Donnerstag, 23:39 Uhr, Eingang Ost: «Ich mach eins von dir» – «Und ich von dir!» – «Und jetzt noch eins von uns beiden!». Selfies sind glatt, schon klar, trotzdem nervt die ständige Fotografiererei. La dolce vita muss nicht alle dreieinhalb Minuten dokumentiert werden. Wofür die schönen Posterjack-Momente? Sie verlernen uns das Erinnern. Hört auf, die Zeit eures Lebens durch eine Linse zu betrachten. Bitte. Ansonsten: passt. Lauter schwer beladene und leicht bekleidete Leute.
00:48 Uhr, Fressstände: So gemächlich wie man bekifft ist, kann man gar nicht durchs Gelände streifen. Ständig drücken sich Menschen an einem vorbei, alle sehr beschäftigt, alle top-gelaunt. Von überall her strömen die Leute zu den Bars und Bühnen. Immerhin: Je später es wird, desto gemütlicher kommen sie daher. Zur Abwechslung wieder mal ohne Schlamm bis zum Bauchnabel.
01:15 Uhr, Sternenbühne: Wichtig ist ein Platz, wo man nicht ständig den Atem der andern im Nacken spürt. Knapp draussen steht sichs am besten bei der Sternenbühne. Angelehnt an die dicken Spannseile, die das Zelt sichern, idealerweise etwa in Hüfthöhe, weil da nicht ständig jemand vorbeiläuft. Gute Musik braucht keine Light-Show, in diesem Fall bin ich froh drum. Sie vertuscht etwas den aufgewärmten 90er-Techno-Verschnitt von The Glitch Mob aus L.A. vorne auf der Bühne.
Sich ins Seil hängen also, mit halb zugekniffenen Augen in den Lichtern versinken. Kommt gut! Die ravende Menge, die Flashlights, der farbige Rauch. Im Zelt wird getanzt – komme, was wolle. Vorne thronen die Halbgötter mit ihren Maschinen, sakral inszeniert. Macht schon Eindruck, wie sie die Masse immer wieder von neuem aufpeitschen. Grosse Spanungsbögen und so. Etwas gar viel Neunziger für meinen Geschmack, zu viel Eurodance und Trance. Altbekanntes im 2015er-Tenue… Schade.
Töö tötö tö tö tööö tööö!! – Das glitchige Seven Nation Army-Cover treibt die Stimmung zum Höhepunkt. Wieso genau wird Glitch Mob derzeit so gehyped? Die Show kann sich ja durchaus sehen lassen, doch von der Genialität, die den Jungs oft nachgesagt wird, spüre ich zu wenig. Es heisst, sie konzipieren ihre Tracks «publikumsorientiert», setzen also auf das, was ankommt bei der Crowd. Ob das die richtige Herangehensweise ist, frage ich mich. Derzeit jedenfalls scheint die «Zielgruppe» wieder auf progessive, harte Beats und Strobos zu stehen.
04:56 Uhr, Rosenbergstrasse: Schön, diese Stille, die paar Schritte vor dem Einschlafen – grad extra noch die obligate Sonnenaufgangs-Stimmung vertwittern (oder, übersetzt, mit der warmen Dusche plöffen, die ich nachher nehmen kann):
Gooood morning st.güllenstan <3 #openairsg pic.twitter.com/HR8HwSzOHS — zufall quick pack (@corinneriedener) June 26, 2015
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— zufall quick pack (@corinneriedener) June 26, 2015
Freitag, 16:23 Uhr, Eingang West: Der Weg zum Gelände ist gesäumt mit Entsorgungsmöglichkeiten – es hat Kübel alle paar Meter. Die Abstände dazwischen betragen zwischen 30 und 50 Schritte. Ich brauche im Schnitt sechs Kübellängen, um eine Zigarette zu rauchen. Die Distanz vom Eingang West bis zum Zeltplatz beträgt ca. 35 Kübellängen. Eine kleine Dose Quöllfrisch zu trinken, dauert bei mir exakt 17 Kübellängen.
Beim Checkpoint stehen Leute von der Vollgeld-Initiative und sammeln Unterschriften. Darf man überhaupt Politik machen an solchen Massenveranstaltungen?, frage ich mich. Braucht es dafür nicht eine Bewilligung wie in der Innenstadt? Und vielleicht wichtiger: Gibt es eigentlich eine Promillegrenze fürs Unterschreiben einer Volksinitiative? Die Idee ist ja schon clever, im Tobel auf Unterschriftenjagd zu gehen, auch wenns etwas lästig wird nach dem dritten Mal fragen. Warum ist sonst niemand darauf gekommen? Unbedingt nachfragen am Samstag.
Eingang Zeltplatz, 16:47 Uhr: «Areal teilweise Videoüberwacht» – als wär das ne Überraschung. Rechts im Hang ein paar Zelte. Ernsthaft: Wer kann soooo steil schlafen?! Und wieso zum Teufel die elenden Fascho-Flaggen immer noch geduldet auf den Zeltplätzen?
