, 6. Januar 2018
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Rorate und Ruprecht verpasst, nicht aber Panettone.

Der Polizeimeldungssammler Charles Pfahlbauer jr. schaut am Jahresende zurück und erinnert sich an Kunststudenten mit affektiertem Selbstdarstellungsdrang und seinen Kultbäcker mit Berlusconisympathien.

Es war einfach viel zu früh und viel zu kalt jeden Morgen. Wie immer im Dezember hatte ich mir vorgenommen, die Adventsmesse Rorate in der Kathedrale zu besuchen, wenigstens einmal, allein schon des Glockenweckrufs und des Dämmerungstilts wegen, Sie wissen schon, ich liebe Kirchenglocken genau so innig wie den 77er-Punkrock, das geht in meiner zweigeteilten Katholikenbrust bestens miteinander. Aber nein, Rorate nie geschafft, und leider auch nicht die feine Zwischenkultursuppenküche Knecht Ruprecht in meinem alten Lieblingsplattenladen.

Aber dafür sonst alles ganz nach dem üblichen gallenstädtischen Adventstrott: Mehr oder weniger erfolgreich die Glühweinolma umschifft, mehrmals befreundete, aber saisongemäss verzweifelte Jahresendseelen bei einem Teller Spaghetti oder auch nur einem Kaffeelutz gewärmt, und brav ein halbes Dutzend Panettoni für die verzweigte Familie gekauft; selbstverständlich beim mehrheitsfähigen Bäckermeister neben der Gassenküche, der mit seinen legendären Berlusconisympathien politisch so umstritten wie backhandwerklich brillant bleibt; mittlerweile nennt er sich ja Kultbäcker und listet seinen Medaillensegen bei der Swiss Bakery Trophy auf einem irrwitzig vollgeschriebenen Handzettel auf, den er all seinen 13 Panettone-Varianten beilegt. La Fabbrica del Panettone di San Gallo! Kann ich nur empfehlen, zumindest die selber probierten Sorten mit Moscato, Pistazien und Marroni.

Unvermeidbar zum nahenden Jahresende auch das brennende Verlangen aufzuräumen. Am liebsten als Nebenperson: Charlie ist ein Anderer, dem jetzt aufgeräumt werden muss. Immer bleibt es auch hier bei der Absicht. Ich verliere mich dann in irgendeiner Beige in der Schreibstubenecke und studiere alte Zettel, in deren Geschreibsel ich mich nicht erkennen mag. Dieses Jahr besonders bremsend war ein Notizbuch voller gut gemeinter Listen. Zum Beispiel eine mit Orten, die ich häufiger aufsuchen sollte:

1. Papillon.
2. Forchetta d’Oro.
3. Horst Klub Kreuzlingen.
4. Hirschen St.Fiden.
5. Bierhalle Linde Balgach.
6. Blutspendezentrum.

Und so weiter.

Oder jene ebenfalls unfertige Liste nervtötender Begegnungen, wie auf Zugfahrten:

1. Kichernde Teenagergirls, speziell aus der welschen Provinz.
2. Frühtauzubergeuphorische Seniorenwandergruppen.
3. Angetrunkene Rekruten und Soldaten.
4. Nüchterne Rekruten.
5. HSG-Studenten, speziell Walliser und Innerschweizer.
6. Schweizer Fussball-Nati-Anhänger.
7. Kunststudenten mit affektiertem Selbstdarstellungsdrang.
8. Chinesinnen in Gruppen grösser als zwei, oder allein am Telefon.

Das ging weiter bis 17, ohne Datum und weiteren Hintergrund, aber mit Streichresultaten und Korrekturen: Parfümerieverkäuferinnen aus Wil, nur als Beispiel, war durchgestrichen.

So blieb einmal mehr wenig Zeit für die Einkehr und das Einlullen in langsam brennende Gedankenkerzen. Dabei wäre ein Jahresrückblick im guten grossen Ganzen positiv herausgekommen: Beispielsweise dürfen wir Pfahlgenossen klar sagen, dass unsere Ostrandzone sicherer geworden ist. Vielleicht noch nicht wieder so sicher wie zu Sicherste-Sauberste-Valier-Polizeizeiten, aber doch gefühlt weniger gefährlich. Nicht selten wenden sich ortsunkundige Ausserostschweizer ja an mich mit der Frage: Sag mal, Charlie, wie gefährlich ist die Ostzone wirklich? Ich winke dann ab und verweise auf aktuelle Meldungen aus dem grenznahen Ausland: Was in Vorarlberg abgeht, ist so viel krasser und schlimmstenfalls eine Zukunftswarnung dessen, was uns im Gallenumland bevorsteht.

Erst diesen November zum Beispiel meldete die Polizei ennet dem Rhein einen fürchterlichen Überfall, der sich etwa so abspielte: Zwei pensionierte, aber noch nicht uralte Frauen wurden am frühen Abend auf dem Rheinauradweg in Höchst von zwei Jugendlichen auf unbeleuchteten Fahrrädern überrumpelt. Der eine Velorowdy stellte sich mit seinem Fahrrad quer vor die Frauen und sagte: «Euro». Als die beiden Frauen bedauerten, kein Geld dabei zu haben, holte der Bengel eine silberne Pistole aus seiner Jackentasche und wiederholte seine Forderung mit den Worten: «Euro, Puff, Puff». Als die beiden verängstigten Opfer weiterhin beteuerten, kein Geld zu haben, fuhr der Bedroher mit dem Velo Richtung Bruggerloch davon. Die Polizei konnte ihn später eruieren: Der Typ war 14jährig, seine Waffe tatsächlich eine Spielzeugpistole. Vielleicht sollte ich einmal aufhören, Polizeimeldungen zu sammeln.

Andererseits: Wo fände ich sonst ein schöneres Jahresmotto als: Euro, Puff, Puff. Was ich mir auch immer vornehme, es wird alles beim Alten bleiben. Also: Bleiben Sie schön unten, den Kopf nah an der Strasse, Street Credibility bleibt so wichtig wie eh und je. Und jetzt verzetteln Sie sich gefälligst ins Achtzehn!

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

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