Wir sind da. Haben noch einmal etwas Neues gefunden auf unserem Weg nach Norden. Dauernd hin- und hergerissen zwischen Zielstrebigkeit / Vorankommen und dem Bedürfnis nach kleinen Etappen, uns in der Herausforderung zu dritt würdigend. Wir hangeln uns durch die wenigen noch geöffneten Unterkünfte. Das Glück, dass die Tourismus-Saison am Meer im Spätherbst nun wirklich zu Ende geht, ist zugleich Challenge. Die Länge der Etappen vergrössert sich mit abnehmender Unterkunftsdichte.
In Sveti Vlas müssen wir das Meer verlassen, weil die nächste erreichbare Unterkunft uns ins Landesinnere führt. Der Leuchtturm am Kap muss warten. Statt dessen erwartet uns Wald voller Wild. Pluto tanzt wie ein Berserker an der Leine. Ignoriert selbst Futter. Ich hab den Eindruck, dass wir es nie nach Varna schaffen. So vieles «gilt» sofort. Diszipliniert linksgehen an der Strasse, auf die wir später stossen. Links und rechts Wald. Ist es bei all dem Leben darin bereits eine Herausforderung, sich auf Waldwegen zu bewegen, so müssen nun beide Hunde zusammen auf einer Seite gehen. Homer macht das völlig kirre, so oft, wie Pluto ihn, einem Impuls folgend, rempelt. Das gute Geschirr von Pluto ist weg, ich hab das lottrige reaktiviert, das ich glücklicherweise mitgetragen habe, und probiere alle paar hundert Meter eine neue Anleinungs-Art, wie ich die zwei möglichst ruhig leiten kann. Lass den Wald enden, bitte! Homer an langer Leine vorne, Pluto an halbierter direkt neben mir, das bewährt sich für diese mörderische Strecke am besten. Groggy sind wir dennoch. Als wir endlich freies Feld erreichen und die zwei kapieren, dass sie nun spielen und sich austoben dürfen, flieg ich durch die Luft. Oooh, Plutooooo!!!
Dann aber tanken drei Herzen. Und ich entdecke etwas: Wir gehen ab sofort einfach quer-feld-ein. Bulgarien hat mich schon einmal aufgefordert, mit GPS zu wandern. Warum nicht das nutzen und einfach von Feld zu Feld gehen? Als blauer Punkt auf dem Satellitenbild schlängeln wir uns von einem gemähten Feld zum nächsten. Pluto teils an der Leine, teils frei. Es wird unsere neue Geh-Art. Drei StrolchInnen. Und plötzlich wird unsere Reise wieder leicht und wundervoll. Eckpunkt: nächste Übernachtungsmöglichkeit. Dazwischen: jedes freie Feld, zum Teil gross wie Kolchosen, für Schweizer Augen grossartig! Und als wir wieder ans Meer stossen: Strand. Fünf Kilo Muscheln muss ich sammeln auf einer Etappe. Ich kann nicht anders. Die zwei Hunde tollen im Sand. Schnüffeln an Quallentieren, bergen Treibholz. Wir fluten den Strand mit unserem Glück. Drei Menschen begegnen wir in drei Stunden. Sie scheinen so erfüllt wie wir von der wilden Einsamkeit. Mit ihnen teilen wir den Strand gern. Am Abend wasche ich meine Ernte und schreibe einen Brief dazu. Die Muscheln sind ein Geschenk. Die Postbeamtin am nächsten Morgen liest entgeistert meine Inhaltsangabe des Pakets, das ich verschicke. Ein Herzensakt.
