Kategorie
Autor:innen
Jahr

Go all the way #14

«Wir sind da.» Zwar noch nicht in Georgien, aber am Schwarzen Meer. «Varna. Weite im Herzen und geborgen in Ritualen», schreibt Ruth Wili im neusten Tagebuchbericht ihrer Fussreise von St.Gallen nach Georgien.
Von  Gastbeitrag

Wir sind da. Haben noch einmal etwas Neues gefunden auf unserem Weg nach Norden. Dauernd hin- und hergerissen zwischen Zielstrebigkeit / Vorankommen und dem Bedürfnis nach kleinen Etappen, uns in der Herausforderung zu dritt würdigend. Wir hangeln uns durch die wenigen noch geöffneten Unterkünfte. Das Glück, dass die Tourismus-Saison am Meer im Spätherbst nun wirklich zu Ende geht, ist zugleich Challenge. Die Länge der Etappen vergrössert sich mit abnehmender Unterkunftsdichte.

In Sveti Vlas müssen wir das Meer verlassen, weil die nächste erreichbare Unterkunft uns ins Landesinnere führt. Der Leuchtturm am Kap muss warten. Statt dessen erwartet uns Wald voller Wild. Pluto tanzt wie ein Berserker an der Leine. Ignoriert selbst Futter. Ich hab den Eindruck, dass wir es nie nach Varna schaffen. So vieles «gilt» sofort. Diszipliniert linksgehen an der Strasse, auf die wir später stossen. Links und rechts Wald. Ist es bei all dem Leben darin bereits eine Herausforderung, sich auf Waldwegen zu bewegen, so müssen nun beide Hunde zusammen auf einer Seite gehen. Homer macht das völlig kirre, so oft, wie Pluto ihn, einem Impuls folgend, rempelt. Das gute Geschirr von Pluto ist weg, ich hab das lottrige reaktiviert, das ich glücklicherweise mitgetragen habe, und probiere alle paar hundert Meter eine neue Anleinungs-Art, wie ich die zwei möglichst ruhig leiten kann. Lass den Wald enden, bitte! Homer an langer Leine vorne, Pluto an halbierter direkt neben mir, das bewährt sich für diese mörderische Strecke am besten. Groggy sind wir dennoch. Als wir endlich freies Feld erreichen und die zwei kapieren, dass sie nun spielen und sich austoben dürfen, flieg ich durch die Luft. Oooh, Plutooooo!!!

Dann aber tanken drei Herzen. Und ich entdecke etwas: Wir gehen ab sofort einfach quer-feld-ein. Bulgarien hat mich schon einmal aufgefordert, mit GPS zu wandern. Warum nicht das nutzen und einfach von Feld zu Feld gehen? Als blauer Punkt auf dem Satellitenbild schlängeln wir uns von einem gemähten Feld zum nächsten. Pluto teils an der Leine, teils frei. Es wird unsere neue Geh-Art. Drei StrolchInnen. Und plötzlich wird unsere Reise wieder leicht und wundervoll. Eckpunkt: nächste Übernachtungsmöglichkeit. Dazwischen: jedes freie Feld, zum Teil gross wie Kolchosen, für Schweizer Augen grossartig! Und als wir wieder ans Meer stossen: Strand. Fünf Kilo Muscheln muss ich sammeln auf einer Etappe. Ich kann nicht anders. Die zwei Hunde tollen im Sand. Schnüffeln an Quallentieren, bergen Treibholz. Wir fluten den Strand mit unserem Glück. Drei Menschen begegnen wir in drei Stunden. Sie scheinen so erfüllt wie wir von der wilden Einsamkeit. Mit ihnen teilen wir den Strand gern. Am Abend wasche ich meine Ernte und schreibe einen Brief dazu. Die Muscheln sind ein Geschenk. Die Postbeamtin am nächsten Morgen liest entgeistert meine Inhaltsangabe des Pakets, das ich verschicke. Ein Herzensakt.

