Caesar ist masslos verliebt in die schöne Kleopatra, die ihm gerade mit ihrer berühmten Perlenarie (V’adoro pupille) endgültig den Kopf verdreht hat. Aber erstmal muss der Dreck des Krieges weg. Die Badewanne, natürlich in Gold, steht parat, Frottiertuch, Bürste, Schwamm und Schaumbad greifen im Takt der Musik ein, und schon sprudeln dem Herrscher der Welt die Koloraturen in Se in fiorito ameno prato so locker über die Lippen, als hätte Händel das Stück selber im Bademantel komponiert.
Barockmusik hat ihren Witz – wenn man ihn denn mit soviel musikalischer Fantasie aus den Arien herauskitzelt wie in dieser Szene. Und nicht nur hier: Regisseur Fabio Ceresa illustriert Händels Partitur mit verspielter Raffinesse und nutzt dafür die requisitenreiche Orient-Exotik, die er und sein Ausstattungsteam (Massimo Checchetto, Giuseppe Palella) auffahren.
Nilpferd und Elefant tauchen auf oder eine Schlange, mit der Caesar seinen Widersacher Ptolemaios melodisch fuchtelnd vom Leib hält. Und zwischen Schlingpflanzen wuchern Hieroglyphen-Motive: Fuchskopf, Adler, Barke und anderes.
Perlend und sprudelnd: Kleopatra (Tatjana Schneider, oben) bezirzt Caesar (Raffaele Pe).
Die Musik wird so nochmal lebendiger, als sie ohnehin ist – ab und zu ist aber auch zuviel und zu wenig präzise Action. Die in Tierkostüme und ägyptisierende Gewänder gepackten Statisten sind hilflos geführt (Choreographie Mattia Agatiello). Und das Hantieren mit Büchern in der Bibliothek von Alexandria, dem Reich der Kleopatra, ermüdet.
38 Mal wurde das Stück in Händels London nach der Uraufführung 1724 gespielt. In St.Gallen ist unsicher, wie es nach der Premiere weitergeht – je nach den Massnahmen des Bundesrats vom kommenden Mittwoch. Bereits im März war die Produktion fast fertig geprobt vom Lockdown gestoppt worden. Dabei ist sie explizit coronatauglich: Die Sängerinnen und Sänger halten Abstand, alle nicht-singenden Figuren sind mit Gesichtsmasken kostümiert. Und auch Cäsar und Kleopatra verzichten auf die innig besungene Umarmung – ein Ellbogenknuff muss es tun.
Infos: theatersg.ch
Dann aber fackelt Ptolemaios, Kleopatras Bruder-Bösewicht, als Strafe für deren «fierezza» kurzerhand die Bibliothek von Alexandria ab – historisch unkorrekt, aber dramaturgisch packend zum berührenden Piangerò der Kleopatra.
Den visuellen Gegenpart zum Pharaonenreich entlehnt die Regie dem Kino. Agathe Christies Detektiv Hercule Poirot lässt grüssen, wenn Caesar mit Tropenhut in Alexandria aufkreuzt, samt Entourage mit Überseekoffern und Begleiter Curio mit allzeit schussbereitem Fotoapparat. Die british spleenigen Römer und die Motive aus Tod auf dem Nil liefern ihrerseits szenische – und wiederum: schlau in die Musik eingepasste – Pointen.
Caesar (Raffaele Pe) mit Curio (David Maze) und Begleitern.
Fest der hohen Stimmen
Das Hauptverdienst am Seh- und Hörvergnügen haben aber nicht diese Regieeinfälle, sondern Solisten und Orchester. Letzteres legt unter der souveränen Leitung von Rubèn Dubrovsky ein packendes und federndes Fundament. Die Tempi sind, von der forsch genommenen Ouvertüren-Fuge an, in den Zorn- und Wutarien rasant, und auch die Trauerpartien bleiben stets bewegt und innerlich bebend.
Streicher, Holzbläser, die von Händel luxuriös eingesetzten Hörner und allen voran das Continuo mit Cembalo und Theorbe spielen historisch bestens informiert; das St.Galler Sinfonieorchester braucht den Vergleich mit Alte-Musik-Spezialisten nicht zu scheuen. Und der UM!BAU, das hölzerne Provisorium klingt bemerkenswert transparent.
Das Fest der hohen Solo-Stimmen führt Countertenor Raffale Pe als Caesar an. Locker, elegant, mühelos kommt, singt und siegt er im kriegerischen Wutausbruch und im Liebesschwelgen ebenso wie in der tiefgründigen Reflexion; seine Vergänglichkeits-Arie Non è si vago ist eins von vielen Glanzstücken.
Tatjana Schneiders Kleopatra verwirrt mit ihrem Flair für Bücher und verzückt mit ihrem strahlenden Sopran das Publikum nicht weniger als den allerdings leicht zu beeindruckenden Caesar. Dessen Gegenspieler Luigi Schifano legt in die derber gestrickten Soli des Ptolemaios giftige Schärfe.
Trauer um den toten Vater und Mann: Sextus (Jennifer Panara) und Cornelia (Sonja Runje).
Ideal besetzt ist auch das tragische Mutter-Sohn-Paar: Sonja Runje als Cornelia und Jennifer Panara als Sextus. Ihnen hat der Komponist ausgerechnet im Moment, da sie auseinandergerissen werden, eines der raren Duette auf den Leib geschrieben. Son nata a lagrimar, son nato a sospirar: Verloren im Säulenhain der Bühne, weitab von einander und musikalisch dennoch eins, erlebt man hier, am Ende des ersten langen Akts, einen Moment, in dem alle inszenatorischen Einfälle überflüssig werden und der Mensch allein mit sich und seiner Stimme dasteht.
Machtpolitik und Kolonialismus bleiben aussen vor
Solisten und Orchester tragen eine Inszenierung, in der in keinem Moment Langeweile aufkommt – aber die sich auf eine dekorative Einbettung der Geschichte beschränkt. Orient und Okzident bleiben Staffage, Ägypten gibt die vertrauten Bildklischees her, im Finale winkt Caesar mit seiner jüngsten Eroberung Kleopatra hoch vom Elefanten herab in die Kamera. Alexandria ist ein Ferienort, an dem sich ein Diktator, trotz finsterem Empfang mit dem abgeschlagenen Kopf des Pompeius, wohlfühlen kann.
Die Weltgeschichte bleibt Dekoration: Ptolemaios (links) und Caesar treffen im Palast aufeinaner.
Die Kriegsgurgel Caesar, der rücksichtlose Eroberer, dessen Ägyptenfeldzug am Ende eines blutigen innerrömischen Bürgerkriegs um die Alleinherrschaft steht: Das bleibt in der St.Galler Inszenierung ebenso ausgeblendet wie der Machthunger der Kleopatra, für den ihr Bruder Ptolemaios den tödlichen Preis zahlt.
Giulio Cesare trifft in St.Gallen als charmanter Zivilist und gut gelaunter Frauenheld ein. Seine goldene Badewanne wäscht fatalerweise auch die Dreckspuren der antiken Kolonial- und Machtgeschichte von der Oper weg.
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