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Go all the way #9

«Diese Reise ist ein tägliches Aufbrechen ins Nichtwissen»: Ruth Wili ist seit bald sechs Monaten zu Fuss unterwegs von St.Gallen nach Georgien. Hier ihre Flaschenpost aus Užice, nach einer langen Etappe vom bosnischen Višegrad über die Grenze nach Serbien.
Von  Gastbeitrag

Užice. Ich kontrolliere noch die Kette am Gartentor, rufe Rubi, die grad die Ihren mit Liebesbekundungen verabschiedet. Sie kommt mit rein. Homer liegt wie Gusseisen. Ich schliesse die Haustür ab, verriegle die alte Doppeltür von der Küche in den Garten. Rubi startet die vorletzte Liebesattacke auf Homer. Noch ist nicht geklärt, wo und wie die zwei ihre Schlafplätze finden. Klar ist erst: Rubi will bei uns sein. Erst schauts aus, als wollten die zwei sich bei einander einkringeln, aber das wird Homer nun doch zu intim. Er verzieht sich in die Küche.

Ich beziehe das Bett, leg vorschlagshalber zwei Decken aus: vielleicht passt das. Schliesse die Fensterläden, dusche. Zikaden. Entfernt wirkender Stadtlärm. Die Geschichte hat nicht aufgehört und nun ruhen wir hier in einem Haus, in welchem wir eingeladen sind, zu bleiben, solange wir wollen. Einem lichten, pavillonartigen Haus circa aus den 1950ern. Einstöckig, Fischgratparkett, grosse alte Küche. Von Reben überwachsene Terrasse, umzäunter Garten.

Wir allein. 

Nach zwei Stunden Kaffee haben Slađa und Marta mir den Schlüssel in die Hand gedrückt, ihre Telefonnummern hinterlassen für den Fall, dass wir was bräuchten, und haben sich mit «Ihr sollt nun ruhen können» verabschiedet.

Wir waren gestern in einem Tag von Višegrad nach Mokra Gora gewandert. Nach Serbien. Rums, rüber. Entweder stand zur Debatte: fünf Tage Višegrad, damit hätte ich die nächste Videokonferenz mit meinen Kolleginnen und Kollegen, die an ihren Projekten arbeiten, noch auf bosnischem Territorium machen können – ich leite diesen kommenden Call, bin etwas aufgeregt, ich und Technik… und nun ich und Technik und fremde Sprache und Schrift und wieder neues Land… Andere Option: In vier straffen Tagen nach Užice, wo Internet mir organisierbar scheint. Internet, so wie es mir für diese Telefonkonferenzen dient, zu organisieren, hat in Bosnien drei Stunden gebraucht. Und fünf Geschäfte. Und zwei Übersetzende. Ich will also realistisch sein. Užice plus funktionierendes Internet! Ambitioniert, aber das wird klappen!

Tag eins: Shot down. Ich kann nicht aufstehen. Das ist unorganisch. Das ist Disziplin. Das geht nicht. Und ich finde nicht einmal den Willen, zumindest zum Motel zwischen hier und der Grenze zu gehen. Zehn Kilometer. Nix geht. Višegrad ist nichts für uns. Ich hadere, kanns irgendwann annehmen und fühle erneut Vertrauen. Druck raus. Es wird gut kommen. Auch wenn ich nicht weiss, wie. Morgen ziehen wir los.

Die bosnisch-serbische Grenze, mit Homer.

Tag 2: Abmarsch 4:15 Uhr. Noch dunkel. Toll! Erfahrungsgemäss wird es ab 11 Uhr eklig heiss, das heisst vorher ankommen! Es klappt: um 9:45  Uhr sind wir da! Mokra Gora. Zwei türkische Kaffees. Wasser. Nach einem emotionalen Taucher – die Müdigkeit zieht manchmal plötzlich den Stecker – finden wir ein Zimmer. Überteuert, aber ich bin zu kraftlos zum Märten. Am Nachmittag geht ein Gewitter los, dass unsere Lungen und Poren jubeln – wir drinnen! Atembare Luft!

Tag 3: Der Wecker klingelt erneut um 3:30 Uhr. Nach dem gestrigen Gewitter äuge ich auf die Wetterprognose. Bewölkt! 6er im Lotto. Stelle den Wecker auf 6 Uhr und falle selig zurück ins Bett. Als er klingelt, steh ich mit Elan auf. Los! Gesegnet mit 20 Grad! Ein Tunnel zwingt uns zum Umrunden des Berges, da FussgängerInnen verboten sind. Ich respektiers. Blicke in üppig grünen Wald und im richtigen Moment die einzigen Menschen, die mir bestätigen, welcher der drei Wege unsrer sei. Nach 13 Kilometern ein zweites Frühstück für uns beide. Kaffee für mich. Ich hab den Rucksack stehen gelassen und als ein Auto davor hält, überkommt mich eine solche Lust, dass er gestohlen wird… Gepäckfrei gehen!

Noch getrau ich mich im neuen Land nicht auf Feldwege. Aber ab hier ists nun eine dreistellige, heisst richtig schön kleine Strasse: super! Nach 22 Kilometern stellt sich raus: Zimmer gibts hier nicht. Egal! Bei der Temperatur schreiten wir ohne Erlahmen aus. Mal schauen, wer von uns wann müde wird, nun wo die Hitze nicht die Zeit angibt. Ich fühle mich energiegeladen. Kilometer 34: weitere Mahlzeit. Wir hauen rein, hocken einen Moment innig und weiter gehts. Tipp erhalten: bei einem Market rechts ab, dann seiens vier Kilometer weniger nach Užice. Užice. Das ist irr. Das wären zwei Tagesetappen. Das sind 46 Kilometer. Užice? Das ist der Ort, wo wir eine Einladung haben zum Übernachten und einen Kontakt für den Fall, dass wir irgendetwas bräuchten. Užice ist, wo ich gar nicht weiss, wie mit diesen Einladungen umgehen.

Danke Leben!

Rückblende: Wir waren von Sarajevo aufgebrochen. Ich war frühmorgens gereizt, da ich zwar spürte, dass Aufbrechen dran ist, aber keinen Schimmer hatte, wohin. Und Sarajevo zu verlassen auch mit Schmerz verbunden war. Die Stadt hatte sich tief in mein Herz gewühlt.

Da lag plötzlich eine alte Strasse, nun Wander- und Radweg. Und wir durften diesen im Schatten gehen.

Dann, zwischen Abfall: das Kätzchen. Haut und Knochen. Ich nehm das Häufchen hoch und sage ihm, dass wir einfach bei jedem Haus fragen. Irgendwer werde da sein, der oder die es aufnimmt. Flöhe… Homer hält zum Glück eh Distanz, so wie das Kleine faucht, ich hoffe, ich werde duschen können. Homer ist angegurkt, meidet mich, da mit Katze. Wir müssen bald wieder auf die grosse Strasse und ich fühl mich akut überfordert und verloren mit der Situation. Kätzchen jetzt zurücklassen? Keine Option, nicht hier, nicht jetzt. Nein. Es war richtig, sie nicht sich selbst zu überlassen. Ich weiss dennoch nicht weiter. Bleibe nur beim Gefühl, dass es stimmte, sie nicht im Stich zu lassen. Mehr kann ich grad nicht. Und bitte das Leben um Hilfe.

Ein weisser neutraler Kleinbus hält neben uns. Ob wir mitwollen. Ja! Bitte!!! Rein. Danke!!!! Und danke Leben!!!  Als wir drin sind, seh ich mehrere leere Hundeboxen hinten. Es sind drei Tierschützer. Auf dem Weg, ein paar Hunde aus dem Todesshelter in Prača zu holen. Ob sie vielleicht auch für ein Kätzchen Platz hätten? Es wird sofort aus der Tasche geholt und mit rundem, warmem Ja begrüsst. Schnurrkonzert. Und als ich, der Fahrer fragt danach, sage, wo wir heute in etwa hinwollen, meint er: Er habe eine Freundin in der Nähe, wir führen bei der vorbei, vielleicht könnten wir dort übernachten.

