Auch in diesem Jahr hat der Wohlstandsabfall im Sittertobel die Gemüter erhitzt. Nicht zuletzt auch, weil den Medien der Zutritt zum Gelände verweigert wurde am Montag. Stattdessen verschickte das OK am Dienstag eine Medienmitteilung inklusive Fotos vom blitzblanken Sittertobel.
Im letzten Jahr erst hatte es ein Zelt-Rückgabesystem lanciert (10 Franken cash gab es für ein intaktes Zelt, das dann einem Hilfswerk gestiftet werden sollte). Leider war die Aktion ein Reinfall und die meisten Zelte unbrauchbar wegen des Wetters. Dieses Jahr kam dann das Zeltdepot: Am Eingang musste man für jedes Zelt 20 Franken bezahlen, dafür gabs eine Plakette, die beim Gehen wieder gegen das Depot eingetauscht werden konnte – sofern das Zelt auch mitging.
Drei Viertel wieder mitgenommen
Diese Erziehungsmassnahme hat offenbar besser funktioniert als die letzjährige Hilfswerksaktion: 3000 von 11’3000 Zelten seien liegengeblieben, schreibt das OK in der Mitteilung. «Nur» ein Viertel also. Littering sei aber ein gesellschaftliches Phänomen, heisst es weiter, wobei sich die Mengen in St.Gallen im Rahmen anderer Grossveranstaltungen bewegten, wie eine unabhängige Umweltstudie gezeigt habe.
Statt Flüchtlinge profitieren nun also die Veranstalter vom «Abfall» der gut 110’000 Festivalgäste. 60’000 Franken müsste ihnen das Depot der 3000 verwaisten Zelte eingebracht haben. Damit kann man vielleicht einen Teil der Aufräumarbeiten bezahlen oder die Sicherheitsleute, oder man könnte es ins nächste Line-Up investieren, jedenfalls ist es eine schöne Stange Geld.
Schade ist es trotzdem, dass das letztjährige Rückgabesystem keine zweite Chance erhalten hat. Schliesslich hätte man die restlichen Plastikhäuser trotzdem noch sammeln können, parallel zum Zeltdepot. Bei 10 Franken cash pro Zelt hätten sich bestimmt einige ins Tobel gewagt, trotz Regen, und bei 3000 Zelten hätte das OK maximal 30’000 Franken für einen guten Zweck hergeben müssen, also etwa die Hälfte des Zeltdepotgewinns.
Sieben Dächer über den Köpfen
Gut, dass es auch Menschen gibt, die sich ganz ohne Belohnung die Hände schmutzig machen und die Zelte dorthin bringen, wo sie gebraucht werden können. In diesem Fall waren sie zwar nur zu viert, aber immerhin haben sieben komplette «Überlebens-Kits» aus dem Sittertobel gerettet: sieben Zelte, sieben Matten, sieben Schlafsäcke und sieben Blachen samt Taschenlampe, Stiefeln und Sackmesser.
Die Zeltrettungsaktion wurde von Christian Fischer ins Leben gerufen. Der 22-jährige Kunststudent ist in der Nähe von Degersheim aufgewachsen, wohnt in Luzern und ist Teil des dortigen Mondoj-Kollektivs, «einer losen Vereinigung von Menschen mit und ohne Pass». Gemeinsam mit einem Mondoj-Kollegen und zwei St.Galler Aktivistinnen der Eritreischen Bewegung für demokratischen Wandel Ostschweiz (EYSNS) und der Aktion Zunder hat er sich am Sonntagabend durch die Zelt- und Pavillonberge gewühlt auf der Suche nach intaktem Material.
Je sorgfältiger die Zelte zusammengeräumt werden, desto besser ihr Zustand. «Unglaublich, was hier alles liegenbleibt», sagen die Aktivisten und schütteln immer wieder ihre Köpfe. «Das Sittertobel ist ein einziger Speicher, ein riesiges Vorratslager für Zelte, Decken, Kleidung und Schlafsäcke.» Vier Stunden später, morgens um zwei, haben sie alles in zwei ebenfalls gerettete Transportmöglichkeiten verfrachtet und ziehen wieder Richtung Stadt, um das Material ins Trockene zu schaffen.
Mit Bussen nach Calais
Am Montag wurde alles abgespritzt, gereinigt und sauber verpackt. Anschliessend ging es mit dem Gleis 7 nach Luzern, wo die Fracht noch gelagert wird, bevor es Anfang September mit Kleinbussen weitergeht nach Calais. In den dortigen Flüchtlingslagern werden Zelte nämlich dringend benötigt – nicht erst seit Ende Mai, als 200 französische Polizisten angerückt sind, um die improvisierten Unterkünfte von rund 550 Flüchtlingen mit Bulldozern zu räumen.
«Die Openair-Saison hat zum Glück erst begonnen», sagt Fischer am Mittwoch. «Wenn möglich, wollen wir die Aktion auch an anderen Orten wiederholen.» Eine nächste Gelegenheit böte schon am 13. Juli, nach dem Openair Frauenfeld. Fischer hat auch bereits Kontakt aufgenommen mit den Organisatoren und sucht weitere Verbündete für die Zeltrettungsaktionen – damit aus den Ostschweizer Einweg-Zelten, wenigstens für all jene ohne Dach über dem Kopf, wieder Mehrweg-Zelte werden können.
Am Montag: die Ausbeute der Zeltrettung
Nach dem Reinigen werden die Zelte, Matten und Schlafsäcke getrocknet,…
…bevor es am Dienstag auf den Zug Richtung Luzern geht.
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