Manchmal, wenn ich wieder über die Trumps und Putins und Camerons dieser Welt fluche oder aber über die angeblich vierzig hiesigen Bundesbetriebsmanager, die das Doppelte oder Dreifache eines Bundesrats verdienen, und manchmal, wenn ich weder das Grundeinkommen noch die Präimplantationsdiagnostik so richtig durchdenken kann, und manchmal, wenn ich ob dem Nichtlauf schon der gallenstädtischen Welt schier verzweifle, dann sagt Braunauge nur: Handlungsspielraum. Bleib in deinem Handlungsspielraum, Charlie, und bewege, was du wirklich bewegen kannst.
Und neuerdings, seit sie in ihrer Coaching-Ausbildung einen nostalgischen amerikanischen Golferfilm gesehen hat, sagt sie auch: Schlag um Schlag, Charlie, ganz einfach, und am besten ohne Zigarette, gell. Und dann wird sie konkreter: Wie wärs mit ein wenig Frühlingputz und mit Winterpneus montieren und wolltest du nicht mal das Gestell im Keller flicken. Kürzlich, als mich ein Schub akuter Arbeitsblockade packte und in eine bodenlose Versackung riss, wurde sie sogar grob: Hau doch ab in den Thurgau, du himmeltrauriger Sack, lauf ein wenig durch die Langeweile, am besten auf dem Weinweg in Weinfelden. Dann mussten wir natürlich sehr lachen, ob dem braunaugigen Kalauer. Und ich versuchte dann tatsächlich die Glühbirne in der komplizierten alten Stubendeckenlampe zu ersetzen. Hab ich schon mal erwähnt, dass Braunauge auch sagt: Du bist ja nicht dumm, Charlie, aber denkfaul, und nicht wahnsinnig praktisch veranlagt.
Das alles kam mir an jenem verregneten Donnerstagabend in den Sinn, als ich die Abstimmungsunterlagen ausbreitete. Schon wieder eine Qual der Wahl, allein diese Landesausstellung in der Ostrandzone, die einem jetzt aus allen Ecken schmackhaft gemacht werden soll, zuallererst von den Standortfritzen, hurra, hurra, lass es Standortförderung regnen über unsere ausgetrocknete Wüste, aber hallo, könnte man bitte auch mal an den hundsgemeinen Pfahlbauer denken, der hier in aller Bescheidenheit schon seit Jahrtausenden überlebt? Aber bevor ich intensiver nachdenken konnte darüber, was Gallen alles nicht kann, aber plötzlich eine Expo können will, da fand ich in der Post eine ganz andere, längst vergessene, aber unmittelbare Bedrohung: Das Monstertuch! Es ist schon vier Fussballfelder gross und kommt immer näher! Im Juni legen es die gefürchteten Kuschelzwillinge nicht mehr auf irgendeinem Hügel im Fürstenland, sondern in einem Quartier unten am Grossen Pfahlbauersee aus. In einem Wohnquartier! Und erst noch über die Schienen unserer herzigen Bergbahn!
Die Kuschelzwillinge seien wieder auf Tuchjagd, hiess es im Schreiben, und sie zeigten sich angriffslustig: «Das erste Mal, dass das Tuch zu den Leuten kommt und nicht umgekehrt», drohten sie frech. Ich schreckte auf und dachte an den alten Freund, der akut bedroht ist: Grgr, wie wir ihn nennen, wohnt nämlich in seinem Häuschen bei den Schienen mitten im Riesentuchfühlungstestgelände, direkt neben jener Fabrik, deren Direktor in meiner Jugend einmal einen sagenhaften Wettbewerb in der Zeitung ausschrieb. Da musste man Buchstaben einsetzen, also Vokale, gegeben waren nur die Konsonanten: Gr g r L d rg rb r. Klar, dass wir jungen Pfahlbauer schnell die Lösung hatten und fröhlich einschickten: Grügür Lüdürgürbür. Und das alles zur Ehr unseres eigenen Grgr, der von da an eben so hiess.
Handlungsspielraum, Charlie, in deiner alten Siedlung am Grossen See, durchzuckte es mich. Ich musste Grgr blitzartig warnen, sonst würde er in seiner Gutgläubigkeit auf die Schalmeien reinfallen und mit seinen Buben noch Tuchlegen gehen. Immerhin umgarnen die Kuschelzwillinge sogar Familien und versprechen wie im Märchen «einen grossen Picknick-Korb, gefüllt mit kulinarischen Köstlichkeiten aus der Region». Obwohl ich Grgr und den andern Pfahlgenossen die Gefahr an dieser Stelle schon einmal eindringlich erklärt hatte, hatten sie nichts unternommen. Aber wenn nicht jetzt im Juni, so nah am See, dann nimmer mehr. Wie heisst es in der Picknickankündigung: «In ein paar Jahren wird das Riesentuch erste Häuser, Strassen, Wälder oder auch Gewässer integrieren.» Wir müssen das jetzt wörtlich nehmen, besonders das Gewässer, ab in den See mit Gewichten an den Füssen, wie in Asterix bei den Schweizern. Ein guter Plan, im Handlungsspielraum, dachte ich und war zufrieden. Knapp.
Charles Phalbauer jr.
Kunstausstellung
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Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
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