Coles in meinem Ohr. Unten liegen jetzt nur noch die Überreste, verklebt mit dem Freudengeheul der Alltagsflüchtigen. Einmal die Spuren einer solchen Halli-Galli-Drecksau-Party zu beseitigen, sollte für alle Oberstüfler obligatorisch sein. All die PET-Flaschen, Stummel, Grips, Sofas, Tiermasken und Einkaufswagen aus der Natur zu fischen, würde die Zahl der Zeltleichen vielleicht nachhaltig senken. Nah am Leben wäre die Lektion jedenfalls.
Etwa 120’000 Leute haben an diesem Wochenende im Vergnügen gewütet. Jetzt wird es von den Helfern entsorgt, abgewaschen, zurückgebaut und wieder in Kisten verpackt. Gleich nachdem die letzten Bässe verklungen sind. Punkt Sonntag ist fertig lustig und genug nach der eigenen Haschpfeife getanzt. Keine betreuten Räusche mehr, morgen ist Arbeit. Hoffentlich bleibt dann vom Openair-Groove mehr übrig als ein müdes Lächeln beim «Töö tötö tö tö tööö tööö» der White Stripes.
Hier nochmal extra-imposant: St.Phallus oder die Hommage ans knechtige Leben.
Gut, gabs noch ne Afterparty, bevors zurück in die Knechtschaft geht. Während sich die anderen Openair-Gäste wieder auf machten in ihre Heimaten, feierte sich St.Gallen in Ruhe noch ein paar Stündchen selber:
Afterparty heisst es übrigens, weil man eben gerade nicht zuerst mal nach Hause geht, um zu duschen. Schön wars – danke, Baracca!
Bilder: co
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».