Es gibt plötzlich kein Halten mehr. Wir haben Weite in und um uns. Stapfen weiter nordwärts durch menschenleere Gegenden, gefühlte Grenzenlosigkeit der Natur, in Himmel, Meer, Wind und Federn. Die Eichenwälder, die wir zwischendrin durchqueren «müssen», zehren physisch an meiner Kraft, aber gleichzeitig sind sie fast mythisch schön. Wo wir uns durch Unterholz schlagen müssen, kommen wir mit blutigen Striemen am andern Ende raus, es ist sehr dornig. So what! Das nächste Feld wartet dahinter. Wir sind dreckig bis zum Abwinken. Ich wasche die Kleider nicht mehr abends, die Unterkünfte haben keine Heizungen, die Sachen trocknen nicht mehr über Nacht. Die paar Regentage haben die Böden aufgeweicht, die Hunde sind braun gesprenkelt und ich lauf mit Lehmschollen an den Schuhen. Kleinere Gewässer, die wir überqueren müssen, dienen dem kurzfristigen Schuhputz.
Unaufhaltsam ziehen wir aus, durch immer neue sanfte Hügel. Stehen an einem Tag nach zwei Stunden stürmischem Wind und Feldweg plötzlich an einem kilometerlangen, zivilisationsfreien Strand. Allein. Homer schreitet als erster ans Meer. Mein Herz will stillstehen. Es ist, als wäre uns dieser Ort geschenkt. Pluto kommt dazu. Wie immer in voller Emphase. Wir bleiben, bis die Herzen randvoll sind. Wen kümmerts, dass wir bei Dunkelheit ankommen. Und dann, zwei Tage später – wir haben eine Nacht in einer Luxusunterkunft verbringen dürfen – liegt da plötzlich ein weisser Streifen am Horizont. Varna. Ich gerate völlig aus dem Häuschen. Wir schlagen uns durch eine Schneise im Wald, wo die Elektrizität verläuft. Frontal darauf zu. Und als wir den Vorort erreichen, nimmt uns ein Taxi auf. Die Fahrt über die Brücke in die Stadt, rechts der Hafen… Pluto, k.o. von der Reizüberflutung des Vororts, schläft. Homer fühlt, so spür ichs, meine Nacktheit, muss mit mir überall hinschauen. «Homer, wir sind da.»
Varna. Ich dachte, wir kommen hierher, damit Pluto geimpft und gechipt wird und dann verlassen wir die Stadt sofort wieder. Unzumutbar für Pluto. Das kann ich ihm nicht antun.
Und erlebe: falsch! Er ist nun geimpft und gehört offiziell zu uns und wir sind noch immer hier! Leben grossartig! Ich koche für uns leckere Sachen, unsere Tage verlaufen nach klaren Ritualen: Morgenrunde. Meine Morgenzeit. Frisch gekochtes Futter für die Jungs. Kaffee für mich und Frühstück. 2-3 Stunden Stadt für mich allein. Ausgiebiger Spaziergang, der solange dauert, wie er dauert. Kreativzeit. Kochen für mich. Abendfüttern trocken mit Spiel und Übungen. Dann – grosse Aufregung: je einzeln eine Abendrunde. Mit Pluto brauche ich für eine Cuadra über eine Stunde. Und es ist pures Gold. Jede Aufregung wird ausgestanden und erst, wenn er wieder bei mir ist, geht’s weiter. Und mittlerweile fängt er an, mich wahrzunehmen. Homer seinerseits geniesst es, dass wir in «unserm» Tempo unterwegs sein können, zu zweit. Und der jeweils andere lernt / übt, eine Runde ganz allein zu sein. Sie machens wie Könige, die zwei! Dann wird noch eine Runde familiengekuschelt und dann schlafen wir. Und am nächsten Tag dasselbe! Und wir wissen, wo wir wohnen!!! Jeden Tag! Das macht ziemlich glücklich. In unseren Ritualen geborgen mitten in dieser Stadt. Keine Ahnung, wie lang. Pluto wird kastriert werden. Und Anfang Dezember können wir die Blutuntersuchung machen mit der Bescheinigung, die die Tollwut-Impfung validiert. Dann sind wir wieder frei! Unsere Reise übers Meer wartet! Georgien.
Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor acht Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.
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