, 5. Dezember 2017
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Go all the way #15

Varna. Heimat des Nicht-Wissens. Ruth Wili berichtet im Tagebuch ihrer Fussreise von St.Gallen nach Georgien über das Leben in der Stadt am Schwarzen Meer. Und dann die Entscheidung.

Einmal umgezogen, weil unser Appartement anderweitig vermietet war, aber wir sind weiterhin in der Stadt. Es ist kühl geworden, die Bäume verlieren die letzten Blätter, welche, täglich gewischt von den Frauen mit braunem Teint, sofort zu Matsch werden auf den Strassen und den wackligen Gehsteigen. Einen Tag hats richtig grosse Mengen geregnet, da wurden Strassen zu flachen, schnellen Bächen. Oder zu unüberwindbaren Lagunen. Zumindest für FussgängerInnen. Die Autos schoben sich in Fontänen vorwärts.

Ich hab selig in einem englischen Buchantiquariat zwei Bücher gekauft. Welch ein Luxus nach fast neun Monaten. Kann lesen. Zwischendurch. Ich bin in einem wogenden Auf und Ab. Deanna vom Antiquariat hat sich bereit erklärt, mir zu helfen, ein ausbruchsicheres Geschirr für Pluto aus Deutschland zu bestellen. Ich habe keine Adresse. Es hat sich als notwendig herausgestellt. Der Vollblutjäger steht noch an der Startlinie, wenns um Impulskontrolle geht. Die Häuser entpuppen sich als tolles Hilfsmittel. 1 x ums Eck, wenn er (oder – vorteilhafter: ich vor ihm) was gesehen hat – wegführen lässt er sich zum Teil schon relativ gut –, dann kriegt ers hin, sich hinzuhocken, anstatt in vehementes Tanzen zu verfallen.

Im Park, im Theater

Heute hatte ich die suboptimale Idee, uns einen Ausflug in den Park zu gönnen…  Das war ein Voll-Flop. Viele Hunde, viele Katzen, und kein Eck, um  das man verschwinden kann. Ich sterbe einige Tode, bis wir wieder draussen sind und in den Häusern. Versuche, uns über eine Unterführung am raschesten aus dem Park zu bringen. Was  ein anderes Problem mit sich bringt. Pluto hat Angst da unten, wird wieder zur Spinne, zu einem Krabbeltier. Egal sein lassen, wer was denken mag. Bei meinen Tieren sein. Geduldig und ruhig Pluto lotsen. Ich übe mich darin, Menschen, die sich an seiner «freudigen» Art (es ist Nervosität) freuen und sofort mit ihm in Kontakt treten wollen, zu bitten, das zu unterlassen. Es bestätigt ihn, dass Stress zu etwas führt. Fahre gelegentlich Unverständnis oder unfreundliche Reaktionen ein. Einstecken. Zentriert bleiben. Fühlen. Bin ich scheps, selber gestresst, sage aus Frust Nein? Oder bin ich in Liebe, Pluto nicht im Stressmodus zu bestätigen? Pluto rollt sich ko. ein, als wir endlich daheim sind. Später, als wir drei eine Runde kuscheln, «plaudert» er.

Gestern Abend war ich eingeladen von der freundlichen Buchhändlerin. Sie hatte Karten für einen Stummfilm mit Jazztrio und bulgarischem Frauenchor. Ich habe mir die Seele rausgeweint. Diese grellen, gellenden Stimmen in dem riesigen Saal, die wunderschöne Geschichte «la belle Nivernaise». Ein Konzertsaal, dessen Architektur mich ans Theater St.Gallen erinnert. Viele Emotionen. Ehrfurcht für die Arbeit, die dahintersteckt. Das ist seit sehr langer Zeit das erste Theatererlebnis, in welchem ich pur und durch und durch Zuschauerin bin! Diese Welt hat Zauber! Ich fühlte es nicht mehr, als ich Inspizientin war. Es war Handwerk, Arbeit. Ich muss aufstehen beim Klatschen, die Wangen sind nass. Und ich hab Panik, kein Geld mehr zu haben.

