Etwas ist mit dem Staubsauger. Da saugt die eine Schwester auf den Teppichen rum, und schwuppdiwupp macht er sich selbständig, fummelt an ihr herum, aus Putz wird Sex, inklusive Seligkeitslächeln und weichen Knien nach dem allerdings etwas vermurksten Höhepunkt. Und schon läuten beim Freudianer in uns die Alarmglocken, Schlauch, Phallussymbol, logisch, vielleicht gab es gar eine Missbrauchsgeschichte Vater-Tochter? Putzfimmel, Reinlichkeitswahn, klar, kennt man.
Oder ganz anders? Wir alle werden zu Staub, darum bekommt der Vater am Ende, als er unzweideutig tot ist, ein Stück vom Staubsauger als Grabbeigabe mit in die Kiste. Selten ein so pragmatisches Bild der Vergänglichkeit gesehen – das Publikum amüsiert sich bestens und wird gleich mit auf die Bühne geholt zum Mittragen und Gradhebe bei der finalen Sargprozession.
Familiäre Blähungen
Soror, eine Koproduktion der Truppen Cirque de Loin und Les mémoires d’Hélène, handelt von vier Schwestern (Newa Grawit, Martina Momo Kunz, Carolin Jakoby und Aedin Walsh), versammelt am Sarg ihres Vaters. Oder bloss zu seinem 70. Geburtstag? Am Schluss wissen wir mehr, aber sicher ist von Beginn weg: Der Sarg ist das Requisit, um das sich alles dreht.
Der wie ein Überseekoffer dekorierte Sarg dreht und wendet sich seinerseits, kippt in alle Richtungen, mutiert zum Rennwagen Marke Aebi oder schaukelt als Gireizi in den Zelthimmel hoch. Klappen öffnen sich, ohne dass ein Vater zum Vorschein kommt, die vier Schwestern stecken in ihm die Köpfe zusammen, um ihre alten Kinderlieder nochmal zu singen. Und handkehrum wird der Vatersarg zum Schläger und prügelt eine der Schwestern k.o.
Rund um den Sarg die alten Rituale: unglaublich komische Essrunden mit Zitrone und Zwiebel (es seien, von allen bisher 17 Vorstellungen des Stücks, die bisher schärfsten gewesen), dazu schweisstreibende Sarggymnastik, schaurigschöne «Amore»-Canzone, Jagden um den Sarg oder ein gnadenlos ironisches Busenrating.
Soror: bis 7. September, jeweils 20 Uhr, im Zelt auf der Kreuzbleiche St.Gallen
cirquedeloin.ch
Die Sprache ist lautmalerisches Kauderwelsch, dazwischen wird berndeutsch gemuht, italienisch geschmalzt oder holländisch geschimpft. Man versteht trotzdem einiges, sieht in den Töchtern den Vater, wenn sie sich besaufen oder abschwarten, bekommt die Scheisse mit, die der Vater angerichtet hat und die die Töchter unter Qualen oder mit Inbrunst aus sich rauspressen auf dem Topf, immer wieder.
Regressiv progressiv?
Man kann, wenn man will, munter assoziieren, kann die Szenen lesen als ins Groteske verzerrte Episoden eines Tochter-Vater-Traumas. Und man glaubt gern, dass sich das kindliche «Shoppyland» im kleinen Zirkuswagen, der Mädchentraum von einst, zum Alptraum verkehrt hat. Am Ende bleibt nur der Vatermord.
Und der Staubsauger. Der saugt sich fest und mit ihm ein Zweifel: Ob es unbedingt das ultimative Haushaltsklischee als Requisit sein muss, wenn vier Frauen ein Frauenstück spielen. Ob es das emanzipatorische Nonplusultra ist, wenn Frauen auf der Bühne die Sau rauslassen wie sonst ihre männlichen Kollegen. Ob Soror, wie in der Kritik zur Berner Premiere zu lesen war, ein Stück weiblicher «Selbstermächtigung» ist und sich «männliches Terrain» aneignet? Oder eher eine Konzession an (männliche) Feucht- und Angstträume: «Ohne Tiere – mit Titten» und «nix für Kids» steht marktschreierisch auf der Ankündigungstafel vor dem Zirkuszelt.
Es gäbe vermutlich auch weniger regressive Tabubrüche. Und dass da vier Frauen ein Stück entwickeln und sich nur Babysprache zugestehen – mann wills nicht recht kapieren. Aber gerade darum: Hingehen, selber urteilen, lachen über den mehr sinn- als jugendfreien Tumult, den die vier Spielerinnen im Zirkuszelt veranstalten. Den Klamauk Klamauk und die Lust Lust und den Furz Furz sein lassen. Letzterer ist übrigens hochmusikalisch, wie das Ensemble überhaupt.
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