Was haben wir dort nicht alles gemacht: Mit Taxifahrern gefeilscht, Notfall-Gummis besorgt, Zmorge, Wodka, WC-Papier. Rippchen im Jackensack hinausgeschleust (was heute hoffentlich verjährt ist), im letzten Moment doch noch jemanden abgeschleppt, Blumensträusse oder eine Wurst aufgetrieben.
Selbst wenn man nur rumgestanden ist, gab es einiges zu erleben: Beziehungskräche, Beziehungsenden und Happy-Enden, kotzende, johlende, herumtrohlende Olma-Opfer, Rockstars und Cervelat- Promis, die sturzbetrunken nach ihrer Limo(usine) schreien, Polizisten beim Feierabendbier, Politiker, Gastro-Leute, Sexarbeiterinnen beim Feierabendbier. Gerne auch am gleichen Tisch.
Wer dort zwischendurch einkehrte, fand sich allzu oft in einem erstaunlich vielfältigen Paralleluniversum wieder. In einem zusammengewürfelten, handglismeten, in dem sich so ziemlich alles getroffen hat – unabhängig von Beruf, Herkunft oder Einkommen. So fühlte man sich schnell zu Hause. Aufgenommen. Nicht zuletzt auch wegen der Kafis, Eingeklemmten und Chäshörnli, die man dort fast zu jeder Tages- und Nachtzeit bekam.
Obwohl: Einladend wars nicht. Nicht direkt jedenfalls. Manchmal musste man sich an grimmigen Taxifahrern vorbeidrücken, an grenzwertigen Polterabenden oder an geifernden Halbwüchsigen. Oder man musste über Kotzbrocken steigen, um noch ein letztes Bier zu ergattern. Oder über eine Benzinlache. Autos gab es dort nämlich mehr als genug. Was nicht gerade angenehm war, besonders wenn einer dieser Voll-Honks seinen SUV mal wieder nicht abstellen wollte, während er im Laden war. Ausser im Winter, dann konnte man sich manchmal auch als Nicht-Autofahrerin kurz an eine warme Motorhaube lehnen, solange er weg war.
Trotzdem: Es war ein guter Ort. Ein etwas verlebter zwar, aber gerade deswegen vermutlich auch ein Ort, an dem man sich selbst morgens um fünf nicht einsam fühlte. Manchmal reichte es schon, an die Menschen und die Cimbali-Kaffeemaschine hinter den immer hell erleuchteten Fenstern zu denken, um zu wissen, dass man nicht allein ist. Und notfalls gab es auch ein paar warme Worte an der Kasse. Nicht selten für den Preis einer Packung Kaugummis.
Draussen lernte ich einmal einen ehemaligen serbischen Paramilitär kennen, ein anderes Mal war es eine männliche Hure. Das sind nur zwei von vielen Beispielen. Ja, wenn man wirklich wollte, konnte man einiges über die Menschen erfahren, die dort ein- und ausgingen. Erfreulich war es nicht in jedem Fall. Aber so ist das mit den «Geschichten, die das Leben schreibt».
Am Unteren Graben geht nun eine solche zu Ende. Ab Ende Juni gibt es dort keine Einkehr mehr, keine Kotze, keine Schlägereien. Dreissig Jahre lang war dieser Ort für alle da. Nicht zuletzt für die rund 20 Angestellten, die dort teilweise jahrelang ihr Geld verdienten. «Gutes Geld», wie sie mir oft versicherten. Jetzt übernimmt die Uni.
«Ich werde das hier vermissen», sagte eine der Mitarbeiterinnen kürzlich. «Trotz Rambazamba: Es war eine verdammt gute Zeit.» – R.I.P. UG24, meine liebste Tankstelle.
Lichter aus im UG24: 30. Juni, 18 bis 24 Uhr, mit Kurzgeschichten zur UG24, the Selfies feat. Gee K, DJ Beat Drittenbass, Eintritt 20.-, beschränkte Platzzahl, Anmeldung: info@ug24.ch
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.