Das einzig erhaltene traditionelle bosnische Dorf werden wir erreichen. Weiss ich aber da noch nicht. Ich hab vorgesehen, heute von Konjic nach Vrdolje zu gehen, morgen weiter nach Umoljani, wo es offenbar eine Unterkunft gebe. Wir starten um 9.30 Uhr, das mit dem Spazieren hat gegriffen. Es hat nachts geregnet, ist etwas abgekühlt. Ausserdem ist Vrdolje nicht endlos weit weg. Aber ein saftiger Aufstieg erwartet uns, und das Wetter ist erst mal weit besser als angekündigt. Hm, doch warm! Noch unten werden wir spontan von der Strasse gewunken und mit Stuhl im Schatten, kaltem Wasser, Wassermelone und Brot versorgt. Wir lachen, die Frau schaut ihre Speckröllchen an, den Ehemann, meint, wenn er nicht wäre, würde sie eine Runde mitkommen. Das schaue vielversprechend aus zum Abnehmen. Mittagessen schlage ich aus, so wies doch wärmer wird, machen wir uns besser an den Aufstieg. Homer wird zum ersten Mal selbständig, als wir an einem Brunnen vorbeikommen, streckt die Zunge rein, wartet dann aber: bitte den Becher füllen.
Selbst hier oben säumen neben den Häuseransammlungen Mülldeponien den Wegrand. Der Wind tut das seinige und Büsche und Bäume schauen aus wie skurrile Vogelscheuchen mit den Plastiksäcken und dem Müll, der darin hängt. Eine Lastwagenröndel hält neben uns, ob wir mitreiten wollen? Ne, den Aufstieg schaffen wir, danke aber! In Džepi winken zwei Männer: kava verstehe ich, nicke. Weit ists nicht mehr bis Vrdolje. Kaffee jetzt? Innerer Freudentanz!
Homer liegt im Schatten im Garten, beim Rucksack, als ich reinkomme. Eine wundervolle Wohnzimmerküche! Überdimensioniertes L-Sofa, das die ganze eine Wand und die schier ganze Breite des Raums einnimmt. Ein Haufen Decken drauf. Die zwei Männer, nun barfuss, haben sich draufgefläzt. Eine Wohnwand; frontal hinterm Sofa Kühlschrank, Spüle, Anrichte; am andern Sofaende Elektroherd, und neben der Tür der grosse Holzofen. Im L ein niederer Sofatisch und ein tiefer Hocker. Die Frau bereitet ruhig Kaffee zu. Als er fertig ist, schöpft sie Schaum in die Tässchen, dann üppig Zucker und dann den Schluck starken, türkischen Kaffee drauf. Ich, Gast, kriege viermal nachgeschenkt, es gibt kein Stoppen, und dazu Preiselbeersirup, für mich halb halb, auch wenn ich viel lieber das übliche Sirupverhältnis hätte. Kanns annehmen ohne ein Gefühl, mich wehren zu müssen. Die Frau kocht Eier, packt Salz in ein Säckchen, schneidet mir ein halbes frisches Brot ab. Legt zwei Zwiebeln und zwei Knoblauchzehen dazu – Antibiotikum. Die Eier schreckt sie ab, trocknet sie sorgfältig, ehe sie sie einpackt. Königlich beschenkt brechen wir wieder auf. Homer wartet immer schön zu, wenn ich ihm – Notration dabei – Trockenfutter anbiete. Wir wissen beide, manchmal kommt ein Geschäft oder ein Geschenk und es gibt was Saugutes! Heute wird’s dank dieser herzlichen, grosszügigen Frau der Fall sein!
Gelobtes Land unter dem Gewitterhimmel
Vrdolje. Hm. Wir kriegen Wasser aufgefüllt. Ein leeres Neubauhaus könnte uns beherbergen, aber es ziehen Wolken auf und das Wetter wird richtig lustmachend zum Gehen. Kühl! Wir sind beide noch fit, ich merk mir die Uhrzeit, für den Fall, dass wir nichts mehr finden, um eine Ahnung zu haben, wieviel zurück wir müssen, dann schreiten wir aus. Winden uns weiter hoch. Bäume, deren Geschichte ich kennen möchte, Menschen, die auf dem Schotterweg an uns vorüberholpern und entweder freundlich grüssen, oder aber gleich fragen, ob wir mitreiten wollen. Die Abzweigung, die der Mann erwähnt hat: hier nun also links halten. Lukomir. Die Wolken werden dunkler, da wird wohl noch was kommen heute, ich beschwöre den Himmel, uns noch etwas Zeit zu gönnen. Er tuts! Eine Familie steht in einem Türsturz, schaut zu, wie wir kommen und vorübergehen. Irre beengte Platzverhältnisse müssen das sein. Eine Blechhütte. Ein weiterer halbfertiger Neubau mit Dach. Yeah!
