Kategorie
Autor:innen
Jahr

Go all the way #6

Hitzetage. Ein Haus, das an ein anderes erinnert. Ruth Wili ist auf ihrer Fusswanderung zum Schwarzen Meer im kroatischen Sommer unterwegs. Hier ihr sechster Tagebuch-Bericht
Von  Gastbeitrag

Golubić. Ein Tritt führt rauf für raus. Durch die dicke Flügeltür aus ölweiss gestrichenen Längs- und Querbalken. Lebendig, das Schieben des eisernen Riegels durch die Ösen weckt ein Dorf. Ist die Tür einmal offen, bleibt sie offen.

Ein grosser Käfer will als erstes auf die Beine gestellt werden, ein gliederreicher Wurm auf Beinchen durchquert, von uns gestört, die vielen Fliesen. Die Spinne mit einem fehlenden Bein macht ihren Morgengang vom Scharnier ins sichere Eck, und in der rechten Spüle der dort lebende, leicht panische Tausendfüssler. Herdplatte einstecken. Kaffee (hatte es!) und Wasser ins Emaille-Kännchen. Erstes Tageslicht. Pferd und Esel sind noch nicht aufgekreuzt, die Verscheuch-Aktion der alten Frau mit Hund von gestern Abend hat gefruchtet. Als der Kaffee überkocht, sitz ich an den langen Holztisch mit dem Plastiktischtuch drauf. Homer legt sich nach getanen Früh-Erkundungen vor die Tür und überwacht, wie der Tag von links kommt. Der Plastiksack mit Notizbuch, Handy, Leine und seinem Spielzeug sind mit runtergekommen. Es gibt keine innere Verbindung im Haus. Du schläfst oben, an der schlafenden Terrasse vorbei die Treppe hoch, schlängelst dich durch die inkompatible Doppeltür rein, den halben Stolpertritt nach 50 Zentimetern hoch, fallend oder gehend, den Flur entlang. Letzte Tür links, haben wir bezogen. Direkt vorm Bad. Ein Minifenster, unstrategisch platziert, zum Wetter hin. Gerade so gross, dass du spüren kannst, die Welt draussen existiert. Manchmal als der freche Esel und das neugierige Pferd, manchmal nur als Wind. Im übrigen ruht hier bloss Schlaf. 

Zähneputzen, Duschen, wenn Zisternenpumpe und Boiler arbeiten. Die Bottich-Flasche mit Trinkwasser für erste oder letzte Schlucke, die Handvoll persönliche Dinge, die lustigerweise im Schlafzimmer wohnen wollen, auch wenn ich sie dort nicht brauch (und wir sind seit zwei Jahren, so das Gästebuch, die einzigen Gäste). Mit Aufstehen verschwinden sie aus dem Leben, soweit sie nicht in der Tüte mit runterkommen. Das Sofa unten, vis-à-vis vom Herd, neben dem nun für uns eingesteckten Kühlschrank, mit der Decke und den zwei Kissen drauf, die Homer zwischendurch rausträgt zwecks Komfort-Liegen, ist zentraler Ort. Homer zieht sich dort zurück, wenn er genug geschaut hat draussen, oder aber, wenn ich gerade seine Polenta mit dem Ziegenkäse koche, von der Frau nebenan. Buddelt sich darin ein, nur die Satelliten-Ohren auf Empfang.

Mein zentraler Ort: der Tisch. Hier sitz ich. An der offenen Flügeltür, vielleicht sieben Meter zwischen mir und der Strasse, auf der alle Stunden mal ein Auto vorüberfährt. Ich am Abend den Ziegenkäse für den nächsten Tag hol und kühlstelle. Diese Tür bloss zweimal am Tag schliesse. Wenn wir spazieren gehen, und wenn wir zum Schlafen vor der Welt nach oben verschwinden. Fast nichts stimmt mit meinem Bild vom Haus in Georgien überein. Das hier hat dicke Mauern aus Stein und Zement, kein warmes Holz. Kein Fenster, das nach Westen weist und unter dem ich sitz und schreib, die Tür im Rücken. Keine Buschwaldhügel, auf die ich beim Schreiben schaue. Und doch.

In Ličko Cerje lagen die Hügel. Ich sah sie plötzlich, als ich – wie immer, wenn die Möglichkeit besteht, den Tisch mit Stuhl ans Fenster rückte – da sass und schrieb und es stimmte, was ich schrieb, da plötzlich wurden sie mir sichtbar. Etwas weiter weg als in meinem Traum. Ich nicht leicht erhöht auf sie schauend. Und doch: Der Blick stimmte. Wie ein Puzzleteil, das seine Stelle bereits gefunden hat.

Und nun, am «Wachs»-Tischtuch mit Kaffeering, den Längsstreifen Strasse vor der Nase, fällt ein weiteres auf seinen Platz. Das Gefühl, wie Innen und Aussen sind. Verbunden, nah. Wie Reinwinken und Rausgehen geht. Wie Rückzug versus Tag. Wie Welt passiert vor meinen Augen. Wie Teil ich bin. Wie wenig Haben dem Sein Platz macht. Die Freude am Finden von ein wenig Salz im Schrank. Und Majoran zwischen den Büschen.

Das Fenster oben geht nach Osten. Als würde es nach vorne weisen. Noch bist du nicht da. Noch geht es nicht um Zurückschauen. Geh weiter, wenn ihr erholt seid.

Ein Haus wie ein unerwarteter Pol, um den ich eine zweite Nacht kreisen muss, darf. Ich muss einen Tag in dieser Tür sitzen, um das zu bergen, was hier für mich zu fühlen ist. Den Kompass fürs Gefühl des Ortes zu justieren. Und dann, das Haus sagts klar, weiterzugehen. Zum alten Bauern mit zwei Kühen und frischem Kalb, wo wir Flöhe kriegen. Wo der Bär nachts auf 20 Meter nahe kommt. Durch ellenlange Hitzetage, die arg an uns beiden fressen. Zu den Gedanken, die x Mal zurückkehren zu diesem Haus und seinem «Daheim». So sehnlich meine Tentakel es in der Hitze einwickeln und, es klickt, Fühlen durch kühles Haben sichern möchten. Als wären die verlinkt.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund vier Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Magdalena Wmann,  

Hoi Ruth,mir hiä ir heile Schweiz wüsse gar nid wies nid wit vo üs ganz gfärlech cha si,pass ganz guet uf di uf u ou di vierbeiner ä liebe knuddel vom Biendli

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess