, 25. Oktober 2017
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«Ich wollte nicht Hollywood machen und alle beruhigen mit der Heldin»

Sabine Gisigers neuer Dokfilm «Willkommen in der Schweiz» läuft noch bis am 19. November im Kinok St.Gallen. Ein wichtiges und streckenweise beängstigendes Zeitdokument.

Johanna Gündel an der Gemeindeversammlung in Oberwil-Lieli. (Bilder: Dschonit Ventschr)

«Willst du dir das wirklich antun?», fragte jemand im Kinok-Foyer kurz vor Filmbeginn. Die Antwort der Befragten war differenziert und nur teilweise verständlich, lässt sich aber sinngemäss etwa so übersetzen: «Wir müssen. Man sollte sich das Ganze schon mal konkret vor Augen führen.»

Mit «das Ganze» sind die Geschehnisse in der Aargauer 2200-Seelen-Gemeinde Oberwil-Lieli gemeint, die es im Herbst 2015 nach längerem Hin und Her «geschafft» hat, sich von der Unterbringung von zehn Asylsuchenden freizukaufen. In einem demokratischen Prozess versteht sich. Sabine Gisiger (u.a. Do it, Gambit und Jalom’s Cure) hat diese Chronik der Ereignisse in ihrem neuen Dokfilm Willkommen in der Schweiz aufbereitet und war ebenfalls anwesend am Dienstagabend im Kinok. 

300 Millionäre auf 2200 Einwohnerinnen und Einwohner

Die ganze Geschichte um Oberwil-Lieli könne man durchaus als eine Art Gleichnis oder Sinnbild für die Diskussionen in der Schweiz sehen, sagte Gisiger im anschliessenden Gespräch mit dem Historiker und WOZ-Redaktor Kaspar Surber. Unter anderem weil Oberwil-Lieli die reichste Gemeinde mit der höchsten Millionärsdichte im Kanton Aargau sei, während die Schweiz als zweitreichstes Land dieser Welt gelte. «Und beide haben wahnsinnig Angst zu Verlumpen wegen den Flüchtlingen».

Gehört auch zu Gisigers Protagonistinnen: Susanne Hochuli, bis 2016 Regierungsrätin im Kanton Aargau.

Rückblick: Während der sogenannten Flüchtlingswelle im Sommer 2015, als Angela Merkel «Wir schaffen das» sagte, soll Oberwil-Lieli – selbsternanntes «Juwel am Mutschellen» – wie alle Schweizer Gemeinden die ihr von Bund zugeteilten Asylsuchenden aufnehmen. Doch dessen Gemeindepräsident und Unternehmer Andreas Glarner, späterer Nationalrat und SVP-Asylchef, stellt sich quer und will stattdessen 290’000 Franken aus dem Gemeindebudget bereitstellen. Exakt der Betrag, den die Gemeinde als Strafgebühr bezahlen muss, wenn sie ihrer Pflicht bei der Aufnahme von Geflüchteten nicht nachkommt.

Der Widerstand lässt nicht lange auf sich warten: Die IG Solidarität Oberwil-Lieli um die Studentin Johanna Gündel wird gegründet und kann die Gemeindeversammlung gerade noch knapp davon überzeugen, Glarners Vorschlag abzulehnen. Daraufhin wird das Referendum ergriffen. Bei der neuerlichen – dieses Mal anonymen – Abstimmung entscheiden sich die Stimmberechtigten schliesslich doch noch gegen die Geflüchteten und für den unsäglichen Ablasshandel.

«Das sind potenzielle Sozialhilfebezüger»

Was Gisiger da filmisch zusammenfasst, war schon vielerorts nachzulesen, klar, auch in ausländischen Medien, schliesslich erlangte Oberwil-Lieli spätestens im September 2015 seinen zweifelhaften Ruhm, als Andreas Glarner im ARD-Morgenmagazin interviewt wurde. Auf die Frage, was er einer in die Schweiz geflüchteten Familie sagen würde, antwortete er: «Dass sie vergebens gekommen sind.» Und legte noch nach: «Das sind potenzielle Sozialhilfebezüger, die uns immer und ewig auf der Tasche liegen würden.»

Trotzdem ist es richtig und wichtig, diesen Film zu machen bzw. ihn sich anzusehen. Nicht, weil man sich diese traurige Chronik sonst selber mühsam im Netz und anderswo zusammensuchen müsste, sondern weil Willkommen in der Schweiz ein – streckenweise beängstigendes – Zeitdokument ist und die diskursive Realität unserer Tage furztrocken einfängt.

Gisigers vermeintliche Objektivität und die Ausgewogenheit der Stimmen im Film tragen ihren Teil dazu bei, was nicht selten schwer zu ertragen ist: In gefühlt jeder dritten Szene will man, sofern nicht gerade der SVP oder der PNOS angehörig, Dinge an die Kinoleinwand schmeissen, laut fluchen oder irgendwas anzünden. Gewaltfantasien par excellence.

Welt- und Menschenbilder veranschaulichen

Nach dem Film tauchte denn auch die naheliegende Frage auf, ob man Leuten wie Glarner und seinen Gspanen wirklich diese Plattform bieten soll oder stattdessen nicht lieber eine «linke Heldinnengeschichte» über Johanna Gündel gemacht hätte, die quasi durch Glarner politisierte Anführerin des Widerstands. Eine Frage, die Gisiger nicht treffender hätte beantworten können: «Ich wollte nicht Hollywood machen und alle beruhigen mit der Heldin. Im Gegenteil: Ich wollte zeigen, was ist. Vielleicht muss man genau das machen in unserer polemischen Zeit: diesen Leuten zuhören und herauszufinden versuchen, was ihr Weltbild ist.»

Womit wir wieder beim Anfang wären. Ja, man sollte sich diesen Diskurs und seine rechten Rädelsführer genau so vor Augen führen, vor allem deren Welt- und Menschenbild. Um dann hoffentlich ins Handeln zu kommen. Vor allem, wenn man sich gerne «irgendwo in der Mitte» verortet und insgeheim manchmal denkt, dass die SVP und ihre völkischen Pendants in Europa nicht doch vielleicht ein bisschen Recht haben könnten mit ihren Positionen. (Spoiler: Haben sie nicht.)

Dabei helfen auch die historischen Szenen, die Gisiger einstreut; Bilder der schweizerischen Landesausstellung von 1939, Bilder von 1942, als die Schweizer Grenzen für jüdische Flüchtlinge geschlossen wurden, oder Ausschnitte eines Interviews mit James Schwarzenbach zu der nach ihm benannten «Überfremdungs»-Initiative von 1970. All das zeigt, dass die unterirdische Tonalität im heutigen Diskurs kein Auswuchs unserer Zeit ist, sondern eine lange Tradition hat und nicht etwa durch Ignoranz kuriert werden kann.

Und neben diesem Mini-Crashkurs in Sachen Überfremdungsdiskurs gibt es auch noch den intergalaktischen Chor aus Zürich und das Mechaje Ensemble aus Basel, zwei buntgemischte Formationen, die den Film mit jüdischen, syrischen oder auch Schweizer Volksliedern aufpolieren. Auch sie brechen Gisigers Objektivität. Oder auch Stimmen wie jene des Schriftstellers Charles Lewinsky: «Wir hätten noch viel mehr Platz», sagt er in einer Szene. Statt Obergrenzen für Flüchtlingszahlen solle man besser Untergrenzen definieren. Solche, die zu unterschreiten peinlich wäre. «Das ist die Grenze, auf die es ankommt.»

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