17:08 Uhr, Sitterbühne: Aus der Kategorie praktische Plätze: Bei den Wellenbrechern ganz vorne und im mittleren Bühnenbereich lässt es sich am unbeschwertesten tanzen, ideal als Getränke- und Ballastablage. Money for Rope spielen. Die Orgelei der Australischen Rocker passt tipptopp zum Wetter. Der Keyboarder, tief über sein Instrument gebeugt, in hautengen Jeans, ist eine ziemliche Stimmungskanone. Ähnlich gut im Saft ist auch der Frontmann daneben, der seine Gitarre immer fast auf den Boden legt beim Spielen. Und Saxophon kann er auch. Nichts musikalisch bahnbrechendes, aber sehr okay zum Warmwerden. Und nebenbei wird auch gleich noch klar: Den Künstlern im Tobel ist es offenbar erlaubt, Dosenbier zu trinken. Uns anderen nicht. Schade, dass es Quöllfrisch nicht in der PET-Flasche gibt. Wie war das nochmal mit dem «gesunden Wettbewerb?» Und wo wir gerade bei den Monopolen sind: Gibt es abegesehn vom Philipp Morris-Sortiment auch noch andere Zigi-Marken im Tobel?
Sitterbühne, 19:15 Uhr, Royal Blood: Andere brauchen fünf solche Typen, um zu tönen wie die zwei Jungs aus Brighton. Bass und Schlagzeug, das reicht für eine anständige Wand. «Töö tötö tö tö tööö tööö», johlen die Fans. Hat der Gitarrist ihnen grad den Mittelfinger gezeigt?
Würd ich verstehen, ist ja ein Song der Konkurrenz. Mit Seven Nation Army ist ohnehin Seltsames passiert: Einerseits sorgt die Melodie kulturübergreifend und fast schon weltweit überall für Instant-Stimmung, andererseits ist das ziemlich geniale Stück der Whites genau dadurch regelrecht «verboulevardisiert» worden. Bei jeder Hundsverlochete muss dieses «Audiomaskottchen» mittlerweile als Stimmungsmacher herhalten..
Cash-Point, 22:14 Uhr: Ohne Münz und Nötli ist das Budget schwer überschaubar. Nicht gut für meinen Kontostand. Muss sowieso gelegentlich nachfragen beim OK, was da genau für Daten gespeichert werden im Chip am Handgelenk, und wie lang. Wenn ich ihn personalisiert hätte, wüsste meine Krankenkasse morgen dann, wie viele Biere, Wodka Cranberrys und Espressi ich an einem Wochenende so trinken kann?
Sternenbühne, Future Islands, 23:33 Uhr: Nicht so meins, obwohl ich eigentlich auf Wave-Sachen und Synthie-Pop stehe. Zu viel Plastik und Zuckerwatte. Furzende Einhörner. Gelungene Show, aber zu wenig Brüche und Ironie. Mir fehlt das Überraschende – dann doch lieber das Original aus den 80ern. Oder La Roux. Apropos Frauen: Warum nur hab ich Kate Tempest vorhin verpasst?
Chemical Brothers, 00:43 Uhr, Sitterbühne: Kaum recht warm, spielen sie schon ihren neuen Ohrwurm, den sie zusammen mit Q-Tip (A Tribe Called Quest) aufgenommen haben. Kommt gut, aber wieso so früh?! Und wieso komme ich mir vor wie an einem Scooter-Konzert? BPM um die 150, das habe ich nicht erwartet. Etwas hart, das… Henu. Wie man eine Show reisst, wissen die zwei Profis aus Manchester aber definitiv. Galvanize geht recht gut ab, und noch besser: Hey Boy Hey Girl.
Sehr tanzbar, hat sich ungefähr so angefühlt:
00: 52 Uhr, Fackelschön bei den Chemical Brothers: Irgendwo hinten im Publikum, gegen Ende etwas weiter vorne. Fühle mich fast etwas verwegen. Mittendrin. Und rundherum ist alles am Raven. Aber eben, ähnlich wie Glitch Mob gestern: viel 90ies, viel Strobo, unzählige und schier endlose Breaks. Haben wir das nicht eigentlich abgehakt in den 90ern? Vielleich liegt es ja an den vielen 90ies-Bildstrecken und Nostalgie-Listicals, die jetzt ständig irgendwo auftauchen. Zum Beispiel auf watson.ch. Genau, «Watson» ist Schuld am Rave-Revival. Passt wenigstens zur Stars & Stripes-Bar oben rechts auf dem Hügel. Dort läuft auch die ganze Zeit Dr. Alban und Eiffel 65.
Hier Nummer zwei, weils so schön war:
03:22 Uhr, Cotton Claw, Sternenbühne: Endlich Techno nach meinem Gusto, yay! Der Sound ist filigraner als die bisherigen Electronica-Acts, weniger überladen, aber nicht minder präsent. Cotton Claw liefern fantasievollen Downtempo-Techno mit allerlei Einschlägen aus Hip Hop, Dub und anderen Genres. Gemixt wird live, synchron nickend über vier MPC-Pads. Rhythmisch kommen die Tracks teilweise ziemlich komplex daher, doch sie sind wunderbar geschmeidig. Ziemlich housig. Kein Wunder: Die vier sind Franzosen. Ein perfekter Endspurt für die müden Beine!
06:39 Uhr, 24er-Tankstelle: Erschöpft und morgen vermutlich heiser. Zigis, Eierbrötli, Quöllfrisch: Menü eins – vielleicht zum letzten Mal. Entweder ist es die Müdikeit oder ich bin extrem einfach zu konditionieren: An der Kasse legt sich meine Hand wie von selbst auf den Kartenleser. Hätte ja sein können, dass man hier auch mit dem Openair-Bändel zahlen kann.
Highlight am Freitag: die Franzosen von Cotton Claw.
Bilder: co
Tunneleröffnung
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