Wir schlängeln uns die letzten Meter hoch und stehen plötzlich am Anfang einer endlosen Hochebene unter Gewitterhimmel. Naturweg. Dolinen links und rechts. Jede Hütte, die ich erspähe, animiert, weiterzugehen und dieses Naturspektakel zu geniessen. Mal schauen, wieweit gut ist. Am Horizont sind hinter uns die grünen Schluchten zu sehen. Fast wie gelobtes Land, nun unter dem Gewitterhimmel in Blautönen verblassend. Wahnsinn! Ich möchte die Schönheit teilen, sofort. Handyempfang null. Homer will Schafkot fressen, wir machen stattdessen Brot und Eierpicknick. Die Ebene hört nirgendwo auf und wir schreiten und schreiten und schreiten an Schafherden vorüber, stets von Hirten und zwei bis drei hiesigen Herdenhunden begleitet, an einzelnen Hütten, wie Süchtige. Wie Ausgezehrte, Dürstende, die Nahrung im Überfluss aus dem Nichts erhalten und wehrlos alles aufs Mal aufnehmen möchten. Ich weiss, weiter vorn, ab morgen oder übermorgen, wo keine Herden mehr sind, respektive nahe Trnovo, wird wieder Minen-Disziplin angesagt sein, aber jetzt nicht. Jetzt ist nur irdisches Paradies aufsaugen dran.
Ein sanftes Tal erstreckt sich vor uns, zwei Hütten links, eine rechts. In der samtenen Sohle das wohl friedlichste Grab, das ich je sah. Wer hier ruhen darf! Mir fällt auf, dass einige grosse Bäume kahle Kronen haben. Blitze? Könnte schon sein und ich bin nun sehr aufmerksam, als das Donnerrollen anfängt. Sollte ein erster Blitz dazukommen: erstbeste Hütte anpeilen! Solange aber weiter mit dem Himmel reden, er ist uns so phantastisch gesinnt. Das Donnerrollen nimmt zu, nimmt arg zu und ein langsames Unwohlsein kriecht in mir hoch, als keine weiteren Hütten sichtbar werden. Zurück? Hm. Vor uns, ca. acht Kilometer weiter, liegt Lukomir. Dort solls was zum Übernachten geben… das wär toll! Hinter uns die Hütten. Hm. Ich entscheide. Vorwärts und dem Leben sagen, dass wir Unterstützung annehmen, wenn es uns welche schicken mag.
Das Wetter macht definitiv zu. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wanns losgeht. Ein Auto schaukelt von hinten an uns ran. Estländernummer. Hält. Sie führen nach Lukomir, ob wir mitwollten. Oh ja, von ganzem Herzen gern! 15 Minuten später beginnt der Regen. Wir wackeln trocken im Autoinnern nach Lukomir. Mit Menschen, die elf Monate unterwegs sind. Was uns erwartet mit Lukomir, ist spektakulär. «Das vielleicht einzige noch erhaltene und so belebte traditionelle bosnische Dorf.» Kurz Magenkrampf: Zimmer, nein. Aber unten sei noch jemand, wo ich fragen könne. Ja, bitte! Ich spüre, hier brauche ich sonst nicht rumfragen, wir sind sehr komische Käuze hier. Das ist etwas, was ich noch nie gesehen habe. Die Steinhäuser mit Blechdächern bis fast zum Boden, die grosse Tränke. Alles alte Frauen, traditionell gekleidet, die mit Handwerkzeug oder aber mit den Herden unterwegs sind. Wenige Männer sind zu sehen.
Nachts geht man nicht raus
Unten winkt mich eine Frau rein, ob ich Kaffee wolle? Ich danke, lehne ab – zu spät für mich. Sie möchte mir handgestrickte Socken verkaufen, die wunderschön und sehr kratzig ausschauen. Und viel zu gross sind für mich. Als ich ablehne, aber danke, scheucht sie mich mit Geräuschen und Gesten weg und ich fühle mich als unwillkommene Eindringlingin im Dorf, so unglaublich es anzusehen ist.
Aber unten dürfen wir übernachten. Sind willkommen. Homer darf nicht ins Zimmer, aber auf dem Flur vorm Zimmer darf er ungestört schlafen. Io! Ein Feuer im Ofen. Kurz letzte Blicke ins Dorf, dann einfach drinsein. Zwischen 19 und 21 Uhr kämen die Herden zurück für die Nacht, die Torniaks und Sarplaninac, diese Riesenhunde, besser meiden, werde ich gewarnt. Ihre Aufgabe sei, die Herde zu schützen. Allein die Rückkehr zu hören im kommenden Gewitter ist beeindruckend. Und die Nacht wird erinnerungswürdig. Es gibt Wildschweine und Wölfe hier, man geht nachts nicht raus. Immer wieder erhebt sich die Stimme eines ersten Schutzhundes und das ganze Hunde-Dorf stimmt ein. Homer voll dabei! Schlaf: unterbrochen, toll! Trocken, warm am ausglimmenden Feuer zu meinem Kopf.
Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund fünf Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.
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