Und nun antwortet das Leben

Das Ende unserer Reise hat sich in Varna aufgelöst. Ich werde nach der Rückreise nicht bleibend in die Schweiz zurückkehren für mindestens ein Jahr. Sonst müssen wir unseren Dritten im Bund zurücklassen. Er hat eine verkürzte Rute. So ist das Schweizer Gesetz. Ich freake. Fühle aber eins klar: Pluto aufgeben ist nicht gemeint. Er schiebt mich mit solcher Intensität vorwärts, zu wachsen. Abgesehen davon, dass ich den Kerl zu lieben angefangen habe. Ich verschiebe den im vergangenen Januar gebuchten «Rück»-Flug von Tiflis nach München nach hinten, bin aber danach so neben mir, weil ich gar nicht weiss, ob wir überhaupt von Tiflis nach München fliegen, dass unser Nachmittagsspaziergang ein kleines Desaster wird. Ich weiss nicht, wo wir leben wollen!

Immerhin kapiere ich: Nur weil mir grad gefühlt alles an Sichergeglaubtem um die Ohren fliegt, heisst es nicht, aus Stress Fehlentscheidungen zu treffen. Korrigieren. Den Flug zu kennen ist nicht dran. Was nicht dran ist, bringt mich weg von mir. Wahnsinn, wie viele Dinge man glaubt, tun zu müssen, nur weil sie von aussen oder von einem inneren Stressprogramm an einen herangespült werden. Ich bin voll in die Falle getappt. Ich spüre hin. Tu mich drei Tage sauschwer, winde mich, ihn zu stornieren. Finanziell warnblinkt der Kopf. Und darunter sickert langsam etwas durch: ich bin aufgebrochen, mich freizulaufen. Und ich habs getan, über alle Hindernisse. Und nun antwortet das Leben. Bleib frei. Pack nichts ab. Fühle, wo Du leben willst. Ich heule viel. Die Antwort fühlt sich so gross an. Und doch spüre ich: es geht hier nicht darum, ein Jahr klinisch abzupacken, um zurückzukönnen. Der nächste Schritt ist, Freiheit anzunehmen. Ich hänge den Stern in den Himmel, mich davon leiten zu lassen, was Weite in mir auslöst. Wo Enge entsteht, ist nicht der Weg. Und übe mich darin, das zu unterscheiden von mühsamem Adminkram, der erledigt werden muss FÜR uns. Varna.  Auf und Ab.

Nächstens kommt der Schiffsfahrplan raus! Hunde dürfen aufs Schiff. Yeah!!! Das wird noch einiges an Veterinärkram mit sich bringen, aber das werden wir schaffen. Ich selber werde neu ein Visum brauchen. Auch das hat Wundertüte Pluto so mitgebracht. Denn wenn wir einreisen, «müssen» wir mindestens drei Monate bleiben, ehe wir wieder nach Europa kommen dürfen. Anerkennen, dass es grad viel ist, was uns von aussen zu bestimmen versucht. Innere Flügel ausbreiten! Alles wird sich zur richtigen Zeit zeigen. Gestern war ein klarer Impuls da, Hundebetten zu kaufen. Daheim-Gefühl. Die beiden lieben es, sich einzurollen, nun wo die Tage kühler werden. Ich hab Winterhosen, einen Pulli, ein Hemd, ein Halstuch in einem feinen Secondhandladen gekriegt.

Und noch ein Impuls kam. Zum Leuchtturm 70 Kilometer von hier fahren! Mein Patenkind hat mir, ohne zu ahnen, wieviel mir genau dieses Bild von ihr bedeutet, einen Leuchtturm gemalt zum Aufbruch meiner Reise und der hat mich begleitet und hängt hier in der winzigen Küche. Zum Leuchtturm!

Mehr weiss ich nicht. Und es ist in Ordnung.

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Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Anfang Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

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