Hey hey, mei mei, war das ein Ideenbasar! Allein der Name sorgte für Kreativitätsschübe, wie wir sie lange nicht erlebt hatten: Hipfahllaria! Pfahlster! Pfanalog! Vintagepfahladies! Retropia! Ruprechts Rache! Pfahlhalla! Sankt Phallbau! Und so weiter. Freifröhlichste Assoziationsströme. Sie flossen am Tag, als der Grosse Regen kam und wir im grösseren Kreis mit Miesmuscheln-Spaghetti, Grillsalami, Stangenbohnensalat und üppig Weisswein den Herbstanfang feierten. Und dass die Wahlen bald vorbei wären, die uns wie immer, ob National-, Kantons-, Stadt- oder Gemeinderatswahlen, in unseren christlichsozial verwalteten Genossenschaftshäusern am Steilhang die sonnigen Köpfe der Ceevaupee vor die Eingänge beschert hatten. Wobei uns die gruslige Wahlchose um den alten Chinesen und seine Mannschaft ziemlich kalt liess. Addams Family oder Munsters? Darüber hätte unsereiner vielleicht vor fünfzig Jahren noch streiten können.
Aber eben, ein Reizbegriff hatte alle auf den Plan gerufen: Freie Ladenlokale St.Gallen. So hiess nicht wie erwartet eine brandneue Gähnband aus der Gallenstadt, die es wieder einmal mit deutschen Texten versuchen wollte. Sondern ein Gefäss auf dem Wurmfortsatz der Nichtigkeiten, das Kranich, unser Fachbeauftragter für sonderbare Medien, entdeckt hatte. Der schlaksige Wuschelkopf checkte für uns, wie man so sagt, all die frischen Locations und partizipativen Bewegungen; neuerdings verkehrte er zum Beispiel im Lattich und im Museum der Leere, was er beides nur halbherzig empfahl. Freie Ladenlokale St.Gallen, rief Kranich, das ist die kommende Bewegung, das ist die neue Expo! Wenn die Krämer erst verschwunden sind, kommen die Kleinpfähler. Und wenn der Jumbo die Gallenstadt liquidiert, bauen wir sie nigelnagelneu auf! Wie immer übertrieb er ein bisschen, doch wir sahen sofort seinen Punkt: Operation Strukturwandel im Zentrum der Ostrandzone! Was den einen ihr Leid, ist den unsern eine Freud!
Pfahlbauer-Läden an jeder Ecke, Schmalhansens Furzflohmarkt, Sumpfbibers Steinsammlung, Rotbackes Segeltuchlabyrinth, Henriettes Gummikleintierzoo! Und ernsthafter: Pickelpavels tschechische Alkoholkollektion, waghalsige Direktlieferung garantiert. Harry Grimms geschmuggelte Merguez, Salamis und Oliven, für einmal für alle offiziell ausgelegt. Wir würden endlich zeigen, wieviel wir der gebeutelten Gallenstadt in all den Jahren an Lebenszuschüssen gebracht hatten. Allein unsere Pflege des Tierlebens verdiente einen ständigen Schaukasten! Die vielen Quartierkatzen, denen wir gut zugeredet und mit denen wir – ach der verschwundene rote Läufer! – so manche Geländermeter zurückgelegt hatten. Die jungen Füchse, die wir am Hang betreut hatten. Die beiden Dachse, die wir gefüttert hatten. Die Mäuse, Hühner, Krähen, die Waschbären und die Siebenschläfer, die wir ausgesetzt hatten. Vor allem die Siebenschläfer. Wie die für Belebung sorgten in der sterbenden Innengallstadt.
So blitzartig der Ideensprühregen gekommen war und so hell die Visionen funkelten, so schnell machte sich auch eine gewisse Ermattung breit. Und dann trat Pavels Kumpel, ein bleicher Italiener, vehement auf die Spassbremse: Ihr habt keine Chance, lallte er, erstens sind noch die randständigsten freien Ladenlokale jenseits all eurer Budgets, und zweitens werden auch die wieselflink von den vorherrschenden Interessensgruppen eingenommen sein, als da kommen Nagelstudios, Hipsternippeslädeli, Autogaragen, Yogastudios, Tätowierschuppen, Digitalgalerien, Flexibastelräume, was halt so läuft. Prompt war der Stecker draussen, die Stimmung am Boden. Kurz bevor die ganze Miesmuschelrunde angesäuert kippte, machte Sumpfbiber einen Vorschlag zur Güte: Lasst uns wieder einmal Melancholia schauen, schöner Sterben in Hunter-Stiefeln, morgen sieht die Welt ganz anders aus. Wir liessen es uns gefallen. Aber die Faszination blieb: Freie Ladenlokale St.Gallen, ein Zauberwort für eine Zukunft, die nicht in Zureich enden muss.
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
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Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.