Allein an jenem Tag hatten wir 47 dieser ekligen Langhälse gezählt, das ganze Ufer hatten sie in Beschlag genommen und sich frech auch an Land breit gemacht. Kein Wunder, wenn sie von unzähligen Jöö-Familien und verwirrten Tierfreunden auch noch gefüttert wurden. Grauenvoll, wie in einer Schlangengrube, meinte Sumpfbiber und machte unmissverständlich klar, dass unsererseits etwas zu unternehmen sei. Der Beschluss in der Pfahlgenossenrunde war schnell gefasst: Jeder sollte jeden Tag oder wenigstens zweimal wöchentlich einen Langhals erwürgen oder sonstwie ins Jenseits befördern. Diese verdammte Schwanenplage!
Das war das, und das war gut, weil wir in diesem vermaledeiten Juni etwas zu tun hatten. Wir taten sonst ja auch nur, was alle taten: Schirme aufspannen, Schnecken sammeln, Sandsäcke beigen. Wir veranstalteten einen No-Expo-Trauer-Grill und einen No-Bignik-Freuden-Grill, der natürlich komplett verschifft wurde und sowieso niemanden hinter dem Ofen hervorlockte. Wir schauten viel zu viel Fussball und unterstützten wie in allen früheren Meisterschaften auch bei dieser wieder entweder krass über- oder dann unterschätzte Mannschaften, die wie gewohnt früh aus dem Turnier schieden. Jedenfalls fast alle, wir wollen keine Namen nennen, weil die Wetten noch laufen und nicht ganz alle verloren sind.
Und an einem Freitag fuhren wir, ebenfalls wie alle andern, ins überschwemmte Chancental, um blödsinnig zu begaffen, wie flott der grosse Fluss daherkam und welche neuen Chancen er eröffnete. Und wie er wieder mal klar stellte, wer dort der Boss ist. Wir hockten in der Habsburg und sahen, wie einer ein angespültes Trottinett aus dem Rheinvorland trug, und wir fragten uns, ob die Tränen des Bündnerkindes, das sein Gefährt verloren hatte, wohl auch vom Fluss fortgetragen wurden. Aber wir wurden ansonsten nicht weiter poetisch, sondern warfen ein Pepitafläschchen von der alten Stahlbrücke, um darauf zu wetten, ob und wann es in Braunauges Kleinbasler Keller auftauchen würde. Als wir wegfuhren, sahen wir in einem aufgeplusterten Agglo-Breidorf ein schreiendes Eisenpferd, qualvoll in ein Gitter gesperrt, und wir waren gottenfroh, nicht im reissenden Chancenflusstal leben zu müssen.
Eines Abends, vermutlich war das schon der Höhepunkt dieses Mordmonats, sassen wir an einer langen Festbank in einer unserer Hütten am Grossen Pfahlbauersee. Und assen, oder versuchten zu essen: Schwanenbraten. Was ein königliches Festmahl hätte sein sollen, wurde allerdings zur Mutprobe und zum Würgtest. Obwohl wir das aquatische Vieh wie empfohlen vier Tage abhängen und die Bakterien ihre Arbeit verrichten lassen hatten. Ist ja noch schlimmer als Kormoran, schimpfte Sumpfbiber schon beim ersten Bissen. Harry Grimm gab ihm recht: Widerlich fettig und zäh, grunzte er und spuckte den Happen aus: Sogar der Storch kürzlich hat mir besser geschmeckt. Auch Schmalhals, ausgerechnet er, verschmähte das Fleisch seines Halsartgenossen: Das stinkt ja fürchterlich, ich möchte nicht wissen, in welchem abgestandenen Seichtümpel der was gefressen hat. Schwanengesang mit Salmonellenorchester! Es war uns nicht zum Lachen. Alles wäh wäh wäh, winkten auch Rotbacke und Braunauge ab, beides dankbare und neuen Geschmacksrichtungen gegenüber aufgeschlossene Fleischesser.
Was lernen wir daraus: Nicht mal fressen kann man die blöden Weissfederviecher. Sie hatten mich schon als kleiner Seebub genervt, ihre ach so majestätische Art, die schnell in ein primitives Gefauche überging, wenn man ihnen zu nahe trat; ihr Name, ihr Hals, ihr aufgeplustertes Getue und vor allem die Tatsache, dass sie immer viel weisser waren als meine Hosen und meine Leibchen. Von wegen weisse Unschuld: Einer biss mir mal den Zeigfinger blutig. Daraufhin schlug ich ihn mit dem Landhockeyschläger… Lassen wir das. Zugegeben, die blöden Schwäne wären nicht wirklich ein Problem, wenn es wie früher nur ein paar von ihnen gäbe. Aber jetzt, da sie zu Tausenden unsere Gewässer behöckern, fünftausend schon in diesem Land, sind sie selber schuld, dass es allen andern Lebewesen zu viel wird. Verdammte Schwanenplage! Die endlich behördlich hochoffiziell bewilligte Ausmerzaktion ist ganz nach unserem Geschmack.
So endete der Juni doch noch erfreulich und mit Aussichten: Es gibt viel zu tun in diesem Sommer. Packen wirs an, jeder greift sich einen Langhals! Und versucht es dann halt selber, auf euren Grills, vielleicht geht’s ja mit einer dicken Hothonigchilisenfmarinade.
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