Und dann hat Caki, der Fahrer, das gepostet und dann hats Einladungen geregnet.

«You are Ruth!»

Kilometer 38. Ein kurzer Anfall von: Ruth, du bist irr. Du hast nicht einmal Slađa angerufen. Ich wusste ja nicht, dass wir heute soweit kommen! Abgesehen davon: Nur weil sie uns ein Nachtlager angeboten hat, heisst es nicht, dass sie alles stehen- und liegenlassen muss und unsere Lösung zu sein hat. Es ist niemand dafür zuständig, meine Probleme zu lösen. Diese Reise ist ein bewusstes tägliches Aufbrechen ins Nichtwissen, und daran möchte ich nichts ändern. Auch wenn die Einladungen wertvoll sind! Ich will sie annehmen, wenn es stimmt, und nicht einfach, weil es grad günstig ist. Und das heisst im Moment: offenlassen, spür grad nicht, was stimmt.

Blick auf Užice.

46 Kilometer und nicht wissen, wohin. Mich überrennt im Runtergehen doch die Panik und ich google «Hostel». Beim dritten Versuch, durchzukommen, strauchle ich und liege auf der Strasse. Meine treue Hose hat nun auch ein Loch im Knie. Dezent ist anders. Knie aufgeschlagen, nicht schlimm. Knöchel? Geht! Glück gehabt! Homer ist angerannt und leckt mir das Gesicht. Ich lebe, mein Herz! Rucksack ausziehen, ich bin wie ein Käfer auf dem Rücken. Auf. Liebes Leben, ich habs kapiert: Runtergehen. Ankommen. Dann fühlen und schauen, was stimmt. Das ist unser Ort und wir werden hier schlafen. Keine Hektik nötig.

Als es sich nach Zentrum anfühlt, hocke ich auf eine Bank. Was nun? Ist das Ankommen? Ich zücke erneut mein Handy, aber in dem Moment spricht mich eine Frau an. «You are Ruth!» «Yes, but…». Sie habe die Kätzchengeschichte gelesen und ob ich eine Unterkunft suche. Ob ich denn wüsste, dass mich eine Frau hier unbedingt beherbergen wolle? Sie habe ein Burekgeschäft hier ums Eck… Zehn Minuten später steuert Slađa auf mich zu und wir fahren zu ihrem Haus. Es ist das Grosselternhaus, das sie uns ganz. Einfach. Überlässt. Homers Müdigkeit ist weggepustet, Rubi, die zweijährige Streunerin, die hier Aufnahme gefunden hat, und Homer sind im siebten Himmel.

Was ich weiss: Ich hab sowas noch nie erlebt. Wir sind bald sechs Monate unterwegs. Aufgebrochen mit viel zuviel Gepäck. Schwer an Sicherheiten geklammert. Schritt für Schritt kann ich sie loslassen, werde leichter. Angefangen hats mit dem Wissen um den Weg. Dann verzichtete ich aufs Reservieren von Zimmern. Vor einem Monat ging auch das Zelt weg. Meine klammernden Hände lösen und annehmen, was das Leben uns schenkt. Wieder ein neues Land, Lust, dass der Rucksack geklaut wird. Wir werden hier einen Moment bleiben und ruhen, spüren, was das mit weiter Gepäckreduzieren auf sich hat. Ich hätte, wie ich hier so sitze, Lust, meine eingestellten Habseligkeiten auf 10 Prozent zu reduzieren. Muss warten. Hier bleiben! Solange wir wollen.

Tag 4: Wir faulenzen von Kopf bis Fuss. Ich freu mich auf den Call morgen. Serbisches Internet hab ich – dank Emir Kusturicas Liebe zum Ort; der Filmemacher engagiert sich für Stadtsanierungen in der Region – seit Mokra Gora.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund sechs Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.

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