Ich weine öfter mal einfach los. Heute, als wir um eine Hügelnase kamen und ausgebreitet, tiefgrün ein neues Stück Serbien vor uns lag. Gefolgt von einer Einladung kurz darauf, weil die ganze wilde Hundebande des Dorfes unser Kommen verkündete. Gefolgt von einer weiteren, 200 Meter weiter: «Do you need food for the dog? Water? Money?» (Mir bleibt die Spucke weg, der Mann ist mit Sicherheit jünger als ich.) «If you should decide to come to Beograd, please call me. You will be my guests!»
Frau sein
Serbien. Wir waren eine ganze Woche in Užice geblieben. Gäste von Slađa, Marta und Rubi. Ich hab geweint vorm Aufbrechen. Sowohl in Kroatien als auch in Bosnien war ich vorgewarnt worden, es gebe keine Gastfreundschaft wie in Serbien. Sie hat vom Weinen nicht abgehalten.
Nun ein kleiner Ort, eine kleine Stadt. Wir sind keine Gäste. Aber ein Hotel existiert. Und sie sagen freundlicherweise Ja auf die Anfrage vom «Turistbiro», ob am Boden (auf der Isomatte!) schlafender Hund ok sei. Als sie ihn dann aber sehen, ist er zu gross. Ich muss lachen: «Ich kann ihn nicht schrumpfen machen.» Ich habs grad nicht mit Sauerwerden und wir lachen gemeinsam, ehe wir wieder rauszotteln. Wir werden unterkommen! Ich hab weitere gut 2 kg Gepäck heimgeschickt von Užice aus – auch den Schlafsack nun – und spüre, es stimmt! Der Rucksack ist jetzt handlich klein und immer mehr stimmt «Spazieren», auch wenn wir gerade riesige, phantastische Spaziergänge machen! Wenn ich Lust hab, meinen ganzen Bauch mit Luft zu füllen, kann ich das endlos tun. Bei dem Gewicht ist kein durchgehender Bauchgurt mehr nötig. Meine gehenden Lungen dürfen lernen, bis in die Schamlippen zu reichen.
Es gibt noch ein Hostel. Und dieses Ja bleibt eins. Allerdings: Die junge Frau klopft nochmal an meine Zimmertür. Das Zimmer koste leider das Doppelte. Ich: «Das ist nicht korrekt.»
Als ich kurz – wie ich glaube – runtergehe, um die Sache zu klären, die Preise hängen aus, lädt sich mich zu Kaffee ein. Vier Stunden und zwei Kaffee später – das mit dem doppelten Preis hat sich erledigt – «kenne» ich noch ein Serbien. Die Frau kann meine Freude an ihrem Land nicht nachvollziehen. «Serbien ist nicht für Frauen.»
Es ist das Serbien einer Frau, die aus dem Fenster schaut, ehe sie auf die Strasse tritt. Die Narben an den Unterarmen trägt. Auch am Bauch, sagt sie. Vom Ehemann. Die, mit 15 zum ersten Mal schwanger, vom Vater auf die Strasse gesetzt wurde. Die keine Ausbildung hat. Die nur weg möchte. Und doch zutiefst nicht weg kann. Die hier täglich 12 Stunden arbeitet für zehn Euro. Pro Tag. Und 24 Stunden Pikett hat. Was aber nicht 20 Euro pro Tag bedeutet. Die mit ihrer Tochter hier im Hostel ein Zimmer bewohnt und zu schauen hat, dass die Tochter – sie ist 13 und wird sich langsam ihrer Wirkung auf Männer bewusst – sich nicht selber zur Wehr zu setzen hat gegen Prostitutionsangebote. Die sich ihren Chef vom Körper halten muss. Die ihren neunjährigen Sohn seit vier Monaten nicht gesehen hat ausser auf Facebook. Wo sie mir Bilder von ihm zeigt. Biertrinkend. Er wurde dem Vater zugeteilt, da sie ja kein Daheim und keine feste Arbeit habe. Die nicht weiss, wohin, wenn sie hier im Hostel nicht mehr gebraucht wird. Das wird im September der Fall sein.
Polizei? Ihr Mann sei selber bei der Polizei gewesen. Frauenhäuser? Kennt sie hier nicht. Ne, sie müsse selber klarkommen. Am besten sei, wenn niemand wisse, wo sie sei. Aber der Ort sei klein. Alle kennen alle. Es sei bloss eine Frage der Zeit.
Einen Pass hat sie nicht. Er kostet unerschwingliche zwei Tageslöhne. Und für die Tochter braucht sie ja auch einen. Und dann ist da der Sohn, hier in Serbien.
Ich habe keine Tränen. Ich habe ein Loch im Bauch. Und Geld im Geldbeutel. Wir waren gerade eine Woche lang Gäste. Ein Wochenbudget Übernachtungen ist frei.
Ich lerne loslassen. Annehmen. Von wildfremden Menschen. Die es einfach grundlos zutiefst gut mit uns meinen. Und auf die Gefahr hin, zu beschämen, lerne ich nun, offen zu fragen, und zu geben.
Und Frau sein
Ich habe mehrmals gelogen. So dass die Aussage korrekt heisst: ich log bisweilen. Und habe mich entschieden, damit aufzuhören. Wir sind vulnerabler geworden ohne Zelt und noch mehr ohne Schlafsack. Aber die Verknüpfung stimmt nicht! Lügen gelernt habe ich schon, als wir das Zelt noch hatten.
Grundsituation: Junge (?) Frau mit Hund kommt daher. Gruppe Männer sitzt rum. Keine Frau da. Normalfall: Junge Frau wird sowieso herbeigewunken oder aber: Junge Frau geht eh hin, weil sie langsam nach einem Zimmer zu suchen hat. Instant high life beginnt. Zwischen müde, genervt und ohnmächtig sagt die junge Frau Ja auf die Frage, ob sie verheiratet sie. Es kürzt die Situation einfach ab. Ehemänner, selbst erstunkene und erlogene, abwesende, haben einen Effekt, den sie selber nicht hat. Die junge Frau hat sich an die Situation gewöhnt. Und auch daran, dass sie neben mir geht. Nicht zu nahe bitte. Sie ist eine Lügnerin. Sie ist ich.
Im letzten Call mit meinen Rudel-KollegInnen hab ich mich dazu verpflichtet, mit diesem Lügen aufzuhören. Wenn ich selber mir meine Integrität abspreche, wie soll sie dann jemand im Aussen respektieren? Seither verbringe ich Zeit mit ihr / mir. Wie sie schlank und gerade dasteht. Vor solchen Männergruppen. Nicht laut, aber klar. Und klar. Und wenn nötig, noch einmal klar. In einem Akt von Selbstliebe: Wahrheit wählt. Weil nicht wissen, wo schlafen kein Grund ist, sich nicht selbst zu lieben.
Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund sechs Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
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