Es gibt plötzlich kein Halten mehr. Wir haben Weite in und um uns. Stapfen weiter nordwärts durch menschenleere Gegenden, gefühlte Grenzenlosigkeit der Natur, in Himmel, Meer, Wind und Federn. Die Eichenwälder, die wir zwischendrin durchqueren «müssen», zehren physisch an meiner Kraft, aber gleichzeitig sind sie fast mythisch schön. Wo wir uns durch Unterholz schlagen müssen, kommen wir mit blutigen Striemen am andern Ende raus, es ist sehr dornig. So what! Das nächste Feld wartet dahinter. Wir sind dreckig bis zum Abwinken. Ich wasche die Kleider nicht mehr abends, die Unterkünfte haben keine Heizungen, die Sachen trocknen nicht mehr über Nacht. Die paar Regentage haben die Böden aufgeweicht, die Hunde sind braun gesprenkelt und ich lauf mit Lehmschollen an den Schuhen. Kleinere Gewässer, die wir überqueren müssen, dienen dem kurzfristigen Schuhputz.

Unaufhaltsam ziehen wir aus, durch immer neue sanfte Hügel. Stehen an einem Tag nach zwei Stunden stürmischem Wind und Feldweg plötzlich an einem kilometerlangen, zivilisationsfreien Strand. Allein. Homer schreitet als erster ans Meer. Mein Herz will stillstehen. Es ist, als wäre uns dieser Ort geschenkt. Pluto kommt dazu. Wie immer in voller Emphase. Wir bleiben, bis die Herzen randvoll sind. Wen kümmerts, dass wir bei Dunkelheit ankommen. Und dann, zwei Tage später – wir haben eine Nacht in einer Luxusunterkunft verbringen dürfen – liegt da plötzlich ein weisser Streifen am Horizont. Varna. Ich gerate völlig aus dem Häuschen. Wir schlagen uns durch eine Schneise im Wald, wo die Elektrizität verläuft. Frontal darauf zu. Und als wir den Vorort erreichen, nimmt uns ein Taxi auf. Die Fahrt über die Brücke in die Stadt, rechts der Hafen… Pluto, k.o. von der Reizüberflutung des Vororts, schläft. Homer fühlt, so spür ichs, meine Nacktheit, muss mit mir überall hinschauen. «Homer, wir sind da.»

Varna. Ich dachte, wir kommen hierher, damit Pluto geimpft und gechipt wird und dann verlassen wir die Stadt sofort wieder. Unzumutbar für Pluto. Das kann ich ihm nicht antun.

Und erlebe: falsch! Er ist nun geimpft und gehört offiziell zu uns und wir sind noch immer hier! Leben grossartig! Ich koche für uns leckere Sachen, unsere Tage verlaufen nach klaren Ritualen: Morgenrunde. Meine Morgenzeit. Frisch gekochtes Futter für die Jungs. Kaffee für mich und Frühstück. 2-3 Stunden Stadt für mich allein. Ausgiebiger Spaziergang, der solange dauert, wie er dauert. Kreativzeit. Kochen für mich. Abendfüttern trocken mit Spiel und Übungen. Dann – grosse Aufregung: je einzeln eine Abendrunde. Mit Pluto brauche ich für eine Cuadra über eine Stunde. Und es ist pures Gold. Jede Aufregung wird ausgestanden und erst, wenn er wieder bei mir ist, geht’s weiter. Und mittlerweile fängt er an, mich wahrzunehmen. Homer seinerseits geniesst es, dass wir in «unserm» Tempo unterwegs sein können, zu zweit. Und der jeweils andere lernt / übt, eine Runde ganz allein zu sein. Sie machens wie Könige, die zwei! Dann wird noch eine Runde familiengekuschelt und dann schlafen wir. Und am nächsten Tag dasselbe! Und wir wissen, wo wir wohnen!!! Jeden Tag! Das macht ziemlich glücklich. In unseren Ritualen geborgen mitten in dieser Stadt. Keine Ahnung, wie lang. Pluto wird kastriert werden. Und Anfang Dezember können wir die Blutuntersuchung machen mit der Bescheinigung, die die Tollwut-Impfung validiert. Dann sind wir wieder frei! Unsere Reise übers Meer wartet! Georgien.

https://www.saiten.ch/wp-content/uploads/2017/08/odyssee1.jpg

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor acht Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

 

 

 

 

 

 

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3.

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43